Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Qual der Wahl? Finanzpolitik zwischen Konsolidierung und Konjunkturstabilisierung

04.11.2008
Eine Untersuchung der Universität Leipzig zu den konjunkturpolitischen Optionen der Bundesregierung wurde jetzt im "Wirtschaftsdienst - Zeitschrift für Wirtschaftspolitik" veröffentlicht. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass "sich der Konflikt zwischen Konsolidierungs- und Stabilisierungserfordernissen bei Impulsen im Umfang von 15 Mrd. Euro p.a. in engen Grenzen hält" - andererseits wird mittlerweile immer deutlicher, dass zur Vermeidung oder Überwindung einer Rezession Impulse in einer Größenordnung von 25 Mrd. Euro erforderlich wären.

Ausgangspunkt ist die Rezession der Industrieländer, "auch wenn die Zertifizierung durch die Amtliche Statistik noch aussteht", sagt Professor Dr. Ullrich Heilemann, Direktor des Institutes für empirische Wirtschaftsforschung der Universität Leipzig und Erstautor des Beitrages.

"Die Schwäche ist weltweit und im Verbund mit der tiefen und anhaltenden Finanzkrise sind viele Ingredienzien einer Jahrhundertkrise vorhanden, besonders, wenn jetzt auch noch das Währungsgefüge bröckelt." Viele fühlen sich an 1929 erinnert, zumal auch damals Politik und Wissenschaft die Dramatik der Situation lange verkannten. Angesichts des grenzenlosen Mitteleinsatzes zur Liquidierung der Bankenkrise werden nun auch Forderungen nach Rettung der Realwirtschaft laut.

Dazu stehen neben den geldpolitischen grundsätzlich drei finanzpolitische Möglichkeiten zur Verfügung: eine Senkung der direkten Steuern oder der Sozialversicherungsbeiträge sowie eine Erhöhung der staatlichen Investitionen. Damit und den zu erwartenden gesamtwirtschaftlichen Wirkungen setzt sich der jüngst erschienene Beitrag "Qual der Wahl? Finanzpolitik zwischen Konsolidierung und Konjunkturstabilisierung" im "Wirtschaftsdienst - Zeitschrift für Wirtschaftspolitik" auseinander.

Die Untersuchung gelangt u.a. zu dem Ergebnis, dass sich der Konflikt zwischen Konsolidierungs- und Stabilisierungserfordernissen bei Impulsen im Umfang von 15 Mrd. Euro pro Jahr in engen Grenzen hält, auch weil die untersuchten Maßnahmen z.T. beachtliche "Selbstfinanzierungseffekte" nach sich ziehen. "Die 15 Mrd. Euro entsprechen im Rahmen der 'kalten Progression' den zwischen 2006 bis 2010 aufgelaufenen Steuermehreinnahmen", so Heilemann.

Die Wirkungen auf Beschäftigung und Wachstum wären bei Impulsen in dieser Größenordnung relativ bescheiden, nur im Falle einer Erhöhung der staatlichen Investitionen wäre mit einem spürbaren Gegengewicht zu einer konjunkturellen Abschwächung zu rechnen, nach drei Jahren läge die Zahl der Erwerbstätigen um etwa 350000 Personen und das reale Bruttoinlandsprodukt um ca. 0,8 % höher.

Trotzdem spräche viel für die Senkung der Steuern und Sozialversicherungsabgaben im Gegensatz zu einem staatlichen Investitionsprogramm. Das sind nicht nur steuersystematische und ordnungspolitische Gründe, sondern auch die Möglichkeit, diese Maßnahmen rasch zu realisieren und im Falle der Senkung der Sozialversicherungsbeiträge die Lohnnebenkosten zu verringern. "Dadurch könnte die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft erheblich gewinnen", meint Heilemann. Die Wirkungen der beiden Maßnahmen würden sich vor allem über steigende verfügbare Einkommen bei den realen Konsumausgaben der privaten Haushalte bemerkbar machen, die im Durchschnitt von drei Jahren um ca. 1 % höher lägen.

Mit Blick auf die sich abzeichnenden deutlich verschlechterten Wachstumsaussichten Deutschlands und der Weltwirtschaft sollten die Impulse freilich eher in der Größenordnung von 25 Mrd. Euro jährlich liegen. Das sind ca. 1 % des Bruttoinlandprodukts, also ähnlich hoch wie die bislang in den Vereinigten Staaten erfolgte Stimulierung. "Wichtig wäre dabei angesichts der mittlerweile hohen internationalen Verflechtung ein international oder jedenfalls in der EU abgestimmtes Vorgehen, nationale Alleingänge beinhalten gleichermaßen die Gefahr des teilweise Verpuffens oder der Überreaktion mit der Folge von Inflationswirkungen", warnt Heilemann. Auf jeden Fall müsste eine Umsetzung der Maßnahmen möglichst bald erfolgen - je fortgeschrittener die Krise, desto höher ihre volkswirtschaftlichen Kosten und desto teurer ihre Eindämmung.

Ullrich Heilemann, Stefan Wappler, Georg Quaas, Hagen Findeis: Qual der Wahl? Finanzpolitik zwischen Konsolidierung und Konjunkturstabilisierung. Wirtschaftsdienst - Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, 88. Jg. (2008), Heft 9, S. 585-593, online abrufbar: www.springerlink.com/content/a23675113274n600/).

weitere Informationen

Prof. Dr. Ullrich Heilemann
Telefon: 0341 97-33782
E-Mail: heilemann@wifa.uni-leipzig.de

Dr. Bärbel Adams | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de/wifa/emp

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht IAB-Arbeitsmarktbarometer: Arbeitslosigkeit sinkt verhaltener
27.07.2017 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index bleibt aufwärts gerichtet
20.07.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ruckartige Bewegung schärft Röntgenpulse

Spektral breite Röntgenpulse lassen sich rein mechanisch „zuspitzen“. Das klingt überraschend, aber ein Team aus theoretischen und Experimentalphysikern hat dafür eine Methode entwickelt und realisiert. Sie verwendet präzise mit den Pulsen synchronisierte schnelle Bewegungen einer mit dem Röntgenlicht wechselwirkenden Probe. Dadurch gelingt es, Photonen innerhalb des Röntgenpulses so zu verschieben, dass sich diese im gewünschten Bereich konzentrieren.

Wie macht man aus einem flachen Hügel einen steilen und hohen Berg? Man gräbt an den Seiten Material ab und schüttet es oben auf. So etwa kann man sich die...

Im Focus: Abrupt motion sharpens x-ray pulses

Spectrally narrow x-ray pulses may be “sharpened” by purely mechanical means. This sounds surprisingly, but a team of theoretical and experimental physicists developed and realized such a method. It is based on fast motions, precisely synchronized with the pulses, of a target interacting with the x-ray light. Thereby, photons are redistributed within the x-ray pulse to the desired spectral region.

A team of theoretical physicists from the MPI for Nuclear Physics (MPIK) in Heidelberg has developed a novel method to intensify the spectrally broad x-ray...

Im Focus: Physiker designen ultrascharfe Pulse

Quantenphysiker um Oriol Romero-Isart haben einen einfachen Aufbau entworfen, mit dem theoretisch beliebig stark fokussierte elektromagnetische Felder erzeugt werden können. Anwendung finden könnte das neue Verfahren zum Beispiel in der Mikroskopie oder für besonders empfindliche Sensoren.

Mikrowellen, Wärmestrahlung, Licht und Röntgenstrahlung sind Beispiele für elektromagnetische Wellen. Für viele Anwendungen ist es notwendig, diese Strahlung...

Im Focus: Physicists Design Ultrafocused Pulses

Physicists working with researcher Oriol Romero-Isart devised a new simple scheme to theoretically generate arbitrarily short and focused electromagnetic fields. This new tool could be used for precise sensing and in microscopy.

Microwaves, heat radiation, light and X-radiation are examples for electromagnetic waves. Many applications require to focus the electromagnetic fields to...

Im Focus: Navigationssystem der Hirnzellen entschlüsselt

Das menschliche Gehirn besteht aus etwa hundert Milliarden Nervenzellen. Informationen zwischen ihnen werden über ein komplexes Netzwerk aus Nervenfasern übermittelt. Verdrahtet werden die meisten dieser Verbindungen vor der Geburt nach einem genetischen Bauplan, also ohne dass äußere Einflüsse eine Rolle spielen. Mehr darüber, wie das Navigationssystem funktioniert, das die Axone beim Wachstum leitet, haben jetzt Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) herausgefunden. Das berichten sie im Fachmagazin eLife.

Die Gesamtlänge des Nervenfasernetzes im Gehirn beträgt etwa 500.000 Kilometer, mehr als die Entfernung zwischen Erde und Mond. Damit es beim Verdrahten der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Ferienkurs mit rund 600 Teilnehmern aus aller Welt

28.07.2017 | Veranstaltungen

10. Uelzener Forum: Demografischer Wandel und Digitalisierung

26.07.2017 | Veranstaltungen

Clash of Realities 2017: Anmeldung jetzt möglich. Internationale Konferenz an der TH Köln

26.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Firmen räumen bei der IT, Mobilgeräten und Firmen-Hardware am liebsten in der Urlaubsphase auf

28.07.2017 | Unternehmensmeldung

Dunkel war’s, der Mond schien helle: Nachthimmel oft heller als gedacht

28.07.2017 | Geowissenschaften

8,2 Millionen Euro für den Kampf gegen Leukämie

28.07.2017 | Förderungen Preise