Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Konjunkturpaket II reduziert Wachstumsverlust um 0,6 Prozentpunkte

28.01.2009
Forscher warnen vor Spardebatte

Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung sollte dringend nachgebessert werden, um seine Wirksamkeit zu erhöhen. Problematisch ist vor allem die Zusammensetzung des Konjunkturpakets II: Bei einem Gesamtvolumen, das nur an der Untergrenze des Erforderlichen liegt, fließt zu viel Geld in Steuer- und Abgabensenkungen und damit in konjunkturell wenig effiziente Maßnahmen.

Zudem treten diese viel zu spät in Kraft. Es wäre daher sinnvoll, zumindest die vorgesehene Kinderzulage als schnell wirkendes Element deutlich aufzustocken. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung. "Die Krise herrscht jetzt und nicht erst zur Jahresmitte 2009", warnen die Wissenschaftler in einer neuen Untersuchung, die am heutigen Dienstag als IMK Policy Brief erscheint. "Die Konstruktion des Konjunkturprogramms, das späte Inkrafttreten und der hohe Anteil von Steuer- und Abgabensenkungen verhindern, dass die Wirtschaft in Deutschland bereits in diesem Jahr effektiv stabilisiert wird. Stattdessen lässt man sie in eine tiefe Rezession fallen."

Das IMK geht in seiner aktualisierten Prognose davon aus, dass die deutsche Wirtschaft 2009 ohne Eingreifen des Staates um drei Prozent schrumpfen würde. Dies kommt dem negativen Risikoszenario von 3,5 Prozent Rückgang nahe, das die Konjunkturforscher in ihrer Prognose vom Dezember skizziert hatten. In der bislang beschlossenen Form kann das Konjunkturpaket II den Wachstumsverlust um 0,6 Prozentpunkte dämpfen. Somit geht das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr nach der neuen IMK-Prognose um 2,4 Prozent zurück. Durch die Konjunkturpakete I und II sowie die Wiedereinführung der Pendlerpauschale fallen für die öffentliche Hand 2009 und 2010 Mehrausgaben und Mindereinnahmen von 65,3 Milliarden Euro an.

"Es gibt keine Alternative dazu, mit Konjunkturprogrammen den Sturz der Wirtschaft zu bremsen. Hätte man das Paket aber effizienter angelegt, könnte mit dem eingesetzten Geld wesentlich mehr erreicht werden", sagt der Wissenschaftliche Direktor des IMK, Prof. Dr. Gustav A. Horn. Während sich beispielsweise öffentliche Investitionen über Nachfrage- und Beschäftigungseffekte zu einem erheblichen Teil selbst finanzierten, sei diese Form der Gegenfinanzierung bei Steuer- und Abgabensenkungen fast zu vernachlässigen.

Das IMK empfiehlt, wenigstens die kurzfristig wirksamen Komponenten des Pakets aufzustocken und die geplante Kinderzulage von 100 auf 500 Euro zu erhöhen. Für den Staat entstünden Mehrausgaben von sieben Milliarden Euro. Die Ökonomen halten die Zusatzbelastung für absolut vertretbar, wenn damit verhindert werden könne, dass der konjunkturelle Einbruch die Arbeitslosigkeit massiv ansteigen lässt. "Greift die Krise aber erst in vollem Umfang auf den Arbeitsmarkt über, sind auch alle Hoffnungen auf einen die Konjunktur stabilisierenden Konsum vergebens." Demgegenüber sei ein staatliches Defizit von mehr als drei Prozent vom BIP zweitrangig und angesichts der Ausnahmesituation mit dem Europäischen Wachstums- und Stabilitätspakt vereinbar.

Um die Wirkung des Programms nicht noch weiter zu reduzieren, dürfe der Staat auf keinen Fall an anderer Stelle sparen, warnen die Konjunkturforscher zudem. Horn: "So bitter das für die Steuerzahler ist: Der Staat hat bislang nicht zu viel getan, sondern eher noch zu wenig. Ein Abschwung ist nicht die Zeit für Sparversuche egal welcher Art." Ein Großteil solcher Sparanstrengungen würde sich ohnehin negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken - und damit wegen schwächerer Steuereinnahmen und höherer Kosten für Arbeitslosigkeit fast wirkungslos verpuffen.

Besonders kritisch sehen die Experten die Schuldenbremse, deren Einführung die Bundesregierung zeitgleich mit dem zweiten Konjunkturprogramm beschlossen hat. Mit diesem "mechanischen" Instrument könne die Politik nicht mehr stark genug auf konjunkturelle Schwankungen reagieren und sei möglicherweise gezwungen, zu früh wieder auf einen Sparkurs umzuschwenken. Stattdessen müsse die Bundesregierung bereit sein, die fiskalischen Stützungsmaßnahmen so lange in vollem Umfang aufrecht zu erhalten, wie es die konjunkturelle Lage erfordert, schreiben die Ökonomen des IMK. Das könne möglicherweise mehrere Jahre dauern. "Erst wenn die Krise überwunden ist, darf der Konsolidierungseffekt einsetzen. Dies vorab mittels eines konkreten Datums festlegen zu wollen, ist äußerst riskant."

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/320_94216.html
http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_pb_11_2009.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht Der Dauerläufer: Starke Binnennachfrage macht diesen Aufschwung robuster als seine Vorgänger
17.10.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht Positiv für die Volkswirtschaft: Die Zahl der Betriebsgründungen von Hauptniederlassungen steigt weiter
12.10.2017 | Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Im Focus: Neutron star merger directly observed for the first time

University of Maryland researchers contribute to historic detection of gravitational waves and light created by event

On August 17, 2017, at 12:41:04 UTC, scientists made the first direct observation of a merger between two neutron stars--the dense, collapsed cores that remain...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Aufräumen? Nicht ohne Helfer

19.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Biotinte für den Druck gewebeähnlicher Strukturen

19.10.2017 | Materialwissenschaften

Forscher studieren molekulare Konversion auf einer Zeitskala von wenigen Femtosekunden

19.10.2017 | Physik Astronomie