Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kapitalkosten in der EU - Steuerliches Investitionsklima in Deutschland deutlich verbessert

07.05.2015

Von den 28 EU-Mitgliedsstaaten konnte Deutschland die Kapitalkosten in den vergangenen 15 Jahren am stärksten senken, von 7,7 Prozent im Jahr 2000 auf 6,5 Prozent im Jahr 2014. Damit liegt es bei alleiniger Betrachtung der Besteuerung auf Unternehmensebene im Vergleich zu den anderen EU-Ländern zwar lediglich auf Rang 24, hat aber gegenüber dem 27. Platz, den es noch im Jahr 2000 einnahm, Boden gut gemacht.

Die umfassenden Reformen der Unternehmensbesteuerung in den Jahren 2001 und 2008 sowie die damit verbundene Senkung des Körperschaftsteuersatzes auf 15 Prozent zeigen also Wirkung, wie eine Untersuchung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim deutlich macht. Eine Gleichstellung von Real- und Finanzinvestitionen ist allerdings noch immer nicht erreicht.

Privatwirtschaftliche Investitionen sind für den Wirtschaftsstandort Deutschland von wesentlicher Bedeutung. Sie erhalten und schaffen Arbeitsplätze und stärken das Wirtschaftswachstum. Durch die Verbesserung der steuerlichen Investitionsbedingungen kann der Staat Anreize für die unternehmerische Investitionstätigkeit geben.

Dabei hängt die steuerliche Belastung der Investitionen aber nicht nur vom nominellen Steuersatz ab, sondern auch von anderen steuerlichen Regelungen wie beispielsweise den Abschreibungsregeln.

Die effektive steuerliche Belastung kann mit der Methode der Kapitalkosten umfassend abgebildet werden. Die Kapitalkosten sind dabei definiert als die erforderliche Mindestrendite, die eine unternehmerische Investition vor Steuern aus Sicht eines Investors abwerfen muss, damit sie nach Steuern der Rendite einer Finanzinvestition am Kapitalmarkt entspricht.

Kapitalkosten oberhalb der Kapitalmarktverzinsung weisen darauf hin, dass die Realinvestition im Vergleich zur Finanzinvestition steuerlich benachteiligt wird und die Investitionsentscheidung zugunsten der Kapitalmarktanlage verzerrt wird.

In seiner Studie berücksichtigt das ZEW fünf Arten von Vermögenswerten (Industriegebäude, Patente, Maschinen, Finanzvermögen, Vorräte) und drei Finanzierungswege (einbehaltene Gewinne, neues Eigenkapital, Fremdkapital). Die Kapitalmarktverzinsung wird mit fünf Prozent angesetzt.

Die hierauf basierenden Berechnungen des ZEW zeigen, dass in allen EU-Mitgliedstaaten die Kapitalkosten einer zu 55 Prozent aus einbehaltenen Mitteln, zu 10 Prozent aus neuem Eigenkapital und zu 35 Prozent aus Fremdkapital finanzierten Realinvestition die Kapitalmarktverzinsung übersteigen.

Am niedrigsten sind die Kapitalkosten in Estland (5,2 Prozent) und Bulgarien (5,3 Prozent), dicht gefolgt von Italien sowie Belgien und Kroatien (je 5,4 Prozent). Die höchsten Kapitalkosten - und damit auch die am stärksten ausgeprägten negativen Steueranreize auf das Investitionsvolumen - finden sich in Deutschland (6,5 Prozent), Großbritannien (6,7 Prozent), Malta (6,8 Prozent), Spanien (7,6 Prozent) und Frankreich (7,8 Prozent).

Punktuelle Maßnahmen, um vor diesem Hintergrund die Kapitalkosten in Deutschland weiter zu senken, wären eine Herabsetzung des Ertragssteuersatzes oder eine großzügigere Ausgestaltung der steuerlichen Abschreibungsregeln etwa durch die Wiedereinführung der degressiven Abschreibung. Diese Maßnahmen würden allerdings den in der steuerpolitischen Debatte wichtigen Anspruch eines investitionsneutralen Steuersystems nur teilweise erfüllen.

Um die Investitionsneutralität des deutschen Steuersystems, das heißt die steuerliche Gleichstellung von Real- und Finanzinvestitionen, zu verbessern, schlägt Christoph Spengel, Research Associate am ZEW und Professor an der Universität Mannheim, daher vor: "Wie in Estland könnten thesaurierte Gewinne von der Besteuerung befreit werden. Alternativ könnte ein fiktiver Zinsabzug für Eigenkapital eingeführt werden, wie er in Belgien oder Italien schon praktiziert wird."

Bei der Einbeziehung der Anteilsnehmerebene in die Überlegungen, ist auch die Abgeltungssteuer in Betracht zu ziehen. Durch eine Befreiung der Dividenden und Kapitalerträge von der Abgeltungssteuer sowie eine gleichzeitige Erhöhung des Abgeltungssteuersatzes für Zinseinkünfte auf den Satz, der auch für unternehmerische Gewinne anfällt, also in etwa 30,95 Prozent (abhängig von der jeweiligen Gewerbesteuer), würde das Steuersystem Realinvestitionen steuerlich besser stellen als Finanzinvestitionen.

Die vollständige Studie in englischer Sprache finden Sie unter:
http://ftp.zew.de/pub/zew-docs/policybrief/pb01-15.pdf

Für Rückfragen zum Inhalt:
Prof. Dr. Christoph Spengel, Telefon 0621/1235-142, E-Mail spengel@zew.de
Julia Braun, PhD, Telefon 0621/1235-347, E-Mail julia.braun@zew.de

Gunter Grittmann | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.zew.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index beendet das Jahr 2016 mit Rekordwert
24.01.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht IMK-Konjunkturindikator: Rezessionsgefahr nahe Null
18.01.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Scientists spin artificial silk from whey protein

X-ray study throws light on key process for production

A Swedish-German team of researchers has cleared up a key process for the artificial production of silk. With the help of the intense X-rays from DESY's...

Im Focus: Forscher spinnen künstliche Seide aus Kuhmolke

Ein schwedisch-deutsches Forscherteam hat bei DESY einen zentralen Prozess für die künstliche Produktion von Seide entschlüsselt. Mit Hilfe von intensivem Röntgenlicht konnten die Wissenschaftler beobachten, wie sich kleine Proteinstückchen – sogenannte Fibrillen – zu einem Faden verhaken. Dabei zeigte sich, dass die längsten Proteinfibrillen überraschenderweise als Ausgangsmaterial schlechter geeignet sind als Proteinfibrillen minderer Qualität. Das Team um Dr. Christofer Lendel und Dr. Fredrik Lundell von der Königlich-Technischen Hochschule (KTH) Stockholm stellt seine Ergebnisse in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften vor.

Seide ist ein begehrtes Material mit vielen erstaunlichen Eigenschaften: Sie ist ultraleicht, belastbarer als manches Metall und kann extrem elastisch sein....

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neuer Algorithmus in der Künstlichen Intelligenz

24.01.2017 | Veranstaltungen

Gehirn und Immunsystem beim Schlaganfall – Neueste Erkenntnisse zur Interaktion zweier Supersysteme

24.01.2017 | Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Im Interview mit Harald Holzer, Geschäftsführer der vitaliberty GmbH

24.01.2017 | Unternehmensmeldung

MAIUS-1 – erste Experimente mit ultrakalten Atomen im All

24.01.2017 | Physik Astronomie

European XFEL: Forscher können erste Vorschläge für Experimente einreichen

24.01.2017 | Physik Astronomie