Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kapitalanlagen vor Krisen schützen: Statistiker entwickeln neue Handelsstratetgien für Portfolios

16.05.2011
20 Prozent bessere Rendite in der Krise: Preis der Vereinigung technischer Analysten

Die Wertentwicklung von Kapitalmarktanalagen unterliegt vielen Einflüssen. Problematisch sind besonders plötzlicher Extremereignisse wie der Zusammenbruch der Lehman Bank, den viele Anleger empfindlich zu spüren bekommen haben.

Zum besseren Schutz eines Anlagenportfolios schlagen Dr. Nicolai Bissantz (Lehrstuhl Mathematik III der RUB), Dr. Matthias Arnold und Dr. Dominik Wied (TU Dortmund) und Dr. Daniel Ziggel (quasol GmbH, Spin-Off des Lehrstuhls Mathematik III der RUB) eine Handelsstrategie vor, die in schlechten Zeiten wesentlich bessere Ergebnisse erzielt.

Dazu entwickelten die Wissenschaftler zwei statistische Testverfahren, die die Wertentwicklung von Kapitalmarktanlagen kontinuierlich auf plötzliche Änderungen im Verhalten testen. In Simulationen einer Krise erzielten sie damit knapp 20 Prozent bessere Renditen als Standardportfolios. Die Ergebnisse der Arbeit wurden von der Vereinigung der technischen Analysten in Deutschland mit dem 3. Platz des VTAD-Award ausgezeichnet.

Mathematik als Schlüssel zum Erfolg

Die Vorgänge am Kapitalmarkt erscheinen nur auf den ersten Blick zufällig. Bei einer genauen Analyse stellt sich heraus, dass sie auf verschiedene Weise mathematischen, insbesondere wahrscheinlichkeitstheoretischen Regelmäßigkeiten unterliegen. Banken und andere Akteure betreiben daher einen erheblichen mathematischen Aufwand, um bessere Prognosen der zukünftigen Entwicklung zu erreichen. Eine erhebliche Schwierigkeit ist die Entwicklung von mathematischen Modellen für Ausnahmesituationen wie die neueste Finanzkrise. Während man in ruhigen Zeiten davon ausgehen kann, dass wichtige Kenngrößen wie die zufälligen Schwankungen einzelner Werte sowie die Korrelationen untereinander einer ruhigen, oft nahezu konstanten Entwicklung folgen, ändern sich diese Kenngrößen bei unvorhersehbaren Ereignissen schlagartig. Zum Schutz gegen große Verluste bei solchen Ereignissen wird in Portfolios oft in eine gewisse Breite von Anlagen investiert. Mit dieser Diversifikation will man erreichen, dass Verluste in einem Bereich und Gewinne in einer anderen Anlage sich gegenseitig ausgleichen. Voraussetzung dafür ist allerdings eine negative Korrelation dieser Anlagen, d.h. ein gegenläufiger Trend ihrer Werte. In der Finanzkrise änderte sich aber die Korrelation vieler Anlagebereiche – ihre Werte gingen systematisch in die gleiche Richtung und fielen. Auf den ersten Blick mag ein solcher 'Diversification meltdown' nur Anleger betreffen, die über so große Vermögen verfügen, dass es keinen stören sollte, wenn diese Verluste erzielen. Während dies für Privatanleger sicherlich so sein mag, ist dies dennoch ein großer Irrtum: nahezu jeder von uns ist darauf angewiesen, dass wichtige Marktteilnehmer ihre Portfolios vor Finanzkrisen schützen können: Auch das Wohl und Wehe von Versicherungen hängt davon ab, die wiederum Rentenauszahlungen und die Zahlungsfähigkeit anderer Versicherungen bestimmen.

Simulation: 20 Prozent bessere Ergebnisse als Standardportfolios

Der Kern der Arbeit der Statistiker aus Bochum und Dortmund bestand daher in der Entwicklung einer Handelsstrategie, die auf einer kontinuierlichen Untersuchung der Wertentwicklung von Kapitalmarktanlagen beruhen. Besonders plötzliche Änderungen ihrer zufälligen Schwankungen und der Korrelationen untereinander sind dabei bedeutsam. Löst der Algorithmus ein Warnsignal aus, werden diese Kenngrößen neu aus den vorliegenden Daten für die aktuelle Situation geschätzt, und eine neue optimale Zusammensetzung des Portfolios berechnet. In numerischen Simulationen der Handelsstrategie testeten die Forscher ihre Effizienz bei den zurückliegenden Börsenkrisen. Die vorgeschlagene Strategie führte dabei zu einer knapp 20 Prozent besseren Rendite als ein Standardportfolio mit gleichmäßiger Diversifikation in verschiedene Indizes, bei einer um sogar fast 30 Prozent geringeren Schwankung des Werts.

Diversifikation in Sparten besser als in Länder

Eine häufige Strategie zur Diversifikation von Portfolios ist die Aufteilung in verschiedene geographische Regionen oder Branchen wie Gesundheit, Versicherungen oder Telekommunikation. Gerade für kleinere Portfolios, bei denen eine häufige Änderung der Anlagen nicht erwünscht ist, wird oft eine solche statische Aufteilung gewählt. In einem weiteren Teil ihrer Arbeit haben Dr. Nicolai Bissantz und Dr. Daniel Ziggel, zusammen mit Dr. Kathrin Bissantz und Verena Steinorth, untersucht, wie sich die Korrelationen zwischen verschiedenen geographisch bzw. branchenorientierten Anlagen bei den zurückliegenden Börsenkrisen entwickelt haben. Dabei zeigte sich, dass Diversifikation zwischen Anlagen in verschiedenen Branchen besser funktioniert als zwischen Ländern.

Forschungsarbeit ausgezeichnet

Die Forschungsarbeiten der Bochumer und Dortmunder Statistiker fanden Eingang in vier Artikel, die bei renommierten Zeitschriften eingereicht wurden. Obwohl diese den zeitaufwendigen Publikationsprozess noch nicht abschließend durchlaufen haben, ist die Relevanz dieser Arbeiten so groß, dass diese bereits mit dem 3. Preis der Vereinigung der technischen Analysten in Deutschland (VTAD-Award) ausgezeichnet wurde. Die Vereinigung ruft jedes zweite Jahr technische Analysten zur Beteiligung mit einer innovativen Analyse auf. Dabei werden drei Preise für Ergebnisse verliehen, die neue Erkenntnisse in der technischen Analyse vermitteln oder etablierte Techniken wesentlich weiterentwickeln.

Gemeinsame Arbeit im Sonderforschungsbereich

Die beteiligten Wissenschaftler arbeiten zusammen im Sonderforschungsbereich 823 „Statistik nichtlinearer dynamischer Prozesse“, mit Ausnahme von Dr. Kathrin Bissantz und Verena Steinorth, in dem Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum und der TU Dortmund gemeinsam forschen. Die quasol GmbH ist ein Spin-Off des Lehrstuhls Mathematik III (Prof. Dr. Holger Dette) an der Ruhr-Universität, die durch eine Existenzgründerhilfe des Bundeswirtschaftsministeriums gefördert wurde.

Weitere Informationen

Dr. Nicolai Bissantz, Lehrstuhl Mathematik 3 der Ruhr-Universität, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-23291, E-Mail: nicolai.bissantz@rub.de, http://www.ruhr-uni-bochum.de/mathematik3/team/bissantz.html

TU Dortmund: Dr. Matthias Arnold, Tel. 0231 755 – 5203 E-Mail: arnold@statistik.tu-dortmund.de, Dr. Dominik Wied, Tel. 0231 755 – 3869, E-Mail: wied@statistik.tu-dortmund.de

Quasol: Dr. Daniel Ziggel, Quasol GmbH, Marktallee 8, 48165 Münster, Tel.: 02501/9779662, E-Mail: info@quasol.de, http://www.quasol.de/

Vorabversionen der Artikel können von der Homepage des Lehrstuhls Mathematik III heruntergeladen werden http://www.ruhr-uni-bochum.de/mathematik3/research/index.html

Redaktion: Meike Drießen

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/mathematik3/research/index.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index weiter aufwärts gerichtet
23.03.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht RWI erhöht Konjunkturprognose für 2017 leicht auf 1,3 Prozent
15.03.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise