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Das „Jobwunder“: In der Krise 3,1 Millionen Jobs gerettet

02.11.2010
Arbeitsmarktreformen leisteten kaum Beitrag

3,1 Millionen Arbeitsplätze sind in Deutschland über die Finanz- und Wirtschaftskrise gerettet worden, weil die Arbeitszeiten reduziert wurden und Unternehmen in der Hoffnung auf eine relativ rasche wirtschaftliche Erholung Beschäftigte gehalten haben. Das waren 7,7 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse.

Im internationalen und im historischen Vergleich hat sich der deutsche Arbeitsmarkt damit als außerordentlich flexibel und erfolgreich bei der Krisenbewältigung erwiesen – mit positiven makroökonomischen Folgen, weil drastische Nachfrageausfälle als Folge eines starken Anstiegs der Arbeitslosigkeit verhindert wurden.

Die Arbeitsmarktreformen des vergangenen Jahrzehnts haben zu diesem „Beschäftigungswunder“ hingegen allenfalls einen geringen Beitrag geleistet. Auch die ausgeprägte Lohnmoderation seit der Jahrtausendwende hat Wirtschaftswachstum und Beschäftigungsentwicklung in Deutschland eher geschwächt als gestärkt.

Zu diesem Ergebnis kommen Arbeitsmarktexperten des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) und des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung. Ihre neue Studie erscheint heute als IMK Report.*

„Die Krise macht endgültig klar, dass der deutsche Arbeitsmarkt viel besser ist als sein Ruf. Das liegt an einer spezifischen Balance von Flexibilität und Absicherung, die viele Arbeitsmarktforscher mit ihren angelsächsisch geprägten Modellen bislang weitgehend ignoriert haben“, sagt Prof. Dr. Gustav A. Horn, der Wissenschaftliche Direktor des IMK.

„Die deutsche Wirtschaft verfügt über eine hohe interne Flexibilität, vor allem bei der Arbeitszeit. Bei uns arbeiten besonders viele Beschäftigte mit Arbeitszeitkonten, zahlreiche Tarifverträge sehen vor, dass die Arbeitszeit innerhalb eines Korridors an die Nachfrage im Betrieb angepasst werden kann. Solche Regelungen sind natürlich nicht nur zur Krisenbewältigung gemacht. Sie sparen den Unternehmen in Zeiten hoher Auslastung viel Geld, weil Beschäftigte in Vorleistung treten und auf Überstundenzuschläge verzichten. Funktionieren können solche Regelungen nur, wenn Arbeitnehmer auf Fairness vertrauen können. Sie müssen also eingebettet sein in ein funktionierendes Tarifsystem, die Mitbestimmung und einen stabilen Kündigungsschutz.“ Die von manchen Politikern und Ökonomen aufgestellte Behauptung, die Hartz-Reformen hätten das Beschäftigungswunder verursacht, greife hingegen zu kurz, betont Horn.

In ihrer Studie beleuchten die Arbeitsmarktexperten Dr. Alexander Herzog-Stein, Simon Sturn, Fabian Lindner und Dr. Till van Treeck die Entwicklung des deutschen Arbeitsmarkts in der Wirtschaftskrise 2008/2009 sowohl im Länder- als auch im zeitlichen Vergleich. Dazu untersuchen sie erstens, wie die Beschäftigung in Spanien, Frankreich, Österreich und im Durchschnitt des Euroraums auf diese Krise reagiert hat. Zweitens vergleichen die Forscher die aktuelle Situation in Deutschland mit der in den Abschwungphasen 2001-2005 sowie nach der Ölkrise 1973-1975.

Zentrale Ergebnisse:

- Obwohl die exportorientierte deutsche Wirtschaft im aktuellen Abschwung einen besonders tiefen Einbruch beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) erlitt, blieb die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland konstant. Dagegen ging die Beschäftigung in Spanien um fast zehn Prozent, in Frankreich um knapp zwei Prozent und im Durchschnitt des Euroraums um gut zwei Prozent zurück. Lediglich in Österreich zeigte sich der Arbeitsmarkt ähnlich robust.

- Die stabile Beschäftigungsentwicklung in Deutschland ging einher mit einer besonders schnellen und starken Reduzierung der Arbeitszeit. Die gearbeiteten Stunden pro Arbeitnehmer gingen bis zum Höhepunkt der Krise um 3,4 Prozent zurück, während sie in Frankreich konstant blieben und in Spanien – als Folge von Entlassungen – sogar stiegen. Im Zuge der wirtschaftlichen Erholung sind Arbeitsvolumen und Arbeitsstunden je Arbeitnehmer dann auch besonders schnell wieder gestiegen.

- Auch die Stundenproduktivität der Beschäftigten sank in Deutschland in der akuten Krisenphase besonders deutlich. Das zeigt an, dass Unternehmen Beschäftigte hielten, obwohl diese mit ihrer normalen Tätigkeit nicht vollständig ausgelastet waren. Die Forscher nennen dafür als Gründe: Unternehmen haben ein Interesse, Beschäftigte zu halten, wenn sie davon ausgehen müssen, dass die Kosten für Entlassungen und für Neueinstellungen nach der Krise hoch ausfallen. Die Vereinfachung der Kurzarbeit und die fiskalische Stabilisierungspolitik dürften die Bereitschaft, Stammbelegschaften zu halten, wesentlich unterstützt haben. „Die Kurzarbeit reduzierte die Kosten für die Unternehmen, die Konjunkturprogramme im In- und Ausland haben die Hoffnung vergrößert, dass die Krise relativ rasch vorübergeht“, so Horn. Über einen kürzeren Zeitraum konnten Firmen Beschäftigte auch einsetzen, um die Infrastruktur zu warten oder um sie weiterzubilden.

- Die Arbeitszeit zu verkürzen, um eine akute Krise abzufedern, ist in Deutschland nicht neu. Im Abschwung 1973-75 konnten durch Arbeitszeitreduzierung etwa 1,2 Millionen Arbeitsplätze gesichert werden. Allerdings haben sich die Instrumente zur Anpassung der Arbeitszeit seitdem deutlich verändert. In den 1970er Jahren wurden vor allem Überstunden abgebaut und tarifliche Arbeitszeitverkürzungen in weiten Teilen der Wirtschaft vereinbart. In der gerade überwundenen Wirtschaftskrise wirkte sich hingegen die Nutzung von Guthaben auf Arbeitszeitkonten aus, die mittlerweile etwa jeder zweite Beschäftigte hat, sowie die Arbeitszeitkorridore in zahlreichen Tarifverträgen.

- Sowohl im Abschwung 1973-75 als auch 2008/2009 spielte zudem die Kurzarbeit eine bedeutende Rolle bei der Beschäftigungssicherung. In der langen Schwächephase 2001-2005 wurde hingegen Kurzarbeit kaum eingesetzt. Auch andere Formen der Arbeitszeitreduzierung spielten eine weitaus geringere Rolle.

Die Analyse zeigt: Politik und Wirtschaftsvertreter setzten im Abschwung 2001-2005 andere Schwerpunkte. In erster Linie verfolgten sie eine Steigerung der externen Flexibilität. Der Kündigungsschutz wurde geschwächt, atypische Beschäftigungsformen wie Leiharbeit oder Minijobs erleichtert. Die Einführung des Arbeitslosengeldes II erhöhte den Druck auf Arbeitslose und Lohnniveau. Parallel entwickelten sich die Löhne in Deutschland nur sehr schwach. Das setzte sich auch im darauffolgenden Aufschwung 2005 bis Anfang 2008 fort.

Diese Strategie hatte unter dem Strich negative Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft, zeigt der Vergleich mit anderen europäischen Ländern. Grund: Die positiven Impulse für die Exportwirtschaft wurden durch die Schwäche der Binnenachfrage in Deutschland mehr als kompensiert. Im gesamten Zeitraum zwischen 2000 und 2008 wuchs der private Konsum in Deutschland lediglich um 3,1 Prozent, während er im Durchschnitt des Euroraums um 13 Prozent zunahm. Auch bei Investitionen (+3,8 Prozent im gesamten Zeitraum) und Wirtschaftswachstum (+10,2 Prozent) schnitt Deutschland deutlich schlechter ab als die Eurozone insgesamt, wo die Investititionen um 13,8 Prozent und das Bruttoinlandsprodukt um 14,6 Prozent zulegten. Dementsprechend war das deutsche Beschäftigungswachstum mit einer Zunahme der Erwerbstätigkeit um nur 2,1 Prozent zwischen 2000 und Anfang 2008 schwach. In Frankreich stieg die Erwerbstätigkeit hingegen um 5,6 Prozent, im Euroraumdurchschnitt um 8,1 Prozent, in Österreich um 8,3 Prozent und in Spanien sogar um 24,1 Prozent. Auch der Aufschwung nach der Deregulierung durch die Hartz-Reformen (2005-2008) war in Deutschland nicht beschäftigungsintensiver als in den Vergleichsländern.

Das erfolgreiche Krisenmanagement der vergangenen beiden Jahre stellt nach Analyse von WSI und IMK „eine Rückbesinnung auf die Traditionen der solidarisch-korporatistischen Seite des deutschen Arbeitsmarktmodells“ dar. Dazu zählen sie neben der „Wiederentdeckung der Kurzarbeit“ auch die fiskalpolitische Stabilisierung durch die Konjunkturpakete. „Deutschland ist auch deshalb so gut aus der Krise gekommen, weil es die Fehler aus dem vorletzten Abschwung nicht wiederholt hat“, schreiben die Forscher. Die erweiterten Möglichkeiten, sich von Beschäftigten zu trennen, seien nicht genutzt worden. „Wenn Arbeitsmarktderegulierungen wie Hartz IV eine Rolle in der Krise gespielt hätten, dann hätten wir kein `Jobwunder´ beobachtet, sondern stark steigende Arbeitslosigkeit“, sagt Dr. Alexander Herzog-Stein vom WSI. „Deutschland hat eindeutig die bessere Strategie gewählt. Das Beispiel USA zeigt, wie schwer es ist, mit einer hohen Arbeitslosigkeit aus der Krise zu kommen.“

Die Wissenschaftler empfehlen, die Erfahrungen aus dem erfolgreichen Krisenmanagement zu nutzen, um den sich abzeichnenden Aufschwung zu stabilisieren. Neben höheren staatlichen Investitionen, insbesondere im Bildungs- und Energiebereich, halten sie eine stärkere Lohnentwicklung für sinnvoll. Lohnerhöhungen sollten sich künftig wieder an der mittelfristigen Produktivitätsentwicklung orientieren. Damit ergebe sich ein gesamtwirtschaftlicher Spielraum von etwa 3,5 Prozent. Ein gesetzlicher Mindestlohn sei ein sinnvoller Beitrag, um eine stärkere Lohnentwicklung zu unterstützen, so die Experten von IMK und WSI.

*A. Herzog-Stein, F. Lindner, S. Sturn, T. van Treeck: Vom Krisenherd zum Wunderwerk? Der deutsche Arbeitsmarkt im Wandel. IMK Report 56, 11/2010 Download: http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_56_2010.pdf

Ansprechpartner in der Hans-Böckler-Stiftung

Prof. Dr. Gustav A. Horn
Wissenschaftlicher Direktor IMK
Tel.: 0211-7778-331
E-Mail: Gustav-Horn@boeckler.de
Dr. Alexander Herzog-Stein
WSI
Tel.: 0211-7778-235
E-Mail: Alexander-Herzog-Stein@boeckler.de
Simon Sturn
IMK
Tel.: 0211-7778-595
E-Mail: Simon-Sturn@boeckler.de
Dr. Till van Treeck
IMK
Tel.: 0211-7778-337
E-Mail: Till-van-Treeck@boeckler.de
Fabian Lindner
IMK
Tel.: 0211-7778-334
E-Mail: Fabian-Lindner@boeckler.de
Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer Jung@boeckler.de

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de
http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_56_2010.pdf

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