Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Jenseits des Wachstums

12.07.2011
DFG unterstützt neue Kolleg-Forschergruppe von Soziologen der Universität Jena mit ca. 3 Mio. Euro

Es ist ein zähes Ringen derzeit im Weißen Haus in Washington: Wenn sich Demokraten und Republikaner nicht auf eine Anhebung der Schuldenobergrenze einigen, droht der Wirtschaftsmacht USA am 2. August die Zahlungsunfähigkeit.

Mit der Krise ihrer Staatsfinanzen stehen die USA jedoch nicht allein: Vor wenigen Tagen erst haben die Europäische Union und der Internationale Währungsfonds den drohenden Staatsbankrott Griechenlands nur durch Hilfszahlungen in Milliardenhöhe abwenden können – vorerst. Andere EU-Staaten stehen vor ähnlich gravierenden Problemen.

Welche gesellschaftlichen Verwerfungen auf uns zukommen, wenn ökonomische Wachstumszwänge weiterhin das Staatshandeln bestimmen, Wachstumskrisen aber die Wohlfahrtsentwicklung nicht nur einzelner Nationen, sondern ganzer Weltregionen gefährden, das wird in den kommenden vier Jahren eine neue Forschergruppe an der Friedrich-Schiller-Universität Jena intensiv untersuchen. Die in der Soziologie angesiedelte Kolleg-Forschergruppe „Landnahme, Beschleunigung, Aktivierung. Dynamik und (De-)Stabilisierung moderner Wachstumsgesellschaften“ wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bis 2015 mit gut drei Millionen Euro gefördert. Eine Fortsetzung für weitere vier Jahre ist möglich.

„Was wir im Moment sehen ist, dass das bisher geltende Prinzip, wonach sich moderne Gesellschaften durch dynamisches Wachstum stabilisieren, nicht mehr funktioniert“, konstatiert Prof. Dr. Klaus Dörre von der Uni Jena. Bislang, so der Wirtschaftssoziologe, seien steigende ökonomisch-technische Effizienz und wachsender materieller Wohlstand stets Basis für gesellschaftliche Stabilität gewesen. Doch dieser Zusammenhang sei gegenwärtig in Frage gestellt, so Dörre mit Blick auf die gewaltsamen Proteste beispielsweise der griechischen Bevölkerung gegen den drastischen Sparkurs ihrer Regierung.

„Die Grenzen der konventionellen Wachstumsorientierung sind erreicht“, macht auch Prof. Dr. Hartmut Rosa deutlich. Strukturelle Probleme, wie knapper werdende Ressourcen, ließen sich nicht durch weiteres Wachstum lösen, sagt der Jenaer Soziologe, der gemeinsam mit seinen Fachkollegen Prof. Dr. Klaus Dörre und Prof. Dr. Stephan Lessenich Sprecher der neuen Forschergruppe ist. „Deutlich spürbar ist mittlerweile vor allem die Tatsache, dass ausgerechnet jene Strategien, die zur Überwindung der ökonomischen Krise führen sollen, tendenziell zur Verschärfung der ökologischen Krise beitragen“, ergänzt Prof. Dr. Stephan Lessenich. „Gleichwohl stellen weder Unternehmen, Regierungen noch die wichtigsten gesellschaftlichen Kollektivakteure die Wachstumsorientierung bislang ernsthaft in Frage.“

In der neuen Kolleg-Forschergruppe wollen die Soziologen der Jenaer Universität im Verbund die Wechselbeziehungen zwischen dynamischer Selbststabilisierung und den Legitimationsmechanismen moderner Gesellschaften analysieren. Konkret wollen sie vier Fragestellungen beleuchten: Was bedeutet der Übergang zu Nicht-Wachstum für die Organisation gesellschaftlicher Arbeit und die Funktion sozialer Konflikte? Kann die Abkehr vom Wachstumsparadigma mit einem Zugewinn an Lebensqualität für gesellschaftliche Mehrheiten einhergehen? Was impliziert der Übergang zu Nicht-Wachstum für die Struktur sozialer Ungleichheit, für sozialpolitische Interessenlagen und die Regulationsfähigkeit entwickelter Wohlfahrtsstaaten? Und: Kann der Übergang zu Post-Wachstumsgesellschaften demokratisch bewältigt werden?

Das Forschungskolleg biete eine geradezu einzigartige Chance, die bereits praktizierte dialogische Arbeitsweise fortzuführen und zu vertiefen, sind sich die Initiatoren sicher. Das Kolleg verstehe sich als Laboratorium, in dem anerkannte Experten, Nachwuchswissenschaftler und Vertreter gesellschaftlicher Praxisfelder gemeinsam arbeiten werden. Als international sichtbares Forum werde das Kolleg auch Raum für öffentliche Debatten bieten. Ihren Sitz wird die Forschergruppe „Landnahme, Beschleunigung, Aktivierung. Dynamik und (De-)Stabilisierung moderner Wachstumsgesellschaften“ in der Humboldtstraße 34 haben, wo bis vor kurzem der Sonderforschungsbereich 482 der Universität Jena „Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800“ angesiedelt war.

Kontakt:
Prof. Dr. Klaus Dörre, Prof. Dr. Stephan Lessenich, Prof. Dr. Hartmut Rosa
Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Carl-Zeiß-Straße 2, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945520, 03641 / 945550, 03641 / 945510
E-Mail: klaus.doerrre[at]uni-jena.de, stephan.lessenich[at]uni-jena.de, hartmut.rosa[at]uni-jena.de

Dr. Ute Schönfelder | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index setzt Anstieg fort
22.06.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht IAB-Arbeitsmarktbarometer: Beschäftigung legt weiter zu
29.05.2017 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Future Security Conference 2017 in Nürnberg - Call for Papers bis 31. Juli

26.06.2017 | Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

„Digital Mobility“– 48 Mio. Euro für die Entwicklung des digitalen Fahrzeuges

26.06.2017 | Förderungen Preise

Fahrerlose Transportfahrzeuge reagieren bald automatisch auf Störungen

26.06.2017 | Verkehr Logistik

Forscher sorgen mit ungewöhnlicher Studie über Edelgase international für Aufmerksamkeit

26.06.2017 | Physik Astronomie