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Internationales Bilanzrecht wird in vielen deutschen Unternehmen nicht angewendet

25.11.2011
Vor einem Jahrzehnt wurden internationale Standards entwickelt, nach denen große Unternehmen ihre Konzernbilanzen zu erstellen haben. Ziel war es, die Konzernabschlüsse weltweit zu vergleichen und den Schutz der Anleger zu verbessern.

Saarbrücker Wissenschaftler haben jetzt in einer Studie festgestellt, dass die meisten deutschen Konzerne, die nicht am Kapitalmarkt orientiert sind und die internationalen Standards daher nicht anwenden müssen, dies auch nicht tun. Die überwiegende Mehrheit der Firmen erstellt also weiterhin Bilanzen nach dem deutschen Handelsgesetzbuch. Die Forscher der Universität des Saarlandes werten dies als deutliche Kritik an den internationalen Regeln.

„Vor Beginn unserer Studie waren wir davon ausgegangen, dass viele Einzelfirmen immer noch nach deutschem Recht bilanzieren. Überrascht waren wir jedoch davon, dass auch die meisten Konzerne, die nicht am Kapitalmarkt orientiert sind und daher zwischen deutschem und internationalem Recht wählen können, sich weiterhin am Handelsgesetzbuch orientierten“, fasst Professor Karlheinz Küting die Ergebnisse zusammen. Sein Team am Centrum für Bilanzierung und Prüfung an der Saar-Uni hatte in einer umfangreichen Studie die Daten des elektronischen Bundesanzeigers ausgewertet.

Für das Geschäftsjahr 2009 machten die Wissenschaftler lediglich 14 Einzelabschlüsse nach International Financial Reporting Standards (IFRS) ausfindig. „Unter den deutschen Konzernen wählten wir nach Zufallsstichprobe zweitausend nicht am Kapitalmarkt orientierte Mutterunternehmen aus. Von diesen haben nur rund fünf Prozent von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht und sich an den internationalen Standards orientiert“, erläutert Küting.

Für den Saarbrücker Betriebswirt ist dies ein Zeichen dafür, dass viele mittelständische Unternehmen mit den komplexen internationalen Standards überfordert sind. „Die Abschlussprüfer dieser Unternehmen bewegen sich oft in der Grauzone zwischen Prüfung und unzulässiger Mitwirkung an der Abschlusserstellung“, kritisiert Küting. Außerdem sei die IFRS-Bilanzierung laufend Änderungen unterworfen, während das deutsche Bilanzrecht seit Jahrzehnten relativ wenige Korrekturen erfahren habe. Das internationale Regelwerk enthalte zudem eine Flut von unbestimmten Rechtsbegriffen, die verschieden interpretiert und ausgelegt würden. „Darüber hinaus weist es viel mehr in die Zukunft als das deutsche Recht. Dadurch halten Prognosen und Schätzungen verstärkt Einzug in die Bilanzen und das ist immer mit Unsicherheiten behaftet“, stellt der Saarbrücker Professor fest.

Im deutschen Handelsrecht wird auch großen Wert auf Objektivierung gelegt, damit die wirtschaftliche Lage eines Unternehmens transparent nach außen dargestellt wird. „Die internationalen Standards stellen diesen Grundsatz in Frage und führen dadurch zum Teil zu willkürlicheren Schlussfolgerungen“, warnt Küting. Er vermutet auch, dass die IFRS-Normen in der Finanzkrise wie ein Katalysator gewirkt haben, da sie sich stärker am Marktwert eines Unternehmens orientieren, der jedoch laufend Schwankungen unterworfen ist. Mit seiner Kritik will der Betriebswirt nicht das internationale System diskriminieren oder gänzlich in Frage zu stellen. Vielmehr wünscht er sich eine umfassende Standortbestimmung der Bilanzierungspraxis in Deutschland. „Das IFRS-Regelwerk wurde euphorisch gefeiert, weil es angeblich das richtungsweisende System ist, das zudem die Weltsprache der Global Player darstellt. Das deutsche Bilanzrecht wurde hingegen einseitig als überholt und provinziell zum Auslaufmodell klassifiziert“, meint Küting. So eindeutig und einfach seien die Beurteilungen aber nicht. „Das IFRS-Regelwerk hätte schon viel früher auf den Prüfstand gehört. Diese Prüfung haben nicht allein die Hochschullehrer versäumt und verschlafen“, meint der Betriebswirt.

Die neue Studie zur Bilanzierung, die als Mittelpunkt einen umfassenden und kritischen Systemvergleich der konkurrierenden HGB- und IFRS-Regelwerke beinhaltet, wurde auf der Fachtagung "Das Rechnungswesen im Konzern“ am 24. und 25. November in Frankfurt/Main vorgestellt. Die Tagung hatte Professor Küting gemeinsam mit Norbert Pfitzer, früherer Präsident der Wirtschaftsprüferkammer, und Claus-Peter Weber, Honorar-Professor der Universität des Saarlandes, in Zusammenarbeit mit dem Handelsblatt, SAP und Ernst & Young organisiert. Als Referenten waren mit den Professoren Heinz Kußmaul und Michael Olbrich sowie dem promovierten Betriebswirt Johannes Wirth weitere Wissenschaftler der Universität des Saarlandes beteiligt.

Pressemitteilung zur Fachtagung „Das Rechnungswesen im Konzern“:
http://www.fachverlag.de/news/0200.html
Pressemitteilung zum Centrum für Bilanzierung und Prüfung an der Saar-Uni: http://www.idw-online.de/de/news373552
Webseite des Centrums für Bilanzierung und Prüfung:
http://www.cbp.uni-saarland.de
Fragen beantwortet:
Prof. Dr. Karlheinz Küting
Centrum für Bilanzierung und Prüfung an der Universität des Saarlandes
Tel. 0681 302-2134
E-Mail: cbp@uni-saarland.de
Hinweis für Hörfunk-Journalisten: Sie können Telefoninterviews in Studioqualität mit Wissenschaftlern der Universität des Saarlandes führen, über Rundfunk-ISDN-Codec. Interviewwünsche bitte an die Pressestelle (0681 302-3610) richten.

Saar - Uni - Presseteam | Universität des Saarlandes
Weitere Informationen:
http://www.uni.saarland.de

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