Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

IMK: Verteilungsproblem schwächt auch Wirtschaft

06.09.2013
Atypische Beschäftigung, Kapitaleinkommen und weniger Ausgleich im Steuersystem steigern Einkommens-Ungleichheit

Die wirtschaftliche Ungleichheit ist in Deutschland heute deutlich größer als Anfang der 1990er Jahre oder zur Jahrtausendwende. So wuchs die Ungleichheit bei der Verteilung der bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen zwischen 1991 und 2010 um knapp 13 Prozent.

Gründe dafür sind vor allem der langjährige Anstieg der atypischen Beschäftigung und höhere Kapitaleinkommen, die überwiegend Wohlhabenden zuflossen. Gleichzeitig sank die Ausgleichswirkung des Steuersystems, weil Steuersenkungen vor allem höhere Einkommen und Vermögen entlasteten (siehe auch die Grafik; Link unten). Hinzu kommt, dass die Erhöhung der Mehrwertsteuer Haushalte mit geringerem Einkommen überproportional betraf.

Die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt der jüngsten Zeit hat den Trend zu wachsender Ungleichheit aufgehalten, aber nicht umgekehrt. Das ergibt eine neue Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung.* Sie wird heute auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt.

„Unsere Auswertung zeigt zweierlei“, sagt Prof. Dr. Gustav A. Horn, der Wissenschaftliche Direktor des IMK. „Beschäftigungsaufbau und stärkere Lohnsteigerungen, wie wir sie in den letzten Jahren gesehen haben, wirken sich positiv auf die Einkommensverteilung aus. Aber das reicht nicht. Es ist noch eine Menge zu tun, um den langjährigen Negativtrend zu korrigieren.

Das wird nicht ohne mehr Ausgleich im Steuersystem und bessere Regeln auf dem Arbeitsmarkt gehen, um beispielsweise den Niedriglohnsektor einzudämmen. Solche Reformen nützen nicht nur den davon direkt betroffenen Arbeitnehmern. Die gegenwärtige Stabilität der deutschen Wirtschaft, der relativ kräftige private Konsum und die solide Einnahmesituation der Sozialkassen wären kaum denkbar, wenn die Ungleichheit weiter anstiege.“

Als Basis für ihre Studie nutzen die IMK-Forscher Ulrike Stein, PhD, und Dr. Kai Daniel Schmid die aktuellsten vorliegenden Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel, einer jährlichen Befragung von zuletzt 12.000 Haushalten. Die Wissenschaftler haben die Entwicklung der relevanten gesamtwirtschaftlichen Indikatoren für die Einkommensverteilung über einen Zeitraum von knapp 20 Jahren untersucht. Diese Maßstäbe zeigten übereinstimmende Tendenzen.

Gemessen am so genannten Gini-Koeffizienten, dem bekanntesten der Indikatoren, vergrößerte sich die Ungleichheit der bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen in Deutschland von 1991 bis 2010 um 12,7 Prozent, haben Schmid und Stein berechnet. Der Gini-Koeffizient kann Werte zwischen Null und Eins annehmen, wobei Null für eine vollständig egalitäre Verteilung steht und Eins für maximale Ungleichheit. Allein von der Jahrtausendwende bis 2005 stieg der Gini-Koeffizient um 13,4 Prozent auf 0,29. Nach Untersuchungen der Industrieländer-Organisation OECD wuchs die Ungleichheit in Deutschland in der ersten Hälfte der 2000er Jahre erheblich stärker als in den meisten anderen Mitgliedsländern. Gehörte die Bundesrepublik zuvor zu den Ländern mit einer relativ ausgeglichenen Verteilung, rutschte sie ins OECD-Mittelfeld. Nach 2005 sank der Gini-Wert nur leicht, um 2 Prozent, so die IMK-Berechnungen.

„Eine zunehmende Ungleichheit der Einkommen kann bedeuten, dass die Bezieher niedriger Einkommen sich stark verschulden und spätestens im Alter staatliche Unterstützung brauchen“, warnen Schmid und Stein. Auf längere Sicht sei eine Stabilisierung der Einkommensverteilung nicht nur eine soziale, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Die Wissenschaftler haben sich daher auf die Suche nach den Gründen für die steigende Ungleichheit begeben. Zur Veränderung der Einkommensverteilung vor Steuern und öffentlichen Transfers, die sogenannte Verteilung der Markteinkommen, trugen insbesondere die folgenden Faktoren bei:

- Steigende Kapitaleinkommen. Der Anteil der Kapitaleinkünfte am Gesamteinkommen stieg in Deutschland von 29,2 Prozent im Jahr 1991 auf 33,8 Prozent 2010. Vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 2007 betrug er sogar 36,8 Prozent. Da Kapitaleinkommen vor allem an Personen mit höheren Erwerbseinkommen fließen, wird auch deshalb die Verteilung der Markteinkommen insgesamt ungleicher.

- Zunehmende atypische Beschäftigung. Bis 2006 hat die Zahl der Beschäftigten in befristeten Jobs, Teilzeit oder Minijobs stetig zugenommen. Das hatte auch Auswirkungen auf die Ungleichheit, zeigen die Forscher: Sie stieg parallel erst kräftig an, dann verlangsamte sich das Wachstum. Während der guten wirtschaftlichen Entwicklung in letzter Zeit stieg die Zahl der so genannten Normalarbeitsverhältnisse im gleichen Ausmaß wie die der atypischen Jobs. Das ist ein Grund, weshalb sich die Einkommen nicht noch weiter auseinander entwickelten.

Zusätzlich, so das IMK, trugen auch der Trend zu kleineren Haushalten und Änderungen in der Qualifikationsstruktur der Arbeitnehmer zur Zunahme der Ungleichheit bei. Allerdings in deutlich geringerem Umfang als die bereits genannten Faktoren.

Parallel zur wachsenden Ungleichheit bei den Markteinkommen sank der ausgleichende Effekt durch staatliche Umverteilung, zeigt die IMK-Analyse. Im Zeitverlauf machen die Wissenschaftler drei Phasen aus:

- Bis Ende der 1990er-Jahre wurden die Markteinkommen zwar ungleicher, Steuern und Sozialleistungen glichen dies jedoch aus.

- Zwischen 2000 und 2005 entwickelten sich die am Markt erzielten Haushaltseinkommen weiter auseinander. Zugleich verringerte sich jedoch die stabilisierende Wirkung der staatlichen Umverteilung.

- Ab 2006 nahm die Spreizung der Markteinkommen zwar ab, die zuvor stark gestiegene Ungleichheit der verfügbaren Haushaltseinkommen veränderte sich jedoch kaum.

Schmid und Stein machen eine Vielzahl an Faktoren für die abnehmende Effektivität der Umverteilung verantwortlich: So sank der Spitzensteuersatz zwischen 1991 und 2010 um elf Prozentpunkte, der niedrigste Einkommensteuersatz lediglich um fünf Punkte. Die Vermögensteuer wurde 1997 abgeschafft, die steuerliche Belastung von Kapitalgewinnen ging ebenfalls zurück. Hinzu kam: Die Arbeitsmarktreformen in den 2000er-Jahren ließen mehr atypische Jobs entstehen – und reduzierten die staatlichen Leistungen für Arbeitslose massiv.

Zusätzlich geschwächt wurde die staatliche Ausgleichswirkung durch die Mehrwertsteuererhöhung von 2007, betont Expertin Stein: „Da ärmere Haushalte den größten Teil ihres Einkommens konsumieren und wenig sparen können, sind sie weitaus stärker betroffen als wohlhabendere, wenn Verbrauchssteuern angehoben werden. Die Mehrwertsteuer-Erhöhung hat daher die Ungleichheit erhöht.“ Wie groß dieser Effekt gewesen ist, sei aber mit den vorliegenden Daten zu den Nettoeinkommen nicht zu beziffern.

* Quelle: Kai Daniel Schmid, Ulrike Stein: Explaining Rising Income Inequality in Germany, 1991-2010, IMK Study 32, September 2013. Download: http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_study_32_2013.pdf

Infografik zum Download im neuen Böckler Impuls 13/2013: http://www.boeckler.de/hbs_showpicture.htm?id=43950&chunk=1

Kontakt in der Hans-Böckler-Stiftung

Ulrike Stein, PhD
IMK
Tel.: 0211-7778-339
E-Mail: Ulrike-Stein@boeckler.de
Dr. Kai Daniel Schmid
IMK
Tel.: 0211-7778-595
E-Mail: Kai-Daniel-Schmid@boeckler.de
Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_study_32_2013.pdf
http://www.boeckler.de/hbs_showpicture.htm?id=43950&chunk=1

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht KMU suchen die finanzielle Unabhängigkeit
25.05.2018 | Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn

nachricht Produktiver und attraktiver Montage­arbeits­platz
24.05.2018 | Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics