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IMK-Konjunkturprognose: Jeweils 1,5 Prozent Wachstum 2016 und 2017

21.04.2016

Neue Konjunkturprognose

IMK: Jeweils 1,5 Prozent Wachstum 2016 und 2017 – binnenwirtschaftlicher Aufschwung bringt erhöhte Staatseinnahmen

Die deutsche Wirtschaft trotzt der schwachen weltwirtschaftlichen Entwicklung und setzt 2016 und 2017 ihren moderaten Aufschwung fort. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst in beiden Jahren um jeweils 1,5 Prozent. Während sich die Exporte erst im kommenden Jahr wieder stärker beleben werden, wirkt die Binnennachfrage als stabiler Träger der Aufwärtsentwicklung.

Trotz der starken Zuwanderung sinkt die Arbeitslosigkeit im Jahresdurchschnitt 2016 noch einmal leicht. 2017 nimmt sie wegen des wachsenden Arbeitsangebots bei weiter kräftig steigender Beschäftigung um 160.000 Personen zu. Zu diesen Ergebnissen kommt die neue Konjunkturprognose des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, die das Institut heute in Berlin vorstellt*.

Gegenüber ihrer Prognose vom Dezember senken die Forscher die Wachstumserwartung für 2016 leicht um 0,2 Prozentpunkte. Für 2017 geben sie ihre erste Prognose ab. „Der Grund für die nur verhaltene Entwicklung liegt darin, dass das weltwirtschaftliche Klima rauer geworden ist und Europa seine Krisen noch nicht bewältigt hat“, schreibt das IMK.

Die Abschwächung des Wachstums in China, die Krise in Russland und Brasilien und die geringere Nachfrage aus den ölexportierenden Ländern prägten die Weltwirtschaft stark, die recht stabile Entwicklung in den USA und Indien kompensiere das nicht. „In diesem schwierigen Umfeld bleibt die Konjunktur in Deutschland relativ robust. Der wesentliche Grund hierfür ist die kräftige Binnenkonjunktur, die die verminderte Exportdynamik in etwa auszugleichen vermag“, analysieren die Ökonomen.

„Die Inlandsnachfrage wird getragen durch Lohnsteigerungen, die unter Wahrung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit die Kaufkraft der Beschäftigten steigen lassen, was den privaten Konsum und letztlich auch die Beschäftigung antreibt.“ So sei ein „sich selbst tragender Expansionskreislauf“ in Gang gekommen.

Die binnenwirtschaftliche Fundierung des Aufschwungs führt dazu, dass sich die Einnahmen von Staat und Sozialkassen deutlich positiver entwickeln als das bei einer vom Außenhandel getriebenen Konjunktur der Fall wäre, zeigen Simulationsrechnungen des IMK. Zwischen 2011 und 2015 hatte der Staat dadurch 41 Milliarden Euro mehr zur Verfügung (Details siehe unten bei „Inflation und öffentliche Finanzen“).

„Das ist sehr positiv, weil die starke Zuwanderung und die daraus folgende Integrationsaufgabe die öffentliche Hand ebenso fordert wie Notwendigkeit, deutlich mehr zu investieren“, sagt Prof. Dr. Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. „Unsere Berechnungen zeigen ganz deutlich, dass ein binnenwirtschaftlich fundierter Aufschwung in unserer Situation beileibe kein Aufschwung zweiter Klasse ist. Im Gegenteil: Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss, der wesentlich zur Krise im Euroraum beigetragen hat, bleibt zwar sehr hoch, doch in der Tendenz wird er wenigstens etwas geringer.“

– Ausgaben für Flüchtlingshilfe stimulieren Konjunktur –

Neben dem privaten Konsum sehen die Forscher auch spürbar expansive Impulse von Seiten der Fiskalpolitik. Dazu zählen sie neben moderaten Entlastungen bei der Einkommensteuer, der Kindergelderhöhung und drei Milliarden Euro für zusätzliche Infrastrukturinvestitionen auch die Ausgaben für Flüchtlinge. Im für das IMK realistischsten Szenario wendet die öffentliche Hand in diesem und im kommenden Jahr 14 bzw. 13,4 Milliarden Euro zur Unterstützung und Integration von Zuwanderern auf. Da diese Ausgaben wie ein „Konjunkturprogramm“ aber auch für mehr BIP-Wachstum und höhere Steuern sorgen, konstatieren die Forscher eine steigende Selbstfinanzierungsquote der Flüchtlingshilfe. Diese dürfte nach Modellsimulationen des IMK im kommenden Jahr knapp 50 Prozent erreichen.

Kerndaten der Prognose (siehe auch Tabelle 6 im Prognose-Report):

– Arbeitsmarkt –

Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland nimmt 2016 und 2017 weiter kräftig zu – um 470.000 (1,1 Prozent) bzw. 390.000 (0,9 Prozent) im Jahresdurchschnitt. Da durch die starke Zuwanderung gleichzeitig die Zahl der Erwerbspersonen noch stärker steigt, attestiert das IMK allerdings eine zunehmend „gespaltene Arbeitsmarktentwicklung“: In diesem Jahr erwarten die Forscher noch einen geringfügigen Rückgang der Arbeitslosigkeit um 30.000 Personen, so dass im Jahresdurchschnitt 2016 rund 2,76 Millionen Menschen ohne Job sein werden. Für 2017 erwartet das IMK ein Wachstum der Arbeitslosenzahl um jahresdurchschnittlich 160.000 Personen. Die Arbeitslosenquote beträgt in diesem Jahr 6,3 und im kommenden Jahr 6,7 Prozent.

– Außenhandel –

Der Außenhandel leistet 2016 und 2017 einen negativen Beitrag zum BIP-Wachstum und dämpft den Aufschwung. Die deutschen Ausfuhren wachsen im Jahresdurchschnitt 2016 lediglich um 2,3 Prozent. 2017 hellen sich die Aussichten wieder etwas auf, der Export legt um 3,2 Prozent im Jahresmittel zu. Die Importe wachsen infolge der stärkeren deutschen Binnennachfrage in beiden Jahren kräftiger: jahresdurchschnittlich um 5,1 und 5,6 Prozent. Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss sinkt also etwas, bleibt aber weiterhin hoch.

– Investitionen –

2016 dürften die Unternehmen ihre Ausrüstungsinvestitionen um 4,7 Prozent und 2017 um 4,8 Prozent ausweiten. Die Bauinvestitionen gewinnen erheblich an Fahrt und wachsen um 4,2 bzw. 3 Prozent.

– Einkommen und Konsum –

Die verfügbaren Einkommen steigen 2016 nominal um durchschnittlich 3,1, real um 2,2 Prozent. 2017 legen die verfügbaren Einkommen nominal um 3,4 Prozent zu, bei wieder zunehmender Teuerung real allerdings nur um 1,8 Prozent. Die realen privaten Konsumausgaben wachsen 2016 um 2 Prozent, 2017 um 1,8 Prozent.

– Inflation und öffentliche Finanzen –

Die allgemeine Preisentwicklung in Deutschland ist weiter schwach, nähert sich 2017 aber dem EZB-Inflationsziel wieder etwas an. Im Jahresdurchschnitt 2016 liegt die Teuerungsrate laut IMK bei nur 0,6 Prozent. 2017 dann bei 1,5 Prozent.

Von der positiven wirtschaftlichen Entwicklung profitiert auch die öffentliche Hand. Das Staatsbudget wird 2016 einen Überschuss von 0,3 Prozent des BIP aufweisen. Für 2017 prognostiziert das IMK einen Überschuss von 0,4 Prozent des BIP. Simulationsrechnungen des IMK machen deutlich, dass die stärker binnenwirtschaftliche Fundierung des Aufschwungs auch den öffentlichen Finanzen zu Gute kommt. So steigen etwa durch den kräftigen inländischen Konsum die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer, was bei Exporten nicht der Fall wäre.

In ihren Berechnungen vergleichen die Ökonomen mit zwei gesamtwirtschaftlichen Modellen die Lohnentwicklung der Jahre 2011 bis 2015 mit einem Szenario, das sich an den Jahren 2001 bis 2005 orientiert, als sich die Löhne und auch der private Konsum weitaus schwächer entwickelten. Im Ergebnis zeigen sich kaum Veränderungen bei Wirtschaftswachstum und Beschäftigung. Die Exporte steigen im kontrafaktischen Szenario stärker, Arbeitnehmereinkommen und Konsum bleiben deutlich zurück. Die öffentliche Hand hätte daher allein 2015 rund 16 Milliarden Euro weniger zur Verfügung gehabt. Für den gesamten Simulationszeitraum ergibt sich eine Differenz von 41 Milliarden Euro.

Kontakt in der Hans-Böckler-Stiftung

Prof. Dr. Gustav A. Horn
Wissenschaftlicher Direktor IMK
Tel.: 0211-7778-331
E-Mail: Gustav-Horn@boeckler.de

Peter Hohlfeld
IMK, Experte für Konjunkturprognosen
Tel.: 0211-7778-338
E-Mail: Peter-Hohlfeld@boeckler.de

Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Weitere Informationen:

http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_113_2016.pdf - IMK Arbeitskreis Konjunktur: Deutsche Konjunktur robust in rauem Klima. Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung 2016/2017. IMK Report 113, April 2016.
https://youtu.be/MkIMWgQFk2Q - Videostatement von Gustav Horn

Rainer Jung | idw - Informationsdienst Wissenschaft

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