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IMK: Deutsche Wirtschaft wächst 2012 um 0,6 und 2013 um 0,4 Prozent

04.10.2012
Die Rezession und der strikte Sparkurs in vielen Euro-Ländern halten die deutsche Konjunktur auf einem Stagnationspfad.

Da die wirtschaftliche Dynamik im kommenden Jahr auch außerhalb Europas, insbesondere in den USA, nachlässt, können Impulse aus Übersee die Schwäche wichtiger Handelspartner in der EU immer weniger kompensieren. Die in diesem Jahr noch recht positive Exportentwicklung verliert an Schwung, die Investitionstätigkeit ist insgesamt sehr schwach.

Daher wächst das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2012 nur um durchschnittlich 0,6 Prozent, 2013 sind es lediglich 0,4 Prozent. Die schwache wirtschaftliche Entwicklung setzt dem Rückgang der Arbeitslosigkeit ein Ende – auch wenn der Arbeitsmarkt insgesamt relativ robust bleibt:

Die Arbeitslosenzahl sinkt im Jahresdurchschnitt 2012 noch einmal um 80.000 Personen. 2013 wird sie wieder um 90.000 Personen zunehmen, dann werden im Jahresdurchschnitt knapp drei Millionen Menschen ohne Arbeit sein. Der Euroraum findet bis Ende 2013 nicht aus der Rezession. Das BIP der Euroländer wird 2012 um durchschnittlich 0,5 und 2013 um 0,7 Prozent zurückgehen.

Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung in seiner aktuellen Konjunkturprognose. Sie wird heute als IMK Report 74 veröffentlicht und auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt.*

In diesem eher trüben Gesamtbild machen die Forscher jedoch auch einzelne Lichtblicke aus: Die Ankündigung der Europäischen Zentralbank (EZB), notfalls unbegrenzt Staatsanleihen von Euro-Krisenländern aufzukaufen, entspannt die Krise im europäischen Währungsraum. Allerdings sieht das IMK die Gefahr, dass dieser Fortschritt blockiert wird, wenn Staaten erst übertrieben harte Sparprogramme beschließen müssen, bevor sie von der EZB unterstützt werden können.

Positiv wirkt laut IMK auch die spürbare Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar, weil sie die Exportposition europäischer Unternehmen verbessert. Zudem stützt der relativ kräftige private Konsum in Deutschland die wirtschaftliche Entwicklung. Eine wesentliche Grundlage dafür sind von den Forschern erwartete reale Lohnzuwächse in diesem und im kommenden Jahr.

Gegenüber seiner Prognose vom Juni lässt das IMK die Vorhersage für die deutsche BIP-Entwicklung im Jahr 2012 unverändert. Für 2013 erhöht es die Prognose minimal um 0,1 Prozentpunkte. Die Prognose erfolgt unter der Annahme, dass die Vertrauenskrise im Euroraum durch den neuen Kurs der EZB und die Bereitstellung des permanenten Stabilisierungsfonds ESM abflaut. Allein die Ankündigung der EZB, sie sei zum Eingreifen bereit, habe positiv gewirkt: Das Zinsniveau der am stärksten von der Vertrauenskrise betroffenen Länder sei in kurzer Zeit um gut einen Prozentpunkt gesunken, schreiben die Forscher.

„Die EZB hat endlich ihre Rolle als wichtigster Stabilitätsanker der Währungsunion übernommen. Aber das reicht noch nicht, um den Euroraum aus der Krise zu bringen“, sagt Prof. Dr. Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. „Der überzogene Sparkurs in vielen EU-Ländern bremst die Konjunktur aus. Die deutsche Wirtschaft bekommt das zu spüren. Noch stärker im kommenden Jahr. Denn dann sollen nach den aktuell gültigen Budgetbeschlüssen auch die USA auf Austerität umschwenken, was die US-Wirtschaft in die Rezession treiben dürfte.“

Das IMK empfiehlt, die Konjunktur im Euroraum zu entlasten. Dazu trage es wesentlich bei, die Sparpakete in den Krisenländern zeitlich zu strecken. „Realistische Konsolidierung, die die Wirtschaft nicht abwürgt, nützt uns allen mehr als plakative Strenge, die ihr Ziel nicht erreicht“, sagt Horn. Parallel dazu sei es wichtig, dass solide Länder wie Deutschland durch zusätzliche staatliche Investitionen in Zukunftsbereiche wie Bildung, Infrastruktur und Kinderbetreuung weitere Impulse geben. Um die notwendigen Mittel zu mobilisieren, müsse die Bundesregierung nicht die Verschuldung erhöhen. Die Wissenschaftler sehen Spielraum für Steuererhöhungen auf hohe Einkommen, Kapitaleinkünfte und große Vermögen. Diese könnten so gestaltet werden, dass sie die Wirtschaftsentwicklung nur wenig belasten.

Als Vorsichtsmaßnahme angesichts der konjunkturellen Schwäche plädieren die IMK-Experten dafür, die gesetzlichen Regelungen zur Kurzarbeit möglichst rasch wieder so attraktiv auszugestalten wie während der akuten Wirtschaftskrise 2009.

Kerndaten der Prognose (siehe auch Tabelle 3 Gesamtwirtschaftliche Entwicklung in der pdf-Version dieser PM; Link unten):

– Arbeitsmarkt –
Die Entwicklung bei Beschäftigung und Arbeitslosigkeit trübt sich ein. Die Zahl der Erwerbstätigen im Inland nimmt 2012 noch um durchschnittlich etwa 450.000 Personen zu. 2013 wird sie hingegen leicht sinken – um 20.000 Personen im Jahresmittel. Deutlich ungünstiger entwickelt sich die Zahl der Arbeitslosen. In diesem Jahr sinkt sie um 80.000 Personen auf rund 2,9 Millionen im Jahresdurchschnitt. Das entspricht einer Arbeitslosenquote von 6,8 Prozent. 2013 geht dieser kleine Fortschritt wieder verloren: Die Arbeitslosigkeit steigt im Jahresmittel auf 2,98 Millionen (Quote: 7,0 Prozent).
– Außenhandel –
Der deutsche Export profitiert in diesem Jahr noch von einer nach wie vor regen Nachfrage aus Asien, Russland und den USA. Im Jahresdurchschnitt nehmen die Ausfuhren um 3,6 Prozent zu. 2013 verlangsamt sich der Zuwachs auf 3,1 Prozent. Die Importe wachsen 2012 im Jahresmittel um 2,5 Prozent, 2013 um 4,5 Prozent.
– Investitionen –
Angesichts der konjunkturellen Schwäche halten sich viele Unternehmen mit Ausrüstungsinvestitionen zurück: 2012 sinken diese um durchschnittlich 3,1 Prozent. 2013 erholt sich die Investitionstätigkeit wieder etwas, bleibt aber mit einer Zunahme um 0,6 Prozent schwach.
– Einkommen und Konsum –
Höhere Lohnabschlüsse und eine etwas niedrigere Inflation lassen für 2012 und 2013 Reallohnsteigerungen erwarten. Auch die Gewinn- und Vermögenseinkommen expandieren leicht. Insgesamt steigen die realen verfügbaren Einkommen 2012 um 1 Prozent. Die realen privaten Konsumausgaben nehmen ebenfalls um 1 Prozent zu. 2013 werden die real verfügbaren Einkommen und die privaten Konsumausgaben um jeweils 0,9 Prozent wachsen.

– Inflation und öffentliche Defizite –
Das IMK rechnet mit einer Beruhigung bei der Preisentwicklung. Nach 1,9 Prozent in diesem Jahr wird die Inflationsrate 2013 bei 1,5 Prozent liegen, und damit deutlich unter dem Inflationsziel der EZB. Die deutschen Staatsfinanzen entwickeln sich infolge geringerer Arbeitslosigkeit und höherer Steuereinnahmen in diesem Jahr positiv. Das Staatsdefizit sinkt auf 0,2 Prozent des BIP. 2013 bleibt es bei dieser Quote.

*IMK-Arbeitskreis Konjunktur: Im Sog der Krise. Deutsche Konjunktur im Herbst 2012. IMK Report Nr. 74, Oktober 2012. Download: http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_74_2012.pdf

Die PM mit Tabellen-Anhang (pdf):
http://www.boeckler.de/pdf/pm_imk_2012_10_04.pdf

Kontakt in der Hans-Böckler-Stiftung

Prof. Dr. Gustav A. Horn
Wissenschaftlicher Direktor IMK
Tel.: 0211-7778-331
E-Mail: Gustav-Horn@boeckler.de

Peter Hohlfeld
IMK, Experte für Konjunkturprognosen
Tel.: 0211-7778-338
E-Mail: Peter-Hohlfeld@boeckler.de

Dr. Silke Tober
IMK, Expertin für Geldpolitik
Tel.: 0211-7778-336
E-Mail: Silke-Tober@boeckler.de

Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/pdf/pm_imk_2012_10_04.pdf
http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_74_2012.pdf

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