Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

„Giftmüll“-Papiere und die Finanzkrise. Regensburger Wissenschaftler legen Risikoanalyse vor

25.10.2010
Das beherrschende Thema der Finanzwelt in den letzten Jahren war die Mitte 2007 ausgebrochene Wirtschaftskrise mit ihren dramatischen Auswirkungen auf den Finanzsektor und die Realwirtschaft.

Die Krise hat ihren Ursprung in der Immobilienblase am US-amerikanischen Häusermarkt in Verbindung mit der Verbriefung von Hypothekendarlehen an Subprime-Schuldner, d.h. Schuldner mit geringer Bonität.

Eine Risikoanalyse, die von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Lehrstuhls für Statistik der Universität Regensburg um Prof. Dr. Alfred Hamerle durchgeführt wurde, offenbart in diesem Zusammenhang fundamentale Fehleinschätzungen bestimmter Risiken. Die Regensburger Untersuchung zeigt, dass der Handel mit Hypothekendarlehen an Subprime-Schuldner zu falschen Anreizen und fatalen Entwicklungen geführt hat, die letztendlich für das enorme Ausmaß der entstandenen Verluste mitverantwortlich waren.

Angesichts der erheblichen Verwerfungen an den internationalen Finanzmärkten wird aus Sicht der Regensburger Forscher deutlich, dass der Identifikation und Messung der Risikoeigenschaften dieser Produkte eine zentrale Bedeutung zukommt. Offensichtlich wurden im Vorfeld der Krise wesentliche Risikocharakteristika der Produkte falsch eingeschätzt und ihre potentiellen Vorzüge überbewertet. Viele Investoren haben diese Papiere wie Industrieanleihen (Corporate Bonds) betrachtet und sich vollständig auf die Bonitätseinschätzungen der Ratingagenturen verlassen. Dabei wurden aber andere Risiken, die aus den Ratingeinstufungen nicht hervorgehen, übersehen bzw. ignoriert. Der Grundsatz, dass man als Investor stets selbst in der Lage sein sollte, ein Wertpapier zu bewerten und seinen Preis zu bestimmen, wurde sträflich außer Acht gelassen.

Eine detaillierte Analyse der Risiken dieser komplexen Finanzprodukte ist nach Meinung der Wissenschaftler deshalb sowohl für ein adäquates Risikomanagement als auch zur Vermeidung der Wiederholung einer solchen Krise zwingend notwendig. Die Analysen der Regensburger Wirtschaftswissenschaftler sind vor kurzem in einem englischsprachigen Sammelband erschienen (s. u. Literatur). Ein weiterer Beitrag wird in Kürze im Wissenschaftsmagazin „Blick in die Wissenschaft“ veröffentlicht, das von der Universität Regensburg herausgegeben wird.

Zum Hintergrund:
Noch bis kurz vor dem Platzen der großen Immobilienblase konnten speziell mit Krediten an Schuldner mit geringer Bonität deutlich höhere Renditen erzielt werden als mit Standard-Hypothekendarlehen. Der Anteil der Subprime-Darlehen in den USA stieg von 7,2 % der neu vergebenen Hypothekenkredite im Jahr 2001 auf 20,6 % der neu vergebenen Hypothekenkredite im Jahr 2006. Um ständig neue Kunden gewinnen zu können, wurden die Kreditvergabestandards dramatisch gesenkt. Es wurden Kredite an Schuldner ohne Bonität vergeben, die diese „im Normalfall“ kaum zurückzahlen konnten.

Im Zuge der Immobilienkrise in den USA wurden die Bestände an schlechten Krediten plötzlich „sichtbar“ und es kam zu rasch steigenden Verlusten bei den entsprechenden Verbriefungen. Völlig unerwartet für viele Investoren stuften die sogenannten Rating-Agenturen (z.B. Standard & Poors, Moody`s oder Fitch) die Ratings von hunderten von Papieren um mehrere Punkte herunter und aus zunächst gut bewerteten Finanztiteln wurde „Giftmüll“ bzw. „hochtoxische“ Papiere, wie den Schlagzeilen der Tagespresse zu entnehmen war. Für komplexe Wertpapier-Produkte ist die Bewertung durch Rating-Agenturen von zentraler Bedeutung. Als Folge ergaben sich deshalb dramatische Wertverluste in den Bilanzen von Banken und Investoren.

Literatur:
Martin Donhauser, Alfred Hamerle, Kilian Plank, Quantifying Systematic Risks in a Portfolio of Collateralised Debt Obligations, in: Daniel Rösch, Harald Scheule (Hrsg.), Model Risk – Identification, Measurement and Management, London 2010, S. 457–488
Ansprechpartner für Medienvertreter:
Prof. Dr. Alfred Hamerle
Universität Regensburg
Fakultät für Wirtschaftswissenschaften
Tel.: 0941 943-2570
Alfred.Hamerle@wiwi.uni-regensburg.de

Alexander Schlaak | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-regensburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index tritt auf der Stelle
24.11.2016 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht Lemgoer Wissenschaftler wollen smarte Banknote realisieren
08.11.2016 | Hochschule Ostwestfalen-Lippe

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher entwickeln Unterwasser-Observatorium

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

HIV: Spur führt ins Recycling-System der Zelle

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Mehrkernprozessoren für Mobilität und Industrie 4.0

07.12.2016 | Informationstechnologie