Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vom Gerber zum Baumarktverkäufer: Hoffnung für ältere Erwerbslose durch Berufsprofiling

19.10.2009
Neuartiges Diagnosesystem aus der Universität Hohenheim erleichtert Vermittlung / Tests belegen besonders hohe Leistungsmotivation bei älteren Berufstätigen

Einmal Bäcker - immer Bäcker: In der herkömmlichen Arbeitsvermittlung spielt die berufliche Biografie die entscheidende Rolle. Ganz anders funktioniert ein am Hohenheimer Lehrstuhl für Psychologie entwickeltes Verfahren.

In den neuen psychologischen Tests von Prof. Dr. Heinz Schuler und Dr. Patrick Mussel rückt die Person selbst in den Fokus der Betrachtung. Das Ergebnis: Ein neues berufliches Profil, das auch Licht auf bisher unbekannte persönliche Fertigkeiten wirft und neue Chancen für ältere Erwerbslose am Arbeitsmarkt eröffnet.

Das Verfahren hat den ersten Praxistest in Leipzig mit 1.200 Langzeitarbeitslosen bereits erfolgreich bestanden und zeigt: Gerade ältere Erwerbslose haben einige besonders geschätzte Persönlichkeitsmerkmale. Entwickelt wurde das Verfahren in Zusammenarbeit mit einer Stuttgarter Unternehmensberatung.

Der Computermonitor zeigt ein kleines rotes Männchen auf einem durchsichtigen Würfel mit einem Ball in der Mitte. Gitternetze unterteilen jede Würfelfläche in 4 Quadrate. Die Frage: "Wenn das Männchen zwei Gitterzellen nach rechts geht, befindet es sich dann vor, neben oder unter dem Ball?"

Konkret testet die Frage des Computer-Tests das räumliche Vorstellungsvermögen. Sie ist nur eine von vielen Fragen aus knapp 30 Bereichen, in denen unter anderem Fachkenntnisse (Englisch, Technik und Naturwissenschaften), aber auch persönliche Interessen und Verhalten in Kundensituationen abgefragt werden. Leistungstests unter Zeitdruck gehören ebenfalls dazu. Ein umfangreicher Test: Im Schnitt mussten die Teilnehmer sich dreieinhalb Stunden Zeit nehmen.

Unterstützung der beruflichen Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen
"Mit dem als Berufsprofiling bezeichneten Diagnosepaket können berufliche Alternativen für arbeitslose Personen identifiziert werden", sagt Prof. Dr. Heinz Schuler. "Damit lassen sich Arbeitsvermittlungen viel zielgerichteter einleiten. Die Person selbst rückt in den Fokus, indem ihre berufsrelevanten Fähigkeiten, Kenntnisse und Eigenschaften erhoben und als Profil mit bisher ca. 500 Berufen und Tätigkeiten verglichen werden. Hierdurch vervielfachen sich die individuellen Berufsperspektiven und damit auch die Chancen auf eine erfolgreiche Vermittlung."

In der Arbeitsmarktregion Leipzig wurde das Berufsprofiling an 1.196 langzeitarbeitslosen Personen im Alter von 50 oder mehr Lebensjahren bereits erfolgreich eingesetzt: So vermittelten die Diagnose-Experten beispielsweise ein seit Jahren arbeitsloser 50-jähriger Gerber erfolgreich als Baumarktverkäufer. Prof. Schuler: "Er wusste nicht, dass er für etwas anderes geeignet ist. Aber der Test zeigte, dass er gut mit Menschen umgehen kann und als Bastler über einiges technisches Geschick verfügte. Mit seiner neuen Tätigkeit ist er zufrieden."

Kein Einzelfall: "Der Praxistest ermittelte für alle der Untersuchten aufschlussreiche Profile. Wir glauben an eine nachhaltige Vermittlung am Arbeitsmarkt. Bei konsequenter Nutzung dieser Technologie können sowohl die Vermittlungswahrscheinlichkeit als auch die Vermittlungsgeschwindigkeit für ältere Erwerbslose wesentlich erhöht werden", sagt Dr. Patrick Mussel.

Begleitforschung offenbart besonderes Potential bei Älteren
Außerdem zeigen die Datenanalysen: Ältere Erwerbslose liegen zwar in mehreren kognitiven Merkmalen (Problemlösefähigkeit, Flexibilität, Bearbeitungsgeschwindigkeit, Gedächtnisleistungen) unterhalb des repräsentativen Bevölkerungsdurchschnitts. Allerdings zeigte sich auch, dass sich die Zielgruppe hinsichtlich einiger wichtiger Persönlichkeitsmerkmale wie Integrität, Gewissenhaftigkeit, Kunden- und Serviceorientierung sowie Leistungsmotivation positiv von der Allgemeinbevölkerung abhebt. Gerade diese Merkmale erfahren eine besondere Wertschätzung in Betrieben.

"Das ist besonders bedeutsam für die berufliche Wiedereingliederung", erklärt Dr. Patrick Mussel. "An einer Stichprobe von Personen untersuchen wir, welchen Effekt einzelne Persönlichkeits- und Fähigkeitsmerkmale des Berufsprofilings für den beruflichen Wiedereinstieg haben: Insbesondere eine hohe Ausprägung beruflicher Leistungsmotivation, sozialer Kompetenzen sowie Kunden- und Serviceorientierung weisen deutliche Effektstärken für eine erfolgreiche berufliche Wiedereingliederung auf."

Unterstützt wurden die Hohenheimer bei ihren Untersuchungen durch die Leipziger Wirtschaftsförderungsgesellschaft PUUL GmbH. Die Förderung übernahm das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit. Die wissenschaftliche Begleitforschung wurde in der aktuellen Ausgabe der "Zeitschrift für Personalpsychologie" veröffentlicht.

Florian Klebs | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-hohenheim.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht Online-Quickcheck »Frugal Innovation Index« macht Unternehmen fit für Entry-Level Produkte
19.04.2017 | Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

nachricht Innovationskraft stärken – IAT untersuchte öffentliche und private Innovationsaktivitäten in NRW
12.04.2017 | Institut Arbeit und Technik

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten