Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Forscher empfehlen Investitionen - IMK: Aufschwung gefährdet, aber im Kern noch intakt

09.10.2014

Die deutsche Wirtschaft wird 2014 und 2015 nicht so stark wachsen wie noch vor wenigen Monaten erwartet. Im Kern ist der Aufschwung aber noch intakt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird in diesem Jahr um 1,5 Prozent im Jahresdurchschnitt zulegen.

Im kommenden Jahr dürfte die konjunkturelle Dynamik zunehmen und das Wachstum bei 1,9 Prozent liegen. Die Beschäftigung entwickelt sich positiv, die Arbeitslosigkeit wird in beiden Jahren leicht sinken. Das ergibt die neue Konjunkturprognose des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung. Sie wird heute auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt.*

Die Forscher empfehlen, in Deutschland schnell die öffentlichen Investitionen zu stärken. Damit ließen sich zwei Ziele erreichen: Eine Erneuerung der Infrastruktur sei zentral, um längerfristiges Wachstum zu sichern. Zugleich stimuliere die erhöhte Nachfrage die Konjunktur in Deutschland und im Euroraum, was dabei helfe, die hartnäckige Wachstumsschwäche in vielen Ländern der Währungsunion zu überwinden.

Damit werde auch das derzeit nicht zu unterschätzende Risiko einer Deflation verringert. Zur Finanzierung rät das IMK unter anderem, die historisch niedrigen Zinsen und Spielräume bei der Haushaltskonsolidierung zu nutzen und langfristige Staatsanleihen auszugeben. Investitionen über „Öffentlich-Private-Partnerschaften“ (ÖPP) umzusetzen sei im Vergleich dazu deutlich teurer.

Gegenüber ihrer Voraussage vom Juli reduzieren die Konjunkturforscher die Wachstumserwartung für 2014 um 0,3 und für 2015 um 0,4 Prozentpunkte. Gründe für die ungünstigere Prognose sind die schleppende Entwicklung im Euroraum – für die Währungsunion ohne Deutschland prognostiziert das IMK in diesem Jahr quasi Stagnation mit einem Mini-Wachstum von 0,2 Prozent – sowie die Krisen in der Ukraine und im Nahen Osten. „Der Aufschwung ist fragiler als noch vor kurzem gedacht.

Die Aussichten für das kommende Jahr sind weniger optimistisch“, sagt Prof. Dr. Gustav A. Horn, der Wissenschaftliche Direktor des IMK. „Doch wir sind glücklicherweise derzeit in Deutschland noch ein gutes Stück entfernt von einer Stagnation oder einem Abschwung. Das gilt umso mehr, wenn stabile Euro-Länder wie Deutschland vorhandene fiskalische Freiräume für Investitionen nutzen.

Die Wirtschaftspolitik kann also etwas tun, wir sind der internationalen Entwicklung nicht ausgeliefert – und sie schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe.“ Das sei auch eine gute Strategie, um Druck von der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) zu nehmen, betont Horn: „Wer nicht will, dass die EZB beim Ankauf von Anleihen und Verbriefungen immer neue Risiken eingeht, muss die Geldpolitik fiskalpolitisch flankieren.“

– Kräftigere Binnennachfrage stützt das Wachstum –
Das IMK geht in seiner Basisprognose nicht von einer drastischen Verschärfung der internationalen Konflikte aus, hat dafür aber gleichwohl ein Risikoszenario berechnet (siehe Seite 22 im Prognose-Report; Link unten). Als Stützen der insgesamt positiven Wirtschaftsentwicklung identifizieren die Forscher ein stabiles Wachstum in den USA und in den meisten Schwellenländern, von dem deutsche Exporteure ebenso profitieren wie vom schwächeren Euro. Vor allem aber macht sich laut IMK die bessere Balance der deutschen Volkswirtschaft positiv bemerkbar: Anders als im vergangenen Jahrzehnt hänge das Wachstum nicht mehr allein am Außenhandel, sondern es wird wesentlich von der kräftigeren Inlandsnachfrage getragen.

Motor dieser Entwicklung seien die verfügbaren Einkommen, die 2014 real um 1,2 Prozent und 2015 um 1,6 Prozent steigen werden. Eine nicht unerhebliche Rolle spielen dabei ab 2015 der Mindestlohn sowie das Rentenpaket der Bundesregierung. Noch wichtiger als Faktor eines balancierten Wachstums ist nach Analyse des IMK eine dauerhaft produktivitätsorientierte Lohnentwicklung. Darunter verstehen die Ökonomen eine Steigerung der Bruttolöhne und -gehälter, die sich an der mittelfristigen Produktivitätszunahme und der Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank orientiert. Die Summe beider Größen definiert einen Korridor von 3 bis 3,5 Prozent. Für dieses Jahr prognostiziert das IMK einen Anstieg der Bruttolöhne und -gehälter je Stunde um 2,6 Prozent. Für 2015 rechnen die Forscher mit 3,4 Prozent.

– Spielraum für dringend nötige Investitionen –
Aus Sicht der Forscher besitzen mindestens zehn Mitgliedsstaaten der Währungsunion Spielräume, um ihre öffentlichen Investitionen auch kurzfristig zu stärken. Insbesondere Deutschland habe signifikante finanzielle Möglichkeiten und angesichts von großen Defiziten in der Infrastruktur auch einen besonders hohen Bedarf, konstatiert das IMK. Die Forscher haben verschiedene Möglichkeiten analysiert, höhere Investitionen zu finanzieren. ÖPP halten sie für keine geeignete Option. Da Unternehmen für Kredite deutlich höhere Zinsen zahlen müssen als der deutsche Staat, würden sich solche Projekte nur lohnen, wenn private Finanziers Bau und Unterhalt von Straßen oder Gebäuden deutlich günstiger hinbekämen als öffentliche Auftraggeber. Genau diese Hoffnung haben jedoch ausführliche aktuelle Untersuchungen von Rechnungshöfen in Bund und Land widerlegt. „Die Rechnungshof-Berichte machen klar: Der Staat verschenkt viel Geld, wenn er den Umweg über eine private Vorfinanzierung nimmt“, sagt IMK-Direktor Horn.

Die Forscher plädieren daher dafür, Investitionen nicht länger zu verschieben und das historisch niedrige Zinsniveau zu nutzen. Schuldenbremse und Fiskalpakt beschränkten zwar die Kreditaufnahme der öffentlichen Hand. Da Deutschland die Konsolidierungsanforderungen in den vergangenen Jahren deutlich übererfüllt habe, verfüge der Staat aber über Freiräume. So könne der Bund 2015 ein Defizit von 20 Milliarden Euro ausweisen und ab 2016 könnten jeweils 10 Milliarden über Kredite für Investitionen mobilisiert werden. Flankierend empfehlen die Forscher eine Finanzierung weiterer Investitionen über höhere Nutzergebühren, beispielsweise eine höhere LKW-Maut, und gezielte, moderate Steuererhöhungen auf hohe Einkommen und große Vermögen.

Kerndaten der Prognose für Deutschland (siehe auch Tabelle 7 auf Seite 15 im Report; Link unten):

– Arbeitsmarkt –
Das Wirtschaftswachstum lässt die Beschäftigung weiter steigen und die Arbeitslosigkeit sinken. Die Zahl der Erwerbstätigen im Inland nimmt 2014 um gut 300.000 Personen oder 0,7 Prozent im Jahresdurchschnitt zu. 2015 steigt sie um weitere 240.000 (0,6 Prozent). Die Zahl der Arbeitslosen nimmt im Jahresdurchschnitt 2014 um knapp 50.000 auf rund 2,9 Millionen Menschen ab. Das entspricht einer Arbeitslosenquote von 6,7 Prozent. 2015 wird die Zahl der Menschen ohne Job erneut um 40.000 im Jahresdurchschnitt zurückgehen. Die Quote liegt bei 6,6 Prozent.

– Außenhandel –
Die Nachfrage aus den USA und den meisten Schwellenländern (außer Russland) verstärkt sich wieder. Davon profitiert insbesondere 2015 der deutsche Export: 2014 wächst die Ausfuhr von Waren und Dienstleistungen um durchschnittlich 3,4 Prozent, 2015 um 7,1 Prozent. Die Importe legen infolge der stärkeren Binnennachfrage 2014 um 4,2 Prozent im Jahresmittel zu, 2015 um 8,5 Prozent. Der starke deutsche Leistungsbilanzüberschuss wird somit ein wenig kleiner.

– Private Investitionen –
Die verhaltene Entwicklung im Euroraum hat die Investitionsbereitschaft der Unternehmen im Frühjahr 2014 gebremst. In der zweiten Jahreshälfte wird die Zurückhaltung aber überwunden: 2014 wachsen die Ausrüstungsinvestitionen um 5,5 Prozent. 2015 legen sie sogar um 8,7 Prozent zu.

– Einkommen und Konsum –
Die real verfügbaren Einkommen steigen 2014 um durchschnittlich 1,2 Prozent, die realen privaten Konsumausgaben nehmen um 1 Prozent zu. 2015 werden die real verfügbaren Einkommen und die privaten Konsumausgaben um jeweils 1,6 Prozent wachsen.

– Inflation und öffentliche Finanzen –
Die allgemeine Preisentwicklung in Deutschland ist sehr moderat. Im Jahresdurchschnitt 2014 und 2015 liegt die Teuerungsrate laut IMK bei lediglich 1,1 und 1,3 Prozent.

Von der wirtschaftlichen Entwicklung profitiert auch die öffentliche Hand. Das Staatsbudget wird 2014 einen leichten Überschuss von 0,4 Prozent des BIP aufweisen. Für 2015 prognostiziert das IMK einen Überschuss von 0,5 Prozent.

Kontakt in der Hans-Böckler-Stiftung

Prof. Dr. Gustav A. Horn
Wissenschaftlicher Direktor IMK
Tel.: 0211-7778-331
E-Mail: Gustav-Horn@boeckler.de

Peter Hohlfeld
IMK, Experte für Konjunkturprognosen
Tel.: 0211-7778-338
E-Mail: Peter-Hohlfeld@boeckler.de

Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Weitere Informationen:

http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_98_2014.pdf - *IMK Arbeitskreis Konjunktur: Der gefährdete Aufschwung. Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung 2014/2015. IMK Report Nr. 98, Oktober 2014.
http://youtu.be/yIL7waZRBIA - Videostatement von Gustav A. Horn zur Prognose

Rainer Jung | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index tritt auf der Stelle
24.11.2016 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht Lemgoer Wissenschaftler wollen smarte Banknote realisieren
08.11.2016 | Hochschule Ostwestfalen-Lippe

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Flüssiger Wasserstoff im freien Fall

05.12.2016 | Maschinenbau

Forscher sehen Biomolekülen bei der Arbeit zu

05.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungsnachrichten