Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Einzigartiges weltweites Experiment: Der Handel mit Emissionszertifikaten

08.12.2008
Um die Ziele des Kyoto-Protokolls zur Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstosses umzusetzen, bedarf es neuer Instrumente. Dazu gehört der internationale Handel mit Emissionszertifikaten, dessen Volumen schon im kommenden Jahr die Ausgaben für die weltweite Entwicklungshilfe übertreffen wird.

Über die Chancen und Risiken dieses neuen äußerst dynamischen Marktes berichtet der Frankfurter Ökonom Prof. Rainer Durth in der neuen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Forschung Frankfurt", das dem internationalen Jahr des Planeten Erde gewidmet ist.

Wie schaut dieses Handelssystem mit Kohlendioxid-Emissionen aus? Die Grundidee eines Zertifikate-Marktes ist relativ einfach: Die Auswirkungen von Kohlendioxid auf das Klima sind unabhängig davon, wer wo in der Welt das CO2 emittiert. Der Kyoto-Vertrag schreibt zunächst allerdings nur vor, dass Industrieländer ihre Emissionen drastisch reduzieren sollen; er erlaubt aber, dass sich ein Land Verringerungen des Kohlendioxid-Ausstoßes in einem anderen Land einkaufen kann.

Damit dieser Tausch funktioniert, wurde 1997 ein Eigentumstitel an erlaubtem CO2-Ausstoß geschaffen. Wer ein entsprechendes Zertifikat kauft, darf eine Tonne Kohlendioxid mehr emittieren, wer es verkauft, muss eine Tonne weniger in die Atmosphäre freisetzen. Die Eigentumsrechte können gehandelt werden, so dass die Einsparung der Emissionen dort erfolgt, wo es für alle am billigsten ist.

Ein typisches Projekt ist ein Windpark in Indien, der mit regenerativer Energie - also ohne Emissionen - dringend benötigten Strom erzeugt. Der Projekteigner kann die Zertifikate an einen deutschen Energieversorger verkaufen und die Erlöse in den nächsten - vielleicht bereits mit neuerer Technologie betriebenen - Windpark investieren. So können sich Klimaschutz und Entwicklung gegenseitig unterstützen. Dazu Durth, der als Honorarprofessor der Goethe-Universität auf den Gebieten Bankbetriebslehre und Internationale Wirtschaftspolitik lehrt und zudem als Abteilungsdirektor im Klimaschutzfonds der KfW Bankengruppe tätig ist: "Die Einsparung von Kohlendioxid ist meist dort besonders günstig, wo die entsprechenden Anlagen nicht nur umgebaut, sondern überhaupt erst errichtet werden müssen. Das sind in der Regel Entwicklungs- und Schwellenländer, für die es momentan keine Deckelung der Emissionen gibt." Die Teilnahme dieser Länder am internationalen Zertifikate-Markt - derzeit entfallen bereits ein Fünftel des Marktes auf Projekte dieser Länder - ist aus zwei Gründen wünschenswert: Sie können besonders billig Kohlendioxid einsparen; und sie profitieren bei ihrer Entwicklung von bedeutsamen internationalen Kapitalzuflüssen. "Deswegen wurde der 'Clean Development Mechanism' entwickelt," erläutert Durth. "Einzelne Projekte oder Programme, die die industrielle und ökologische Entwicklung eines Landes voranbringen, werden daraufhin geprüft, welche CO2-Einsparungen sie mit sich bringen. Für diese Einsparungen werden Zertifikate ausgestellt, die der Projekteigner dann verkaufen kann."

Der internationale Zertifikate-Handel wächst seit 2005 um jährlich circa 90 Prozent - ein eindruckvolles Ergebnis, dabei dürfen aber auch Probleme und Risiken nicht übersehen werden, wie sie Durth beschreibt: "Der Markt ist noch kein idealer Wettbewerbsmarkt, er kann effizienter gestaltet und Klimapolitik damit billiger werden. Insbesondere auf der Käuferseite gibt es überwiegend wenige große Nachfrager wie Staaten und Energieversorgungsunternehmen; Informationen über den Markt sind unvollständig, unsicher und meist ungleich auf die einzelnen Marktteilnehmer verteilt; Anpassungen erfolgen nur mit Verzögerung. Zudem ist die Zukunft der gehandelten Eigentumsrechte nach 2012 derzeit offen, das macht den Abschluss des 'Post-Kyoto-Abkommens' so wichtig." Um vor allem kleinen und mittelgroßen europäischen Unternehmen den Zugang zum Zertifikate-Markt zu erleichtern, tritt die KfW international mit der gebündelten Nachfrage auf, das geschieht mit den sogenannten Klimaschutzfonds.

In Zukunft wird es eine besondere Aufgabe der Entwicklungsökonomen sein, die Märkte und Verfügungsrechte so auszugestalten, dass sie den besonderen Erfordernissen der oft kleinen und armen Entwicklungsländer besser gerecht werden. Kurzfristig wird dabei im Vordergrund stehen, wie sich die Entwicklungsländer vor den Folgen des Klimawandels schützen können. "Langfristig geht es darum, wie sie ihr wirtschaftliches Potenzial einbringen und gleichzeitig die internationale Klimaschutzpolitik und ihre eigenen Entwicklungsziele unterstützen können," ergänzt der Frankfurter Wirtschaftswissenschaftler.

Informationen: Prof. Rainer Durth, Honorarprofessor am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, Campus Westend, Tel. (069) 7431 3607, rainer.durth@kfw.de

Ulrike Jaspers | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-frankfurt.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht IMK-Konjunkturindikator: Praktisch keine Rezessionsgefahr, Wirtschaft auf stabilem Aufschwungpfad
15.11.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht IAB-Arbeitsmarktbarometer steigt kräftig
30.10.2017 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

500 Kommunikatoren zu Gast in Braunschweig

20.11.2017 | Veranstaltungen

VDI-Expertenforum „Gefährdungsanalyse Trinkwasser"

20.11.2017 | Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Künstliche neuronale Netze: 5-Achs-Fräsbearbeitung lernt, sich selbst zu optimieren

20.11.2017 | Informationstechnologie

Tonmineral bewässert Erdmantel von innen

20.11.2017 | Geowissenschaften

Hemmung von microRNA-29 schützt vor Herzfibrosen

20.11.2017 | Biowissenschaften Chemie