Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Einerseits risikofreudig – andererseits risikoscheu?

10.01.2011
Ein Experiment zur Analyse individueller Risikoeinstellungen

„Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach?“ Der erwartete Nutzen riskanter Alternativen sowie die Wahrnehmung von Wahrscheinlichkeiten sind entscheidende Komponenten in der Darstellung individueller Risikoeinstellungen.

In einem Laborexperiment haben Eva-Maria Steiger (Max-Planck-Institut für Ökonomik, Jena) und Jianying Qiu (Universität Wien) nun erstmals das Verhältnis dieser beiden Komponenten zueinander untersucht – und einen eindeutigen Zusammenhang nicht gefunden. Vorstellbar also, dass in den Risikoeinstellungen derselben Person zugleich Risikoneigung und große Vorsicht zu finden sind.

Die Erfassung und Beschreibung des menschlichen Entscheidungsverhaltens ist eines der großen Forschungsthemen in den Sozialwissenschaften. Eine besondere Rolle kommt dabei dem Umgang mit Risiken zu, da fast alle Entscheidungen unter Unsicherheit bzw. auf der Grundlage unvollständiger Informationen getroffen werden müssen. Die zwei bekanntesten Theorien zur Bewertung von Risiken sind die Erwartungsnutzentheorie (expected utility theory) und die Prospect Theorie, im Deutschen auch Neue Erwartungstheorie genannt.

Nach der Erwartungsnutzentheorie werden die möglichen Ergebnisse mit einer individuellen Nutzenfunktion bewertet, und dann der jeweilige individuelle Nutzen mit der Wahrscheinlichkeit des Ergebnisses gewichtet (multipliziert). Die Prospect Theorie fügt (neben der individuellen Bewertung von Ergebnissen) noch eine weitere Komponente hinzu: die individuelle Bewertung von Wahrscheinlichkeiten. Dabei können die Wahrscheinlichkeiten von einem Entscheider jeweils individuell optimistisch oder pessimistisch gewertet werden. Nach der Prospect Theorie lassen sich diese Bewertungen einer individuell gewichteten Wahrscheinlichkeitsfunktion abbilden.

„In welchem Verhältnis diese beiden Komponenten zueinander stehen, wurde unseres Wissens bislang noch nicht untersucht“, sagt Eva-Maria Steiger. Angenommen wurde bislang – meist stillschweigend – die Unabhängigkeit beider. „Dabei ist es wichtig, diese Frage zu stellen“, erklärt Steiger, „denn läge eine signifikante Korrelation zwischen beiden vor, wäre die Messung der anderen Komponente redundant.“

Im Jenaer Computerlabor des MPI für Ökonomik haben Steiger und Qiu hierzu im Juni 2008 ein Experiment durchgeführt. In insgesamt 72 Runden erfassten sie dabei das individuelle Entscheidungsverhalten von insgesamt 124 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Im ersten Teil wurden Entscheidungen abgefragt, um die Einstellung hinsichtlich der Nutzenerwartungstheorie, also der individuellen Bewertung der Ergebnisse zu schätzen. Hierzu wurden Auszahlungen variiert, die Wahrscheinlichkeiten jedoch konstant gehalten. Im zweiten Teil wurden dann bei fixierten Auszahlungen die Wahrscheinlichkeiten variiert, um eine individuelle Wahrscheinlichkeitsgewichtung zu erhalten. Aus den Ergebnissen wurde eine individuelle Bewertungsfunktion der Auszahlungen (Erwartungsnutzen) und eine individuelle Bewertung der Wahrscheinlichkeiten ermittelt. Danach wurde untersucht, inwieweit sich aus der Risikoeinstellung in der einen Komponente eine Risikoeinstellung zur anderen Komponente ableiten lässt. Eine signifikante Korrelation zwischen beiden Komponenten konnten Steiger und Qiu jedoch nicht feststellen.

„Unsere Studie stützt die Annahme, dass beide Komponenten voneinander unabhängig sind und unterstreicht damit die Kritik an der Erwartungsnutzentheorie, dass diese nur eine unzureichende Abbildung der individuellen Risikoeinstellungen ermöglicht.“ Um die Risikoeinstellungen einer Person zureichend abbilden zu können, so das Fazit von Steiger und Qiu, sollte deshalb auf keine der beiden Komponenten verzichtet werden.

Orginalveröffentlichung:
Qiu, Jianying; Eva-Maria Steiger: Understanding the Two Components of Risk Attitudes: An Experimental Analysis. In: Management Science, Articles in Advance, pp. 1-7

DOI 10.1287/mnsc.1100.1260

Das Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena beschäftigt sich mit einem breiten Spektrum von Fragen des wirtschaftlichen Wandels insgesamt, der experimentellen Ökonomik sowie des unternehmerischen Verhaltens (http://www.econ.mpg.de).

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Dr. Eva-Maria Steiger
Max-Planck-Institut für Ökonomik
Kahlaische Straße 10
07743 Jena
Telefon: +49 - 3641 - 686 626
Fax: +49 - 3641 - 686 667
e-mail: steiger@econ.mpg.de
Stephan Schütze, Petra Mader
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Ökonomik
Kahlaische Straße 10
07743 Jena
Telefon: +49 - 3641 - 686 950, -960
Fax: +49 - 3641 - 686 710
e-mail: presse@econ.mpg.de

Petra Mader | idw
Weitere Informationen:
http://www.econ.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index: Aufwärtstendenz setzt sich fort
21.02.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht Ergebnisse der IAB-Stellenerhebung für das 4. Quartal 2016: Anhaltend hohes Niveau offener Stellen
21.02.2017 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie