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Durchblick im Börsendschungel

20.07.2009
Strukturierte Wertpapiere sind besser als ihr Ruf. Rund zwei Drittel der Zertifikatstypen haben im Krisenjahr 2008 eine höhere Rendite erwirtschaftet als die Aktien, auf die sie sich beziehen.
Allerdings sind diese Produkte oft komplex und für private Anleger schwer nachvollziehbar. In einem von der Innovationsstiftung Schleswig-Holstein finanzierten Projekt schaffen Forscher der Uni Kiel gemeinsam mit dem Börsenportal ARIVA.DE mehr Transparenz auf dem Zertifikatemarkt.

Wie sorgen Sie für Ihre Zukunft vor? Mit einer Lebensversicherung? Mit Aktien, Festgeldanlagen oder Schatzbriefen? Oder vielleicht mit Zertifikaten?

"Zertifikate bieten Möglichkeiten, die klassische Anlageformen nicht bieten können", sagt Marc Hansen, Doktorand am Lehrstuhl für Finanzwirtschaft der Uni Kiel von Professor Peter Nippel. Das Problem: "Aufgrund ihrer Komplexität sind diese Produkte für viele Anlegerinnen und Anleger ein Buch mit sieben Siegeln." Der Wissenschaftler arbeitet an einem Projekt, dessen Ziel es ist, privat Interessierten eine bankenunabhängige Hilfestellung für die Beurteilung dieser Wertpapiere zu geben.

Knapp 80 Milliarden Euro haben die Deutschen aktuell in Zertifikaten angelegt. Unter einem Zertifikat versteht man ein von einer Bank herausgegebenes Wertpapier, dessen Wert sich aus einer anderen Anlage ableitet. Während ein Anleger mit dem Kauf der VW-Aktie zum Anteilseigner beim Autobauer wird, beteiligt ihn ein Zertifikat auf die VW-Aktie an deren Wertentwicklung, ohne dass er die Aktie besitzt. Mit anderen Worten: Der Anleger überlässt dem Kreditinstitut einen Geldbetrag, wie viel er zurückbekommt, hängt von der Entwicklung der Aktie ab. Wo aber liegt der Vorteil eines solchen Investments?

Zum einen beziehen sich Zertifikate längst nicht nur auf den Aktienmarkt, sondern etwa auch auf Rohstoffe, Wechselkurse oder Zinsdifferenzen -Märkte, in die private Anleger sonst kaum investieren könnten. Zum anderen lässt sich die Investition mit nur einem Zertifikat gleich über mehrere Basiswerte und Branchen streuen. Wesentliches Charakteristikum ist zudem die Gestaltung der Rückzahlung: Während Investoren mit Aktien nur dann gewinnen, wenn die Aktienkurse steigen, sieht die Sache bei Zertifikaten anders aus.

Mit so genannten Bonuszertifikaten etwa können Anleger selbst bei fallenden Märkten positive Renditen erzielen, solange der Kurs des Basiswertes nicht unter eine im Vorwege definierte Schwelle sinkt. Sie sind nur ein Beispiel für die zum Teil überbordende Kreativität der Banken, deren Angebote von Garantiezertifikaten über "Discount-" und "Express-" bis hin zu "Sprintzertifikaten" reicht. Spekulieren lässt sich auf steigende Märkte genauso wie auf fallende oder unveränderte Kurse.

Um solche Strukturen anbieten zu können, kombinieren die Finanzhäuser die originäre Anlage in der Regel mit Termingeschäften, so genannten Optionen. Spätestens an diesem Punkt endet die Transparenz: "Der Anleger erfährt aus dem Prospekt, mit welchen Zahlungen er unter welchen Voraussetzungen rechnen kann", sagt Hansen. "Er hat aber keine Möglichkeiten, nachzuvollziehen, ob der Preis, zu dem das Zertifikat verkauft wird, marktgerecht ist."

Helfen soll ein interaktives Bewertungswerkzeug für Zertifikate, das Hansen gemeinsam mit ARIVA.DE entwickelt. Das Kieler Unternehmen betreibt eines der größten bankenunabhängigen Börsenportale im Internet mit der umfangreichsten Datenbank für Zertifikate. Ziel ist, dem Nutzer ein Preis-Fairness-Gefühl zu vermitteln.

Um die Zertifikate zu bewerten, greift der Wissenschaftler mit seinem Team auf simulationsbasierte Optionsmodelle aus der Finanztheorie zurück. Zahlreiche Parameter wie die erwarteten Kursschwankungen beim Basiswert oder die Schätzung möglicher Dividenden spielten dabei eine Rolle, in der Praxis kämen für die Banken weitere Faktoren wie die Handelbarkeit des Basiswertes hinzu.

Rund 370.000 Zertifikate werden aktuell in Deutschland gehandelt. Dass das Kapital bei dieser Anlageform nicht geschützt ist, sollte die Bank als Rückzahler ausfallen, dürfe bei der Auswahl von Produkt und Anbieter nicht vergessen werden, meint Hansen. Die Pleite der US-Bank Lehman Brothers habe die Anlageklasse Zertifikate pauschal in Verruf gebracht. Dennoch hätten 2008 rund zwei Drittel der Zertifikatstypen eine höhere Rendite erwirtschaftet als ihr Basiswert. "Wer die Zeichen der Märkte richtig gedeutet hat, konnte mit Hilfe der strukturierten Produkte sogar beeindruckende Gewinne erzielen."

Sabine Recupero | idw
Weitere Informationen:
http://www.ariva.de
http://www.bwl.uni-kiel.de/FiWi

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