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Deutsche Wirtschaft erholt sich nur langsam

17.03.2010
Das RWI senkt seine Prognose des Wirtschaftswachstums für das Jahr 2010 gegenüber Dezember 2009 leicht von 1,6 auf 1,4%; für 2011 erwartet es ein Plus von 1,6%. Die Impulse kommen dabei wohl zunächst vor allem vom Außenbeitrag.

Im Verlauf des kommenden Jahres gewinnt voraussichtlich auch die Inlandsnachfrage an Kraft. Stabilisierend dürfte wirken, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt trotz des tiefen Konjunktureinbruchs nur wenig verschlechtert hat und die Arbeitslosenquote voraussichtlich auch bis 2011 nicht stark ansteigen wird. Die Wirtschaftspolitik sollte die zur Bekämpfung der Finanzkrise eingeleiteten Maßnahmen kontrolliert zurückfahren.

Die Erholung der deutschen Wirtschaft ist gegen Ende des Jahres 2009 ins Stocken geraten. Nachdem sich die gesamtwirtschaftliche Produktion im Sommerhalbjahr spürbar erhöht hatte, stagnierte sie im vierten Quartal. Auch im ersten Quartal 2010 dürfte sie nur mäßig ausgeweitet worden sein, vor allem weil der harte Winter die Bauproduktion deutlich einbrechen ließ. Andererseits stieg vor allem der Auftragseingang aus dem Inland im Januar kräftig und die Industrieproduktion wurde leicht ausgeweitet. Zudem hat sich die Lage am Arbeitsmarkt nur wenig verschlechtert, und auch die Einkommen dürften 2010 insgesamt relativ stabil bleiben.

Für dieses und das kommende Jahr erwarten wir eine nur zögerliche Konjunkturbelebung. Die Investitionen dürften in allen Industrieländern schwach bleiben, so dass die hohe Wettbewerbsfähigkeit bei Investitionsgütern vorerst kaum zum Tragen kommen wird. Da erfahrungsgemäß in der Spätphase von Rezessionen die Forderungsausfälle der Banken steigen, dürften deren Möglichkeiten zur Kreditvergabe weiter eingeschränkt werden. Hinzu kommt, dass die Kreditwürdigkeit vieler Unternehmen gelitten haben dürfte, weil sie durch die Rezession über weniger eigene Finanzreserven verfügen.

Arbeitsmarkt bleibt weiterhin relativ stabil

Vor diesem Hintergrund prognostiziert das RWI, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Durchschnitt dieses Jahres lediglich um 1,4% steigen wird. Vorerst kommen die Impulse vor allem vom Außenbeitrag, im Jahresverlauf dürften auch die Ausrüstungsinvestitionen zulegen. Der private Konsum dürfte keinen großen Beitrag zur Expansion leisten, da Löhne und Renten kaum steigen werden und die Beschäftigung wohl weiter sinken wird. Die Bauinvestitionen bleiben voraussichtlich leicht rückläufig.

Für 2011 geht das RWI von einem BIP-Anstieg gegenüber 2010 um 1,6% aus, wobei sich die Expansion im Jahresverlauf etwas verstärken dürfte. Der Export wird sich voraussichtlich weiter erholen und die Investitionen zulegen. Die privaten Konsumausgaben dürften erst leicht steigen, wenn sich die Lage am Arbeitsmarkt stabilisiert. Vorerst werden die Unternehmen aber bei langsam steigender Auslastung eher bestrebt sein, ihre personellen Überhänge zu verringern. Da allerdings das Erwerbspersonenpotenzial aus demographischen Gründen sinken wird, ist ein nur moderater Anstieg der Arbeitslosenquote auf 8,3 % beziehungsweise 8,5% zu erwarten. Aufgrund der schwachen Nachfrage dürfte der Inflationsdruck gering bleiben und die Teuerung mit 0,8% beziehungsweise 1,1% moderat ausfallen.

Wirtschaftspolitik sollte ihren expansiven Kurs zurückfahren

Die Lage der öffentlichen Haushalte wird sich 2010 voraussichtlich weiter verschlechtern, das Budgetdefizit des Staates wird wohl von 79 auf 125 Milliarden Euro, die Defizitquote damit von 3,3 auf 5,0% steigen. Im kommenden Jahr könnte das Budgetdefizit auf rund 115 Milliarden Euro zurückgefahren werden, die Defizitquote auf 4,6% sinken.

Die Wirtschaftspolitik hat durch ihren expansiven Kurs zur Milderung der Rezession beigetragen. Sie kann und sollte diesen Kurs aber nicht auf Dauer durchhalten und eine Exit-Strategie entwickeln. Die Geldpolitik hat bereits damit begonnen, die "nicht-konventionellen" Maßnahmen, mit denen sie die Liquiditätsversorgung sicher stellte, zurückzufahren; ihre Leitzinsen dürfte sie aber erst allmählich anheben. Die Finanzpolitik hat zwar einen Konsolidierungskurs angekündigt, lässt aber offen, wann sie damit beginnen und wie sie vorgehen wird. Ab dem Jahr 2016 gilt jedoch die Schuldenbremse mit einer Obergrenze des strukturellen Defizits des Bundes von 0,35% des BIP. Je später dieses Ziel in Angriff genommen wird, desto härter werden die erforderlichen Einschnitte sein.

Weltwirtschaft: Schwellenländer haben sich schneller erholt als Industrieländer

Die Weltwirtschaft hat sich seit dem vergangenen Herbst belebt. Während allerdings die Industrieproduktion der Schwellenländer rasch wieder ansprang und inzwischen das Niveau vom Herbst 2008 erreicht hat, liegt sie in den Industrieländern noch 15% unter ihrem konjunkturellen Höhepunkt. In Ländern mit außerordentlich stark steigender Staatsverschuldung, wie Spanien, Griechenland und eine Reihe osteuropäischer Länder, schrumpfte die Wirtschaftsleistung sogar bis zuletzt.

Die 2009 deutlich expansiv ausgerichtete Wirtschaftspolitik dürfte in diesem Jahr von auslaufenden Konjunkturprogrammen und beginnenden Konsolidierungsmaßnahmen geprägt sein. Ein stärkerer Abbau der Haushaltsfehlbeträge ist jedoch erst 2011 zu erwarten. Die Zentralbanken dürften zunächst ihre "nicht-konventionellen" Maßnahmen zurückfahren, bevor sie Ende dieses oder zu Beginn des kommenden Jahres voraussichtlich ihre Leitzinsen anheben werden.

Vor diesem Hintergrund dürfte sich die Lage der Weltwirtschaft nur allmählich verbessern. Das Expansionstempo der Schwellenländer dürfte sich ein wenig verlangsamen, der Aufschwung in den Industrieländern nur sehr zögerlich an Stärke gewinnen. Alles in allem dürfte die Wirtschaftsleistung in den Industrieländern in diesem Jahr und im kommenden Jahr um rund 2% steigen. Dabei steht voraussichtlich einer sich im Verlauf kräftigenden Expansion in Europa eine etwas nachlassende in den USA und Japan gegenüber. Das Weltsozialprodukt dürfte 2010 und 2011 um jeweils etwa 2,7% steigen.

Insgesamt hat die Weltwirtschaft die Rezession allem Anschein nach überwunden, sie erholt sich allerdings nur sehr verhalten. Die Wirtschaftspolitik dürfte in vielen Ländern mehr oder weniger simultan auf einen restriktiveren Kurs gehen. Dabei besteht zum einen die Gefahr, dass sie den Ausstieg zu früh oder zu spät vornimmt beziehungsweise dabei zu forsch oder zu zögerlich vorgeht. Zum anderen könnte die Expansion derzeit doch stärker von der expansiven Politik abhängen als es scheint, so dass der simultane Schwenk der Politik die Weltwirtschaft in eine neuerliche Rezession ziehen könnte.

Ihre Ansprechpartner dazu:
Prof. Dr. Roland Döhrn Tel. (0201) 81 49-262
Sabine Weiler (Pressestelle) Tel.: (0201) 81 49-213

Joachim Schmidt | idw
Weitere Informationen:
http://www.rwi-essen.de/presse

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