Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Chancen für Überwindung der Finanzmarktkrise gewachsen - Defizite bei europäischer Abstimmung und Konjunkturstimulation

23.10.2008
Die jüngsten Initiativen von Regierungen und Zentralbanken haben die Chancen dafür verbessert, dass die Finanzmarktkrise und der Einbruch der Weltkonjunktur relativ schnell überwunden werden.

Allerdings ist die Politik der EU-Länder in zwei wichtigen Bereichen weiter uneinheitlich. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung in einer aktuellen Analyse.

"Um wirklich Hoffnung auf eine schnelle Überwindung der Krise haben zu können" - im besten Fall innerhalb des kommenden Jahres - "müssten sich die europäischen Länder nicht nur auf eine bessere Koordination der nationalen Rettungspakete für ihre Finanzsysteme einigen, sondern auch auf koordinierte nationale Maßnahmen zur Stabilisierung der Konjunktur", schreiben die Wissenschaftler. Die Untersuchung erscheint am heutigen Donnerstag als IMK Policy Brief.

Zu den positiven Entwicklungen der vergangenen Wochen zählen die Ökonomen die konzertierte Zinssenkung wichtiger Zentralbanken vom 8. Oktober. Der Zinsschritt, an dem auch die Europäische Zentralbank (EZB) beteiligt war, habe die Refinanzierung der Banken erleichtert, zudem werde er mittelfristig die Konjunktur stimulieren, so das IMK.

Das Banken-Rettungspaket der Bundesregierung ist nach der Analyse der Wissenschaftler ebenfalls richtig angelegt: "Es setzt an den wichtigsten Problemen an - dem Nicht-Funktionieren des Interbankenmarktes und dem Eigenkapitalbedarf der Banken, ohne staatliche Leistungen kostenlos zu gewähren." Die Forscher halten es für sinnvoll, dass der Staat je nach Art der finanziellen Hilfen Gebühren, Eingriffsrechte und Eigentumstitel erhält. Allerdings sehen sie das Risiko, dass einzelne betroffene Banken "zu lange mit der Annahme von Hilfen warten", weil sie Negativ-Nachrichten und Auflagen scheuen. Daher wäre es aus Sicht des IMK praktikabler gewesen, wenn die Bundesregierung nach britischem oder US-amerikanischem Vorbild alle Banken zu einer Eigenkapitalerhöhung veranlasst hätte. So wäre "der negative Signaleffekt für jene Banken, die die Hilfe zuerst in Anspruch nehmen, vermieden und wertvolle Zeit gewonnen worden."

Noch größere Probleme sehen die Ökonomen in einer nach wie vor mangelnden Abstimmung auf europäischer Ebene. Diese habe dazu geführt, dass die EU-Staaten zum Teil sehr unterschiedliche Arten von Hilfspaketen geschnürt haben. So orientiere sich das deutsche Rettungskonzept an den Maßnahmen in Großbritannien. Österreich strebt eine ähnliche Kombination an. Dagegen verließen sich Länder wie Belgien, Irland, die Niederlande sowie Dänemark auf umfassende Garantien für die Einlagen und Verbindlichkeiten der Banken. Weniger betroffene Länder wie Italien oder Griechenland hätten wiederum Rettungspakete für den Notfall angekündigt, ohne auf die genauere Ausgestaltung einzugehen. Angesichts dieser Vielfalt sieht das IMK die Gefahr, dass es ungewollt zu einem europäischen Wettbewerb um die für Banken günstigste Regulierung kommt. Sollte das dazu führen, dass Kapital in die vermeintlich "sichereren" Länder transferiert wird, würde sich die Situation in den "ungünstigeren" Ländern verschärfen - mit negativen Rückwirkungen auch auf die "sichereren" Länder.

Als zweite zentrale Schwäche identifiziert das IMK den Verzicht auf eine zwischen den EU-Staaten koordinierte Konjunkturpolitik. "Die europäischen Staaten tun sich nach wie vor schwer, koordinierte Konjunkturprogramme zu beschließen", schreiben die Wissenschaftler. "Damit wird aber bisher die Chance auf einen spürbaren Impuls, der den Abschwung verhindern könnte, vertan." Die konjunkturelle Schwäche verschärfe wiederum die Krise des Finanzsystems in Europa.

Vor allem Deutschland habe bisher wenig Interesse an gemeinsamen Konjunkturpaketen gezeigt - "und das, obwohl sich die deutsche Binnenwirtschaft im europäischen Vergleich in den letzten Jahren sehr schwach entwickelt und das Wachstum im Euroraum eher gebremst hat." Die Experten des IMK rechnen damit, dass Volkswirtschaften mit einer starken Binnennachfrage angesichts der allgemeinen weltwirtschaftlichen Schwäche geringere Wachstumsverluste erleiden werden als stark exportorientierte Staaten wie die Bundesrepublik.

Eine auf Stärkung der binnenwirtschaftlichen Wachstumsdynamik angelegte Geld-, Fiskal- und Lohnpolitik könne auch über die akute Krise hinaus einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung und zur Krisenprävention auf den Finanzmärkten leisten, betonen die Forscher. Die Überschuldung vieler privater Haushalte und die Subprime-Krise in den USA seien auch eine Folge von jahrzehntelanger Stagnation der Einkommen in den unteren Einkommensgruppen. In Deutschland habe die schwache Entwicklung von Masseneinkommen und Konsum zu einer vergleichsweise geringen Kreditnachfrage beigetragen und deutsche Finanzdienstleister dazu veranlasst, sich auf ausländische Märkte und oft riskante Anlageformen zu konzentrieren.

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/320_93265.html
http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_pb_10_3_2008.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht IAB-Arbeitsmarktbarometer: Arbeitsmarkt bleibt im Aufwind
27.04.2017 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

nachricht Digitalisierung bringt Produktion zurück an den Standort Deutschland
25.04.2017 | Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie