Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie Beschäftigungsprogramme scheitern - und wie nicht

07.07.2009
Die Schweiz muss in naher Zukunft mit steigenden Arbeitslosenzahlen rechnen.

Viele Kantone reagieren mit Beschäftigungsprogrammen. Deren Wirksamkeit aber ist zweifelhaft. Als Zwangsmassnahme sind sie kontraproduktiv, vor allem bei jungen Erwachsenen. Eine vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte soziologische Studie zeigt, wie man solche Programme verbessern könnte.

Beschäftigungsprogramme für Arbeitslose (Programme zur vorübergehenden Beschäftigung, PvB) werden in der ganzen Schweiz durchgeführt. Im Rahmen des dritten Konjunkturpakets des Bundes sollen diese weiter gefördert werden. Diese Programme bieten den Teilnehmenden eine Tagesstruktur, eine mehr oder weniger sinnvolle Tätigkeit und zum Teil die Möglichkeit, ihre Qualifikationen zu erweitern. Die Teilnahme ist in der Regel nicht freiwillig, sondern wird von einem Amt, meist einem regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) oder einem Sozialamt, gefordert. Arbeitslose sollen so leichter ins Erwerbsleben zurückfinden.

Damit dieses Ziel erreicht wird, müssten Programm und Teilnehmer aufeinander abgestimmt sein. Doch das ist längst nicht immer der Fall, wie die vom Schweizerischen Nationalfonds und vom Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Thurgau unterstützte Studie des Soziologen Peter Schallberger (Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Gallen) zeigt. In der Vergangenheit stellten mehrere Untersuchungen fest, dass Teilnehmer von PvB keine höhere Wiederbeschäftigungsquote aufweisen als Arbeitslose ohne PvB. Doch diese Untersuchungen greifen zu kurz: Die PvB können laut Schallberger ihr Ziel, die Steigerung der Arbeitsmarktfähigkeit der Stellensuchenden, sehr wohl erreichen, auch wenn diese - zum Beispiel aus konjunkturellen Gründen - bei der Stellensuche scheitern.

Kontraproduktiver Zwangscharakter
Peter Schallberger und sein Team untersuchten mittels qualitativer Sozialforschung 15 PvB der Kantone Thurgau und St. Gallen; insgesamt analysierten sie 40 Interviews, je etwa zur Hälfte mit Programmteilnehmenden und Programmverantwortlichen. Dabei zeigte sich, dass die PvB in der Praxis - allein im Kanton Thurgau sind rund 1000 Personen eingebunden - teils konträre Ansätze verfolgen. Der von den Forschenden so genannte Rettungsansatz geht davon aus, dass die Teilnehmenden in eine persönliche Krise geraten sind und Hilfe brauchen. Sie sollen im PvB vor Verwahrlosung geschützt werden, den Glauben an die eigenen Fähigkeiten wieder aufbauen und einen Lebenssinn finden. Der Disziplinierungsansatz dagegen geht davon aus, dass die Teilnehmenden wegen charakterlicher Defizite (z.B. Faulheit) arbeitslos wurden und zum Missbrauch der Sozialwerke neigen. Sie sollen im PvB überwacht und umerzogen werden. In der Realität sind die meisten PvB zwischen diesen beiden Polen anzusiedeln.

PvBs sollen die Teilnehmenden "ermächtigen", wieder im Erwerbsleben Fuss fassen zu können. Ihr Zwangscharakter bewirkt aber oft das Gegenteil: Die Teilnehmenden erleben die Zuweisung als staatliches Aufgebot. Ihre Autonomie, ihre Selbstachtung und ihre Motivation - im Hinblick auf den Erfolg am Arbeitsmarkt zentrale Faktoren - werden untergraben. Umso wichtiger ist es daher, dass die Programmverantwortlichen ein vertrauensbasiertes Kooperationsbündnis aufbauen, das die Freiwilligkeit so weit als möglich wieder herstellt.

Fragwürdiges Konkurrenzierungsverbot
Entscheidend für den Erfolg eines PvB ist überdies, dass es zum Teilnehmenden passt. Ein lebenstüchtiger Mensch profitiert nicht von einem Programm, das ihn wie einen Kranken behandelt. Das wirkt stigmatisierend. Umgekehrt kann man einer Person, die in einer tiefen Lebenskrise steckt, nicht helfen, indem man sie zu Routinearbeiten zwingt und ihr mit Sanktionen droht. Da die PvB-Teilnehmenden in der Regel durch RAV-Berater oder Sozialamt-Mitarbeitende verpflichtet werden, sollten diese Beamten über hohe diagnostische Fähigkeiten verfügen und die Programme gut kennen. Die Forschenden stiessen jedoch gleich auf mehrere Arbeitslose, die offensichtlich in falsche Programme geschickt wurden.

In einem wirksamen PvB birgt die Arbeit Sinnstiftungspotentiale. Sinn verbinden viele Teilnehmende aber weniger mit einer Arbeit, die ihre Fertigkeiten, Qualifikationen oder gar Kreativität herausfordert, sondern vielmehr damit, ob ein Produkt entsteht, das im gewöhnlichen Wirtschaftsleben nachgefragt wird. Diesem Bedürfnis steht aber die Auflage entgegen, dass PvB privatwirtschaftliche Unternehmen nicht konkurrenzieren dürfen. Die Forschenden raten deshalb, wenigstens innerhalb des Konkurrenzierungsverbots bis an die Grenzen zu gehen.

PvB sind ungeeignet für junge Erwachsene
Wenig geeignet sind die untersuchten Programme für junge Erwerbslose. Wenn diese in den Programmen auf sozial randständige Erwachsene stossen, wirkt das beim nicht gelingenden Einstieg in den Arbeitsmarkt zusätzlich demoralisierend. Auch wird ihnen die Chance zu einer nachholenden Anlehre oder Berufsausbildung verbaut. Verfolgt das PvB überdies den Disziplinierungsansatz, wirkt sich das besonders verheerend aus: Es provoziert Strategien des offenen oder verdeckten Protests oder der Subversion. Für manchen Jugendlichen kann das den Beginn einer sogenannten Ämterkarriere bedeuten. Entsprechend empfehlen die Forschenden den Ausbau von spezifischen Arbeitsintegrationsmassnahmen für junge Erwerbslose.
Kontakt:
Prof. Dr. Peter Schallberger
FHS St. Gallen
Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Institut für Soziale Arbeit
Industriestrasse 35
CH-9401 Rorschach
Tel.: + 41 (0)71 844 48 44
E-Mail: peter.schallberger@fhsg.ch
Die Studie "Ermächtigung oder Entmutigung? Eine fallrekonstruktive Untersuchung von Programmen zur vorübergehenden Beschäftigung (PvB)" sowie der Text dieser Medienmitteilung stehen auf der Website des Schweizerischen Nationalfonds zur Verfügung:

www.snf.ch > Medien > Medienmitteilungen

| idw
Weitere Informationen:
http://www.snf.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index setzt Anstieg fort
22.06.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht IAB-Arbeitsmarktbarometer: Beschäftigung legt weiter zu
29.05.2017 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Der Form eine Funktion verleihen

23.06.2017 | Informationstechnologie

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Rudolf-Virchow-Preis 2017 – wegweisende Forschung zu einer seltenen Form des Hodgkin-Lymphoms

23.06.2017 | Förderungen Preise