Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Beschäftigung, Wirtschaftswachstum, Lohnentwicklung: Frankreich hat mehr erreicht als Deutschland

04.09.2008
Länderanalyse im neuen IMK Report

Seit Beginn der Währungsunion ist Frankreichs Wirtschaft stärker gewachsen als die deutsche. Gleichzeitig haben in Frankreich mehr Menschen einen Arbeitsplatz gefunden.

Anders als in Deutschland blieb die Lohnentwicklung in Frankreich stabil und es gab keine drastischen Einschnitte in die sozialen Sicherungssysteme - mit positiven Folgen für die Binnennachfrage und die konjunkturelle Entwicklung.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine neue Vergleichsstudie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung.

Angesichts der weltweiten Konjunkturabkühlung stehen die beiden größten Volkswirtschaften des Euroraums nun vor unterschiedlichen Problemen, so die Untersuchung, die am heutigen Donnerstag als IMK Report erscheint: Während Frankreich von einem relativ hohen Staatsdefizit belastet wird, "könnte Deutschland seinen einzigen Wachstumsmotor verlieren" - den Export.

Prof. Dr. Gustav A. Horn, Dr. Heike Joebges, Dr. Camille Logeay und Simon Sturn vergleichen und analysieren in ihrer Studie zentrale Wirtschaftsparameter in Deutschland und Frankreich. Ein wesentlicher Schluss der Wissenschaftler: Die Beschäftigungsentwicklung in Frankreich ist in den vergangenen Jahren sehr positiv verlaufen. Nicht zutreffend sei insbesondere der von deutschen Mindestlohngegnern erweckte Eindruck, "dass die französische Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt wegen zu hoher Mindestlöhne von Arbeitslosigkeit und Jobverlusten gekennzeichnet ist", schreiben die Forscher.

So wuchs in Frankreich das Beschäftigungsvolumen in Stunden von Beginn der Währungsunion 1999 bis zum ersten Quartal 2008 um 3,8 Prozent. In Deutschland lag der Zuwachs im gleichen Zeitraum bei lediglich 1,0 Prozent. Gemessen an der Zahl der Personen, die eine Beschäftigung aufnahmen, fällt der französische Vorsprung bis zum ersten Quartal 2008 noch deutlicher aus: 9,1 Prozent Beschäftigungszuwachs in Frankreich stehen 4,6 Prozent in der Bundesrepublik gegenüber, so die IMK-Untersuchung.

Die Arbeitslosigkeit sank nach der für Ländervergleiche maßgeblichen internationalen ILO-Definition in Frankreich seit Januar 1999 von 10,8 auf 7,5 Prozent im Juni 2008 - bei kontinuierlich steigender Bevölkerungszahl. In Deutschland reduzierte sich die Arbeitslosigkeit im selben Zeitraum von 8,6 auf 7,3 Prozent - bei leicht schrumpfender Bevölkerung.

Zum Teil erklären die Wissenschaftler die bessere Entwicklung auf dem französischen Arbeitsmarkt mit dem höheren Wirtschaftswachstum. Während das französische Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen 1999 und 2008 um gut 20 Prozent zunahm, waren es in Deutschland nur rund 15 Prozent.

Das stärkere Wachstum steht nach der IMK-Analyse aber in einer engen Wechselwirkung zu einer anderen Wirtschaftspolitik der Franzosen. Deren zentrale Komponenten: Ein gesetzlicher Mindestlohn und eine allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit. Flankiert durch Kombilöhne hätten diese Maßnahmen für eine kräftigere Binnennachfrage und eine gleichmäßigere Verteilung der Einkommen gesorgt, betonen die Ökonomen und verweisen auf die wissenschaftliche Debatte im Nachbarland: "Dass die Kombination Arbeitszeitreduzierung-Mindestlohn-Kombilohn in Frankreich Jobs geschaffen hat, ist in Frankreich relativ unumstritten." Das Beispiel Frankreich zeige, dass Arbeitsplatzaufbau und reale Lohnsteigerungen keine Widersprüche sind.

Für die deutsche Wirtschaftspolitik habe hingegen stets die Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und die Deregulierung der Arbeitsmärkte im Zentrum gestanden, so die Wissenschaftler. Die Kehrseite dieser Strategie: niedrigere Lohnzuwächse, steigende Einkommensungleichheit und eine erheblich schwächere Binnennachfrage. Insbesondere blieben seit Jahren die von vielen Ökonomen erhofften Wachstumsimpulse aus dem privaten Konsum aus. "Insgesamt ist die französische Wirtschaft stärker gewachsen und hat mehr Menschen in den Arbeitsmarkt integriert als die deutsche. Die bessere Integration ist ein entscheidender Vorteil des französischen Weges", resümieren die Forscher für die vergangene Dekade.

Der Blick in die Zukunft stimme allerdings für beide Länder skeptisch. In Frankreich seien die positiven Effekte der Arbeitszeitverkürzung ausgelaufen. Vor allem aber hätten die flankierenden und stark ausgeweiteten Kombilöhne das Budget sehr belastet. Außenwirtschaftlich leide Frankreich zunehmend unter der sich weiter verbessernden deutschen Wettbewerbsfähigkeit.

In Deutschland wiederum sei die sehr gute Exportkonjunktur nur wegen des fortgesetzten Lohndrucks nach unten möglich gewesen. Das zunehmende Ungleichgewicht zwischen außen- und binnenwirtschaftlicher Entwicklung habe aber konjunkturelle, politische und gesellschaftliche Probleme mit sich gebracht, die auf Dauer eine Kursänderung erzwingen würden, so das IMK. Auch gerieten die Außenhandelsbilanzen der übrigen Euroländer zunehmend unter Druck. Angesichts der Abschwächung der Weltwirtschaft könnte Deutschland seinen einzigen Wachstumsmotor, den Export, verlieren, warnen die Ökonomen. "Eine stärkere Förderung der Binnenwirtschaft, auch durch wieder produktivitätsorientierte Lohnzuwächse, erscheint daher umso dringender."

Weitere Informationen:

http://www.boeckler.de/320_92391.html
- PM mit Ansprechpartnern
http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_31_2008.pdf
- Der neue IMK Report als pdf
http://www.boeckler.de/32014_92387.html
- Infografik zum Download im neuen Böckler Impuls 13/2008

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht Der Dauerläufer: Starke Binnennachfrage macht diesen Aufschwung robuster als seine Vorgänger
17.10.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht Positiv für die Volkswirtschaft: Die Zahl der Betriebsgründungen von Hauptniederlassungen steigt weiter
12.10.2017 | Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise