Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Lage der Weltwirtschaft und der deutschen Wirtschaft im Frühjahr 2002

23.04.2002


Die Weltwirtschaft steht vor einem Aufschwung. In den USA hat sich die Konjunktur sogar früher als von den Instituten im Herbst erwartet belebt. In Westeuropa war der Anstieg der Produktion zu Jahresbeginn zwar noch verhalten, das Verbrauchervertrauen wie auch das Geschäftsklima haben sich aber deutlich verbessert. Während die Konjunktur auch in den asiatischen Schwellenländern die Talsohle bereits durchschritten hat, setzte sich in Japan die Rezession zunächst noch fort.

Eingeleitet wurde die Konjunkturwende in den Industrieländern von der Wirtschaftspolitik. Dies gilt besonders für die USA, wo die Notenbank die Wirtschaft seither ungewöhnlich kräftig stimuliert. Auch die Finanzpolitik gibt beträchtliche Impulse. In Westeuropa gehen von der Geldpolitik ebenfalls spürbare Anregungen aus, wenn auch nicht in dem Maße wie in den USA.

In den USA und in Westeuropa werden sich die expansiven Wirkungen der Wirtschaftspolitik in diesem Jahr zunehmend entfalten; die gesamtwirtschaftliche Produktion wird im Verlauf des Jahres kräftig expandieren. Im kommenden Jahr dürfte die konjunkturelle Dynamik in beiden Regionen infolge schwächer werdender wirtschaftspolitischer Impulse etwas nachlassen. Das reale Bruttoinlandsprodukt der Industrieländer insgesamt wird im Jahr 2003 um 2,8 % höher sein als in diesem Jahr, in dem ein Zuwachs von lediglich 1,2 % erreicht wird.

Die deutsche Wirtschaft befindet sich im Frühjahr 2002 am Beginn eines Aufschwungs. Das Geschäftsklima im verarbeitenden Gewerbe hat sich in den vergangenen Monaten spürbar aufgehellt. Insbesondere hat sich das außenwirtschaftliche Umfeld verbessert. Angeregt wird die Konjunktur auch durch die Geldpolitik.
Im Zuge des Aufschwungs im Euroraum dürfte die EZB die geldpolitischen Zügel wieder leicht anziehen und auf einen etwa neutralen Kurs einschwenken. Bezüglich der Lohnpolitik rechnen die Institute nicht mit einem Kurswechsel; für die Jahre 2002 und 2003 dürften die Tariflohnsteigerungen in Deutschland mit reichlich 2 ½ % im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt etwas höher ausfallen als in den beiden vergangenen Jahren. In der Finanzpolitik sind für das kommende Jahr merkliche Einschnitte bei den Staatsausgaben zu erwarten. Die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte wird verstärkt; nach der Prognose wird 2003 ein Sparpaket mit einem Volumen von rund 8 Mrd. Euro aufgelegt.

Im Gefolge der kräftiger expandierenden Weltwirtschaft werden die Exporte wieder steigen. Zudem strahlt die deutliche Verbesserung der Erwartungen in den USA und in Europa auch auf Deutschland aus und wirkt positiv auf die Investitionen der Unternehmen. Der private Konsum wird ebenfalls wieder zunehmen. Im weiteren Verlauf des Jahres kommen die Impulse seitens der Geldpolitik mehr und mehr zum Tragen. All das spricht dafür, dass sich der Aufschwung in der zweiten Hälfte dieses Jahres verstärken wird.

Im kommenden Jahr wird sich das konjunkturelle Expansionstempo verlangsamen. So werden die Impulse aus dem Ausland schwächer, und die Anregungen von der Geldpolitik klingen ab. Zudem wirkt das Sparpaket dämpfend. Das reale Bruttoinlandsprodukt wird im Jahr 2003 in Deutschland um 2,4 % steigen, nach 0,9 % in diesem Jahr. Die Lage am Arbeitsmarkt wird sich gleichwohl verbessern; die Zahl der Arbeitslosen wird im Jahresdurchschnitt 2003 auf 3,8 Millionen zurückgehen. Der Preisanstieg bleibt moderat.
Bei alledem gibt es Prognoserisiken in die eine wie auch in die andere Richtung. Einen Unsicherheitsfaktor bildet die Konjunktur in den USA; dort könnte die Expansion schwächer ausfallen als prognostiziert. Auch könnte ein unerwartet hoher Ölpreis die Konjunktur belasten. Es ist jedoch auch nicht auszuschließen, dass das Aufschwungstempo unterschätzt wird. Angesichts der stark verbesserten Geschäftserwartungen der Unternehmen könnte die konjunkturelle Dynamik in den kommenden Monaten durchaus kräftiger ausfallen als von den Instituten prognostiziert.

Trotz der angesprochenen Risiken erscheint der Aufschwung in Deutschland nicht besonders gefährdet. Für eine nachhaltige Aufwärtsentwicklung kommt es nun darauf an, dass die einzelnen Bereiche der Wirtschaftspolitik ihre mittelfristige Orientierung beibehalten. Die Geldpolitik muss primär darauf bedacht sein, die Preisstabilität zu sichern. Es ist wichtig, dass die EZB beim Erreichen des Stabilitätsziels von der Lohnpolitik unterstützt wird.

Es wäre viel gewonnen, wenn glaubhaft gemacht werden könnte, dass die Zunahme der Löhne im Euroraum in den kommenden Jahren stabilitätskonform bleibt. Ist der Anstieg niedriger als die Rate, die sich aus dem mittelfristigen Produktivitätszuwachs zuzüglich Zielinflationsrate ergibt, steigt das Produktionspotential in der Volkswirtschaft vorübergehend schneller. Entsprechend könnte die EZB den Referenzwert für die Geldmengenexpansion anheben. Dies bedeutet jedoch nicht, dass eine Abstimmung zwischen der Geldpolitik und der Lohnentwicklung im Sinne einer ex-ante Koordination wünschenswert oder notwendig ist. Die Geldpolitik darf keine Vorleistung erbringen und ihre Politik ändern in der (ungewissen) Hoffnung, die Löhne würden nur sehr moderat steigen.

Vor einer besonderen Herausforderung steht die Finanzpolitik in Deutschland. Die Bundesregierung hat sich im Februar dieses Jahres abermals verpflichtet, im Jahr 2004 ein annähernd ausgeglichenes Staatsbudget zu erreichen. Dazu muss sie ein Konsolidierungsprogramm verabschieden, das Produktion und Beschäftigung in den beiden kommenden Jahren möglicherweise dämpft. Gleichwohl sollten von den Zusagen keine Abstriche gemacht werden; ansonsten würde die Finanzpolitik weiter an Glaubwürdigkeit verlieren. Die Haushaltskonsolidierung sollte auf der Ausgabenseite ansetzen; hier sind einschneidende Maßnahmen erforderlich. Zusätzliche Steuererhöhungen sollten ausgeschlossen werden, denn dies würde das Wirtschaftswachstum beeinträchtigen. Die Erwartung einer sinkenden Steuer- und Abgabenbelastung kann am besten dadurch gefördert werden, dass ein entsprechender Verlauf der Staatsausgaben verbindlich vorgegeben und dann auch eingehalten wird. Nur wenn der Staat spart, können auch die Steuern gesenkt werden.

Dipl.Volkswirtin Dörte Höppner | idw
Weitere Informationen:
http://www.diw.de/

Weitere Berichte zu: EZB Finanzpolitik Geldpolitik Weltwirtschaft Wirtschaftspolitik

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index: Aufwärtstendenz setzt sich fort
21.02.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht Ergebnisse der IAB-Stellenerhebung für das 4. Quartal 2016: Anhaltend hohes Niveau offener Stellen
21.02.2017 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Event News

Booth and panel discussion – The Lindau Nobel Laureate Meetings at the AAAS 2017 Annual Meeting

13.02.2017 | Event News

Complex Loading versus Hidden Reserves

10.02.2017 | Event News

International Conference on Crystal Growth in Freiburg

09.02.2017 | Event News

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Heinz Maier-Leibnitz-Preise 2017: DFG und BMBF zeichnen vier Forscherinnen und sechs Forscher aus

23.02.2017 | Förderungen Preise

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Planeten außerhalb unseres Sonnensystems: Bayreuther Forscher dringen tief ins Weltall vor

23.02.2017 | Physik Astronomie