Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nicht mehr Billigjobs, sondern mehr Kindergartenplätze helfen gegen die "Dienstleistungslücke"

15.04.2002


Institut Arbeit und Technik: geringe Erwerbstätigkeit von Frauen begrenzt das Wachstum sozialer und persönlicher Dienste in Deutschland

Die "Servicewüste Deutschland" ließe sich beleben, wenn Frauen durch mehr Kinderbetreuung in Krippen, Kindergärten und Horten Beruf und Familie besser vereinbaren könnten. Denn das Wachstum sozialer und persönlicher Dienstleistungen - wie in anderen europäischen Ländern hauptsächlich Frauenarbeit - wird in Deutschland durch die vergleichsweise geringe Frauenerwerbstätigkeit begrenzt. Das zeigen Untersuchungen des Instituts Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen) zur Beschäftigung und neuen Formen der Arbeitsmarktorganisation im tertiären Sektor.

In überdurchschnittlich vielen Fällen wird Dienstleistungsarbeit hierzulande von Teilzeitkräften verrichtet. "Das wäre nach der Art der Tätigkeiten - z.B. im Einzelhandel oder im Büro - oft gar nicht nötig, wird aber bevorzugt, weil traditionelle Haushaltsstrukturen vorherrschen und das deutsche Schul- und Kindergartensystem es den Müttern schwer macht, Beruf und Familie zu vereinbaren", so der Arbeitsmarktforscher Prof. Dr. Gerhard Bosch, Vizepräsident des Instituts Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen). Überdies fördern nationale Besonderheiten wie die "Geringfügige Beschäftigung" und das Ehegatten-Splitting die marginale Teilzeitarbeit in Mini-Jobs.

Im Unterschied zu vielen anderen Ländern hat Deutschland einen hochproduktiven, aber weniger beschäftigungsintensiven Dienstleistungssektor. Die Dienstleistungen tragen rund zwei Drittel (66,6 Prozent) zur Bruttowertschöpfung bei, beschäftigen aber nur 62,6 Prozent der Erwerbstätigen. Die unternehmensnahen Dienstleistungen entwickelten sich in enger Verknüpfung mit der Industrie, wobei die Firmen uneingeschränkt auf Professionalisierung und Qualität setzten. Dabei zeigt sich, dass Dienstleistungstätigkeiten inzwischen fast die Hälfte (48 Prozent) des produzierenden Gewerbes ausmachen, in den USA sind es nur etwa 37 Prozent. Der Anteil der mit Dienstleistungen Beschäftigten - quer über die Sektoren hinweg - beträgt in Deutschland 75 und in den USA rund 78 Prozent. Die sogenannte "Dienstleistungslücke" ist also wesentlich geringer als oft vermutet.

Die entscheidende Triebkraft des Wandels zur Dienstleistungswirtschaft ist allerdings nicht die Lohnhöhe, sondern die Entwicklung der Erwerbstätigkeit von Frauen und die Qualität von Dienstleistungen, stellt Bosch fest: "Ob in Zukunft Dienstleistungstätigkeiten zumeist prekäre Jobs sein werden, was im übrigen die Professionalisierung hemmen würde, hängt primär von den Möglichkeiten ab, berufliche und persönliche - insbesondere familiäre - Erfordernisse in Einklang zu bringen".

Den Schlüssel zur Entwicklung der bezahlter sozialer und persönlicher Dienstleistungen sieht Bosch in der Umwandlung von unbezahlter in bezahlte Arbeit, sozusagen der "Auslagerung" von Haushaltstätigkeiten infolge steigender Erwerbstätigkeit von Frauen. In Westdeutschland herrscht allerdings in Familien mit Kindern noch das traditionelle Modell des männlichen Alleinverdieners vor, in Ostdeutschland entwickelt sich trotz der moderneren Familienstruktur mit mehr "ausgelagerten" Diensten der Dienstleistungssektor nur langsam, weil die Kaufkraft geringer und die Arbeitslosigkeit höher als im Westen ist.
Die Beschäftigungsquote der Frauen in der Bundesrepublik liegt - die Arbeitsstunden insgesamt umgerechnet in Vollzeit - bei 43,4 Prozent; gegenüber Dänemark mit 60,3 oder Schweden mit 56,2 also relativ niedrig. "Die Frauenerwerbsquote wird allerdings in den nächsten Jahren weiter steigen, und dies wird eine Triebkraft der Expansion von Dienstleistungen sein", erwartet Prof. Bosch.

Die kurzen Arbeitszeiten des deutschen Sozialmodells lassen allerdings weiter viel Raum für "kostenlose" Eigenarbeit und "Do-it-yourself" in Haus und Garten, anstatt dafür Dienstleister zu bezahlen. Ein so großvolumiger Dienstleistungssektor wie in den USA kann deshalb kaum entstehen. Dort liegt das Arbeitsvolumen pro Person im erwerbsfähigen Alter wegen der längeren Arbeitszeiten und der höheren Erwerbsquote von Frauen um mehr als ein Drittel höher als in Deutschland - aber das bei etwa gleichem Bruttosozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung. Eine Erhöhung der Arbeitszeiten auf das amerikanische Niveau wäre also wenig effektiv - und im Hinblick auf die Lebensqualität auch nicht zu wünschen.

Gerhard Bosch: Die sogenannte Dienstleistungslücke in Deutschland - Ein Vergleich von Konzepten für mehr Beschäftigung und neue Formen der Arbeitsmarktorganisation im tertiären Sektor, Graue Reihe des IAT 2002-01,PDF-Datei im Internet

Für weitere Fragen steht
Ihnen zur Verfügung:
Prof. Dr. Gerhard Bosch
Durchwahl: 0209/1707-147

Pressereferentin
Claudia Braczko

Munscheidstraße 14
45886 Gelsenkirchen

Tel.: +49-209/1707-176
Fax: +49-209/1707-110
E-Mail: braczko@iatge.de

Claudia Braczko | idw
Weitere Informationen:
http://iat-info.iatge.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index erreicht neuen Höchstwert
22.08.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht IAB-Arbeitsmarktbarometer: Arbeitslosigkeit sinkt verhaltener
27.07.2017 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Platz 2 für Helikopter-Designstudie aus Stade - Carbontechnologie-Studenten der PFH erfolgreich

Bereits lange vor dem Studienabschluss haben vier Studenten des PFH Hansecampus Stade ihr ingenieurwissenschaftliches Können eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Malte Blask, Hagen Hagens, Nick Neubert und Rouven Weg haben bei einem internationalen Wettbewerb der American Helicopter Society (AHS International) den zweiten Platz belegt. Ihre Aufgabe war es, eine Designstudie für ein helikopterähnliches Fluggerät zu entwickeln, das 24 Stunden an einem Punkt in der Luft fliegen kann.

Die vier Kommilitonen sind im Studiengang Verbundwerkstoffe/Composites am Hansecampus Stade der PFH Private Hochschule Göttingen eingeschrieben. Seit elf...

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Zukunft des Leichtbaus: Mehr als nur Material einsparen

23.08.2017 | Veranstaltungen

Logistikmanagement-Konferenz 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Spot auf die Maschinerie des Lebens

23.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Die Sonne: Motor des Erdklimas

23.08.2017 | Physik Astronomie

Entfesselte Magnetkraft

23.08.2017 | Physik Astronomie