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Amerikanischer David hat große Kinder: Körpergröße in den USA stagniert nicht mehr

21.05.2007
Die Körpergröße ist ein wichtiger Indikator für die Lebensbedingungen eines Menschen in Kindheit und Jugend. Professor John Komlos, Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und Benjamin E. Lauderdale von der Princeton University, USA, haben jetzt statistische Daten zur Körpergröße von US-Amerikanern aus den Jahrzehnten zwischen 1959 und 2002 analysiert, wie in der Fachzeitschrift Social Science Quarterly berichtet. Überragten von der Kolonialzeit bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts die Amerikaner ihre west- und nordeuropäischen Zeitgenossen, so kehrte sich das Verhältnis anschließend um.

Gründe sind nach Ansicht der Forscher in räumlichen und sozioökonomischen Unterschieden sowie in den divergierenden Gesundheitssystemen zu finden. Eine weitere, von John Komlos und Ariane Breitfelder durchgeführte Studie, die sich bei der Fachzeitschrift American Journal of Human Biology im Druck befindet, zeigt dagegen verstärktes Längenwachstum bei US-amerikanischen Kindern - was vermuten lässt, dass sich diese Entwicklung mit zeitlichem Abstand auch auf die durchschnittliche Größenentwicklung der Erwachsenen übertragen wird.

"Seit der Kolonialzeit überragten die Amerikaner in Bezug auf Körpergröße die anderen Populationen und zwar sogar bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts", berichtet Komlos. "Mittlerweile aber sind sie kleiner als die meisten West- und Nordeuropäer, obwohl sie nach offiziellen Zahlen an Reichtum gewonnen haben. Sie liegen im Schnitt sogar sechs Zentimeter unter den Spitzenreitern, den Holländern, was eine fast exakte Umkehrung der Verhältnisse zur Mitte des 19. Jahrhunderts ist." Der enge Zusammenhang zwischen der durchschnittlichen Körpergröße einer Bevölkerung und ihren biologischen Lebensbedingungen ist mittlerweile fest etabliert und hat mit der Anthropometrie sogar einen eigenen Forschungszweig begründet. Oft ist es aber nicht einfach, an die nötigen Daten für statistische Aussagen zu gelangen.

"Wir hatten Glück", berichtet Komlos. "Die beiden Datensätze NHES und NHANES, die von der US-amerikanischen Bundesbehörde National Center for Health Statistics zwischen 1959 und 2002 gesammelt worden waren, boten uns eine einmalige Gelegenheit, um Langzeittrends in der Entwicklung der physischen Statur von Amerikanern zu verfolgen." NHES steht für National Health Examination Survey und ist eine Erhebung zu allgemeinen biologischen Daten der Bevölkerung, während bei NHANES, kurz für National Health and Nutrition Examination Surveys, Aspekte der Ernährung berücksichtigt wurden. "Bei unseren Untersuchungen können wir uns immer nur auf die ersten 20 Jahre im Leben der Menschen konzentrieren", so Komlos. "Erst mit Anfang 20 ist die endgültige Körpergröße erreicht, während sie mit Ende 40 wieder abnimmt. Da bleibt nur eine kurze Phase konstanter Körpergröße."

Die detaillierte Analyse der Daten zeigte, dass die Körpergröße der weißen Amerikaner seit den 50er Jahren stagniert, bestenfalls minimal angestiegen ist. Bei den schwarzen Amerikanern dagegen hat die Körpergröße vor allem bei den Männern zwar zugenommen, aber nur bis zu den Werten der weißen Zeitgenossen. Wie Komlos und Lauderdale zudem zeigen konnten, blieb der bereits bekannte Zusammenhang zwischen Einkommen und Körpergröße über die Jahrzehnte hinweg weitgehend konstant: Wer mehr verdient, versorgt in der Regel auch seine Kinder besser, die dann ihr physisches Potential maximal ausschöpfen können.

Und das ist die Grundvoraussetzung: Die Lebensbedingungen in Kindheit und Jugend spiegeln sich später in der Körpergröße des Erwachsenen wider. "Wir vermuten deshalb, dass die Gesundheitssysteme und die hohe soziale Sicherheit der Europäer günstigere Bedingungen für Heranwachsende schaffen als das amerikanische Gesundheitssystem, obwohl dieses die Bevölkerung doppelt soviel kostet", meint Komlos. "Soweit wir wissen, wurde die Ernährung von amerikanischen und europäischen Kindern noch nicht direkt verglichen, obwohl zweifellos große Unterschiede bestehen. Es gibt aber bereits Anhaltspunkte, dass die amerikanische Ernährung in verschiedenen Bereichen mangelhaft ist."

Ein weiterer wichtiger Faktor sind wohl auch die großen sozioökonomischen Unterschiede zwischen den amerikanischen Bevölkerungsschichten. Denn Populationen weisen eine umso geringere durchschnittliche Körpergröße auf, je größer die Ungleichheit in der Bevölkerung ist - auch in Bezug auf Zugang zur Ausbildung, was sich dann in Einkommensunterschieden niederschlägt. Auch die Gesundheitssysteme sind weitgehend verschieden. So leben etwa 15 Prozent der US-Population ohne medizinische Versorgung, medizinische Versicherung und deshalb mit mangelhafter Absicherung, während in weiten Teilen Europas ein Minimum an Schutz für die gesamte Bevölkerung garantiert ist. Ähnliches gilt für die Arbeitslosenversicherung. Anders als in den USA steht sie fast der gesamten Bevölkerung in Nord- und Westeuropa zur Verfügung, wodurch auch der Lebensstandard der davon abhängigen Kinder gesichert ist.

Räumliche Unterschiede in den Lebensumständen spielen ebenfalls eine Rolle: In amerikanischen Städten gibt es Viertel mit außerordentlich schlechten Lebensbedingungen, ohne ausreichende Hygiene oder medizinische Versorgung - auch und gerade der Säuglinge und Kinder. Vermutlich führen all diese und weitere Faktoren dazu, dass die USA als eines der reichsten Länder der Erde an Körpergröße und Lebenserwartung hinter anderen Industrienationen herhinkt und zudem unter den reichen Ländern die höchste Säuglingssterblichkeit zu beklagen hat. "Kurz gesagt, sind die Reichsten weder die Größten noch die Gesündesten", meint Komlos. "Warum das so ist, muss dringend geklärt werden."

Doch auch jetzt schon gibt es Anlass zur Hoffnung: In einer weiteren Studie untersuchte Komlos die NHES- und NHANES-Daten von weißen und afroamerikanischen Kindern in den USA aus den Jahren 1942 bis 2002. Dabei zeigte sich, dass deren Körpergröße in den 1940er Jahren zunahm, ein Jahrzehnt später nach unten ging, sich dann aber bis etwa 1971 wieder erholte. "Die Ursache für diese Fluktuation ist immer noch ungeklärt", so Komlos. "Es gibt aber Hinweise, dass der Anstieg im Einkommen dazu beigetragen hat, den Trend zur verringerten Körpergröße umzukehren. Nach 1971 dann verstärkte sich das Längenwachstum um bis zu 2,5 Zentimeter bis 1999 bei den Jungen und bis 2002 bei den Mädchen."

Zusammengefasst stimmen diese Ergebnisse fast überein mit den Daten zur Körpergröße der Erwachsenen. Demnach gab es eine etwa zwei Jahrzehnte dauernde Stagnation im Längenwachstum von den 1950er bis zu den 1970er Jahren. Danach nahm die Körpergröße bei Kindern und Erwachsenen wieder zu. "Der Trend zum verstärkten Längenwachstum bei den Erwachsenen folgt der entsprechenden Tendenz der Kinder aber mit etwa fünf Jahren Verzögerung", berichtet Komlos. "Deshalb lässt die Entwicklung bei den Kindern vermuten, dass auch die Körpergröße bei den Erwachsenen in naher Zukunft zunehmen wird."

Publikationen:
"The Mysterious Stagnation and Relative Decline of American Heights after c. 1960."
John Komlos and Benjamin E. Lauderdale, Social Science Quarterly, (June, 2007) 88, 2:283-304.
"The height of US-born non-Hispanic children and adolescents ages 2-19, born 1942-2002 in the NHANES Samples."

Breitfelder, Ariane and Komlos, John, American Journal of Human Biology, 2007 im Druck.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. John Komlos
Seminar für Wirtschaftsgeschichte
Tel.: 089 / 2180-5824
Fax: 089 / 339233
E-Mail: john.komlos@econhist.vwl.uni-muenchen.de

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenchen.de/

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