Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zwischenbilanz zur Zukunftsstrategie der EU beim Wirtschaftsgipfel: Gute Noten bekommen nur wenige Länder

06.03.2007
Bertelsmann Stiftung: Lissabon-Ziele und die Maastricht-Kriterien müssen gemeinsam beachtet werden - Gute Wachstumsprognosen für Deutschland, aber weiterhin schlechte Finanzdaten

Eine nachhaltige Fiskalpolitik und wirtschaftliches Wachstum schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern harmonieren miteinander. Insgesamt hat die EU reale Chancen, die Ziele des Lissabon-Prozesses und ihre Maastricht-Vorgaben zu erreichen. Aller­dings haben die meisten EU-Staaten noch einen weiten Weg vor sich, um auch langfristig haushaltspolitische Stabilität und dynamisches Wirtschaftswachstum wie etwa die USA oder Kanada zu erreichen.

Dies ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann Stiftung, die die Erfolgsaussichten von 30 OECD- und EU-Staaten untersucht. Erstmals wurden für dieses so genannte LiMa-Bench­mark sowohl die Ziele der Lissabon-Agenda als auch die Maastricht-Kriterien in ihrer Wechselwirkung untersucht. Neben dem Status quo wurden die langfristigen Zukunftsperspektiven der einzel­nen Länder bewertet.

Danach sind vor allem die nordeuropäischen Sozialstaaten und die angelsächsisch geprägten Wirtschaften am besten in der Lage, die europäischen Normen zu erfüllen. Die kontinentaleuropäi­schen und mediterranen Wirtschaftssysteme weisen dagegen noch erhebliche Defizite bei vielen der vereinbarten Kriterien auf. Auch die Mitglieder der Euro-Gruppe schneiden insgesamt unter dem EU-Durchschnitt ab.

... mehr zu:
»EU-Staat »Fiskalpolitik

So können im Vergleich zu anderen Industriestaaten nach heutigem Stand neben Luxemburg nur Schweden, Finnland und Dänemark eine Performance aufweisen, wie sie die USA, Norwegen, die Schweiz oder Kanada zeigen. Die übrigen EU-Staaten weisen anhand zahlreicher Indikatoren zum Teil erhebliche Abweichungen und Defizite auf. Dabei können etwa Großbritannien, Irland, die Niederlande sowie die baltischen und iberischen Staaten vor allem durch eine nachhaltige Finanzpolitik überzeugen. Die meisten der kontinentaleuropäischen Länder haben hier zum Teil massive Probleme. Zu ihnen zählen auch Deutschland und Frankreich sowie die meisten der osteuropäi­schen Beitrittsstaaten. Zugleich aber unterscheiden sie sich untereinander noch durch ihre Wachstumspotenziale. So liegen etwa Deutschland oder Belgien über dem EU-Durchschnitt und haben eine vergleichbar positive Perspektive wie etwa die Volkswirtschaft von Japan. Dagegen liegen die meisten Kontinentaleuropäer auch bei den Lissabon-Zielen deutlich zurück. Die Schlusslichter in der finanz- und wachstumspolitischen Zukunftsperspektive bilden Griechenland und Italien.

Trotz der aktuell verbesserten Haushaltslage erfüllt Deutschland nach dieser Studie noch immer nicht die Kriterien einer nachhaltigen Fiskalpolitik, wie sie die Maastricht-Kriterien fordern. Obwohl zuletzt die Verschuldungsquote des Landes für 2006 auf nur noch 1,7 Prozent des Bruttoinlands­produktes (BIP) begrenzt werden konnte, fällt die mittel- und langfristige Betrachtung für Deutsch­land eher negativ aus. Bei der Bewertung der fiskalischen Nachhaltigkeit erreicht Deutschland un­ter allen bewerteten 30 Industriestaaten nur den vorletzten Platz vor Italien. Dagegen kann Deutschland auch langfristig mit hohen Wachstumschancen rechnen und braucht den inter­natio­nalen Vergleich nicht zu scheuen. In Bezug auf die Lissabon-Ziele findet es sich auf einem guten mittleren Platz hinter Ländern wie Dänemark und Großbritannien.

"Unsere Studie bestätigt indirekt aktuelle Erkenntnisse in der Diskussion über ein europäisches Wirtschafts- und Sozialmodell", folgert Joachim Fritz-Vannahme, Leiter der Europa-Projekte der Bertelsmann Stiftung. "Danach scheinen die nordischen Wohlfahrtsstaaten mit einer steuerba­sierten sozialen Sicherung und ausgedehnten Erwerbsmöglichkeiten am besten in der Lage zu sein, die Herausforderungen der Globalisierung zu bewältigen und die Ziele der EU zu erfüllen." Ähnlich erfolgreich würden auch die angelsächsisch geprägten Gesellschaften wie Großbritannien, Irland, aber auch die USA oder Kanada mit niedriger Steuerlast, geringer Arbeitsmarktregulierung und sehr fokussierten sozialpolitischen Programmen diese Ziele erreichen. Fritz-Vannahme: "Die zentraleuropäisch-konservativen Modelle wie in Frankreich, Deutschland oder Belgien mit einer Dominanz der Sozialversicherung und einer hohen Belastung des Faktors Arbeit haben nach un­serer Betrachtung zwar insgesamt große Wachstumspotenziale, müssten ihre Erfolgsnachweise aber insgesamt noch erbringen." Der Projektleiter Europa der Bertelsmann Stiftung weiter: "Der mediterrane Wirtschafts- und Sozialtypus mit einem rudimentären Wohlfahrtsstaat kann überhaupt nicht mehr überzeugen, zumal wenn notwendige Strukturreformen ausbleiben, wie es das Beispiel Italien augenfällig beweist."

Eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Vergleichsstudie, so die Bertelsmann Stiftung, sei der Nachweis, dass sich die beiden Zielgrößen "Lissabon" und "Maastricht" nicht gegenseitig aus­schließen, sondern synergetisch ergänzen. "Staaten, die beide Ziele mit gleicher Priorität anstre­ben, können mittelfristig erfolgreicher sein als diejenigen, die hier einseitige Gewichtungen vor­nehmen. Hier bestätigen sich noch mal auch die Erkenntnisse des Internationalen Standort-Ran­kings der Bertelsmann Stiftung."

Gleichzeitig zeige sich aber auch, so Joachim Fritz-Vannahme, dass der europäischen Politik ein wirksamer Sanktions- und Anreizmechanismus fehle: "Weder die Konvergenzkriterien der Wäh­rungsunion noch die EWS-Sanktionen der Euro-Zone sind hier effektive Instrumente, um die Leis­tungsfähigkeit der jeweiligen Volkswirtschaften zu beflügeln. Trotz vielfältiger Verbesserungen in den vergangenen Jahren fehlt es den europäischen Programmen an einer politischen Verbindlich­keit und Einklagbarkeit." Dafür müsse die EU-Kommission gestärkt werden, um Defizite und Er­folgsfaktoren in den jeweiligen Mitgliedsstaaten transparent zu machen und gleichzeitig wirksam zu sanktionieren. Darüber hinaus könne beispielsweise die Revision der EU-Finanzen in den Jah­ren 2008/09 dazu genutzt werden, um mehr Ressourcen für die Umsetzung der Lissabon-Strategie auf nationaler wie europäischer Ebene bereit zu stellen.

Die LiMa-Benchmarkstudie der Bertelsmann Stiftung, die in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) erarbeit wurde, untersucht, in welchem Umfang die EU-Mitgliedstaaten auch im Vergleich zu anderen OECD-Staaten der doppelten Zielsetzung gerecht werden. Die Fokussierung richtet sich auf die Wachstumsdimension des Lissabon-Ziels sowie auf die Nachhaltigkeit der Fiskalpolitik. Basierend auf Erkenntnissen über Determinanten des Potenzi­alwachstums und einer nachhaltigen Fiskalpolitik wurden quantitative Indikatoren entwi­ckelt, die den jeweiligen Grad der Zielerreichung erfassen.

Rückfragen an:

LiMa-Studie und Europapolitik:

Joachim Fritz-Vannahme, Telefon: 0 52 41 / 81-81 421
E-Mail: joachim.vannahme@bertelsmann.de
Dr. Dominik Hierlemann, Telefon: 0 52 41 / 81-81 537
E-Mail: dominik.hierlemann@bertelsmann.de
Internationales Standort-Ranking:
Eric Thode, Telefon: 0 52 41 / 81-81 581
E-Mail: eric.thode@bertelsmann.de

Julia Schormann | idw
Weitere Informationen:
http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-0A000F0A-D407C37E/bst/hs.xsl/nachrichten_49895.htm

Weitere Berichte zu: EU-Staat Fiskalpolitik

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht Wert fest „im grünen Bereich“ - IMK-Konjunkturindikator: Rezessionsgefahr sinkt auf nur 5,1 Prozent
14.09.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht Konjunkturprognose: Deutsche Wirtschaft nähert sich der Hochkonjunktur
07.09.2017 | Institut für Weltwirtschaft (IfW)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Im Focus: Quantensensoren entschlüsseln magnetische Ordnung in neuartigem Halbleitermaterial

Physiker konnte erstmals eine spiralförmige magnetische Ordnung in einem multiferroischen Material abbilden. Diese gelten als vielversprechende Kandidaten für zukünftige Datenspeicher. Der Nachweis gelang den Forschern mit selbst entwickelten Quantensensoren, die elektromagnetische Felder im Nanometerbereich analysieren können und an der Universität Basel entwickelt wurden. Die Ergebnisse von Wissenschaftlern des Departements Physik und des Swiss Nanoscience Institute der Universität Basel sowie der Universität Montpellier und Forschern der Universität Paris-Saclay wurden in der Zeitschrift «Nature» veröffentlicht.

Multiferroika sind Materialien, die gleichzeitig auf elektrische wie auch auf magnetische Felder reagieren. Die beiden Eigenschaften kommen für gewöhnlich...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Autonomes Fahren wirft viele Fragen auf

20.09.2017 | Veranstaltungen

»Laser in Composites Symposium« in Aachen – von der Wissenschaft in die Anwendung

19.09.2017 | Veranstaltungen

Biowissenschaftler tauschen neue Erkenntnisse über molekulare Gen-Schalter aus

19.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Molekulare Kraftmesser

20.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Von der Weser bis zur Nordsee: PLAWES erforscht Mikroplastik-Kontaminationen in Ökosystemen

20.09.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strom im Flug erzeugen

20.09.2017 | Energie und Elektrotechnik