Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

IMK: Wird Deutschlands Wachstumspotenzial unterschätzt? Qualität von Berechnungen unzureichend

31.01.2007
Wirtschaftsforscher arbeiten oft mit Schätzungen über das so genannte "Produktionspotenzial". Solche Schätzungen, die häufig auch in den Frühjahrs- und Herbstprognosen der Gemeinschaftsdiagnose und im Bericht des Sachverständigenrates abgegeben werden, zeigen der Wirtschaftspolitik, wie stark Deutschland wachsen kann, ohne dass Inflation entsteht.

Die Qualität der Potenzialberechnungen ist allerdings unzureichend. Das ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung. Methodische Probleme und Ungenauigkeiten seien so gravierend, dass die üblichen Potenzialberechnungen "als wirtschaftspolitische Orientierung ungeeignet sind", resümieren PD Dr. Gustav A. Horn und Dr. Silke Tober im IMK Report, der am heutigen Mittwoch erscheint.

Als "Produktionspotenzial" bezeichnet die Wirtschaftswissenschaft das Niveau des Bruttoinlandsprodukts (BIP), das eine Volkswirtschaft nachhaltig - ohne steigende Inflation - erreichen kann. Die "Produktionslücke" misst die Abweichung des tatsächlichen BIP vom Produktionspotenzial. Sie zeigt damit an, ob die Produktionskapazitäten ausgelastet sind. Auf den ersten Blick scheinen diese Kennzahlen für die Wirtschaftspolitik hilfreich zu sein: Befürchtet etwa die Zentralbank eine zu hohe Inflation durch konjunkturelle Überhitzung, kann sie die Zinsen anheben und damit das Wirtschaftswachstum bremsen.

In der Praxis taugt das Konzept des Potenzialwachstums jedoch nicht für solche Vorhersagen, zeigt die IMK-Studie. Denn Angaben zur Produktionslücke schreiben letztlich nur die Entwicklung der jüngsten Vergangenheit fort. Weicht die Konjunktur eines Landes stark von der bisherigen Entwicklung ab, ändert sich die Schätzung nicht nur für die Zukunft, sondern auch für die Vergangenheit.

Besonders plastisch zeigt sich diese Unzulänglichkeit am Beispiel Deutschlands, wo die Wirtschaft seit 2000 über Jahre kaum wuchs. Im Frühjahr 2000 bezifferte der Internationale Währungsfonds (IWF) die Produktionslücke für 1999 mit minus 2,8 Prozent; die Produktionskapazitäten waren also nicht ausgelastet. Nach neuer Berechnung im Frühjahr 2006 lag die Lücke 1999 jedoch bei 0,1 Prozent - nicht nur ein Unterschied von fast drei Prozentpunkten, sondern auch eine Umkehr des Vorzeichens. Ähnlich waren die Ergebnisse für 2001.

Die Untersuchung des IMK zeigt: Der Grund für solche drastischen Revisionen sind weder Irrtümer noch Veränderungen bei den vom Statistischen Bundesamt gelieferten Daten. Das eigentliche Problem ist das Auseinanderklaffen von komplexer Theorie und stark vereinfachenden statistischen Methoden. Die Verfahren lassen sich auch nicht verbessern. Der Versuch der Wissenschaftler, auf Basis einer Fehleranalyse und einer ökonomisch fundierteren Schätzung zu verlässlicheren Ergebnissen zu gelangen, brachte keinen Erfolg.

"Angesichts der ungelösten Schwierigkeiten, ein belastbares Wachstumspotenzial empirisch zu ermitteln, muss die Wirtschaftspolitik lernen, ihre Ziele ohne eine solche Größe zu erreichen", empfehlen die IMK-Wissenschaftler. Stattdessen sollte sie sich an Indikatoren wie der Lohnstückkostenentwicklung orientieren, die verlässlicher aufzeigen, ob der Preisstabilität Gefahren drohen oder nicht. So wuchsen in Deutschland die Lohnstückkosten zwischen 2000 und 2005 durchschnittlich nur um 0,2 Prozent. Der geringe Anstieg habe Raum für eine expansivere Wirtschaftspolitik als die tatsächlich umgesetzte signalisiert, analysiert das IMK. Die Orientierung an der Lohnstückkostenentwicklung könne dazu beitragen, dass sich "eine positive Selbstverstärkung" herausbilden könne mit sinkender Arbeitslosigkeit, steigender Erwerbsbeteilungsquote, zunehmendem Produktivitätswachstum und soliden Staatsfinanzen.

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/pdf/impuls_2007_02_2.pdf
http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_17_2007.pdf

Weitere Berichte zu: IMK Wachstumspotenzial Wirtschaftspolitik

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index weiter aufwärts gerichtet
23.03.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht RWI erhöht Konjunkturprognose für 2017 leicht auf 1,3 Prozent
15.03.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise