Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vom "Teuro" zum Euro

19.12.2006
Fünf Jahre nach Abschaffung nationaler Zahlungsmittel gilt die europäische Währung als Erfolgsmodell

Kaum ein wirtschaftspolitisches Ereignis hat die Bevölkerung in Deutschland und in der Europäischen Union bisher so bewegt, wie der Abschied von Mark, Peseta, Lira und all der anderen nationalen Währungen.

60 Prozent der Deutschen trauern der D-Mark auch fünf Jahre nach der Bargeldeinführung des Euro hinterher. Bei Beträgen über 100 Euro rechnen heute noch fast Dreiviertel der Menschen in die vertraute Währung um. Und: Mehr als 14 Milliarden D-Mark waren Ende Oktober noch im Umlauf. Was nüchtern gesehen nur das Zahlungsmittel im Warenverkehr eines Landes ist, scheint enorme Emotionen freizusetzen. Die Deutsche Mark war eben nicht nur wirtschaftspolitisch ein Stabilitätsfaktor.

Auch psychologisch bot sie als Währung über fünf Jahrzehnte einen Orientierungsrahmen, in dem alle Dinge ihren festgeschriebenen Wert hatten. Weil sie erfolgreich war und stabil und weil sie den Pfad für den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach 1945 geebnet hat, kam der D-Mark lange Zeit auch eine Ersatzfunktion zu: als Symbol nationalen Stolzes.

... mehr zu:
»EZB »Euro-Einführung

Mit dem Euro verband man zunächst kein Gefühl, jedenfalls kein ausgesprochen positives. Alles musste neu gelernt werden. Kinokarten kosten plötzlich sechs Euro oder 6,50 Euro, während der Film früher ab elf Mark zu sehen war. Der Friseurbesuch wurde teurer, Restaurants verließen viele mit dem Gefühl, mehr auf den Tisch gelegt zu haben als zu D-Mark-Zeiten. Das Unbehagen gegenüber dem Euro ist freilich nur bedingt gerechtfertigt: Lebensmittel, die in den täglichen Warenkorb passen, sind tatsächlich teurer geworden. Deutlich günstiger sind heute Fernseher, PC-Monitore oder Staubsauger - Elektrogeräte also, die man in der Regel nicht täglich kauft. Während manche Anbieter die Euro-Einführung zum Anlass für eine Neukalkulation genutzt und die Preise heraufgesetzt haben, sind die meisten Beträge Studien zufolge aber exakt umgestellt worden.

Dass es sich eher um eine "gefühlte" Teuerung handelt als um eine reale, scheint den Ruf des Euro nicht zu verbessern. "Selektive Fehlerkorrektur" nennen das Wirtschafts- und Sozialpsychologen: Wer sowieso negative Auswirkungen durch den Euro erwartet hatte, nimmt diese besonders stark wahr. In den Hintergrund treten Fakten wie der extrem kalte Winter 2001/2002 mit hohen Rohölpreisen oder die Steuererhöhungen auf Energie, Tabakwaren und Versicherungen, die mitverantwortlich für die gestiegene Preise Anfang 2002 waren.

Unter Experten gilt die Euro-Einführung unbestritten als einmaliges historisches Experiment und als Erfolgsgeschichte. "Absolut gelungen", urteilt Helge Berger, Professor für Geldtheorie und Geldpolitik an der Freien Universität Berlin. Dabei habe vor allem die Preisstabilität des Euro manche Beobachter positiv überrascht: "Deutschland kam mit der Bundesbank aus einem sehr erfolgreichen Notenbanksystem, die Erwartungen waren also hoch", erklärt der Ökonom. Der Euro als Nachfolger vor allem der Deutschen Mark erlangte rasch nach seiner Einführung den Status einer Weltwährung. Inzwischen haben zwölf von 25 europäischen Ländern die Gemeinschaftswährung eingeführt, Slowenien kommt Anfang 2007 als 13. Nation dazu. Mit 314 Millionen Einwohnern ist das Eurogebiet bevölkerungsreicher als die USA. Für einen derart großen Wirtschaftsraum - dessen Regierungen ihre nationale Souveränität weitgehend behalten - eine gemeinsame Geld- und Währungspolitik zu organisieren, ist ehrgeizig. "One size fits all" bleibt somit sowohl Maßgabe des Europäischen Vertrags von Maastricht als auch Herausforderung für die Zukunft.

Helge Berger beobachtet bei seinen wissenschaftlichen Untersuchungen zur Euroeinführung besonders die Organisationsstruktur der Europäischen Zentralbank (EZB) und die Wahrnehmung der EZB in der Öffentlichkeit. Als eine organisatorische Schwachstelle gilt die Regel "One country, one vote". Jedes Mitgliedsland, unabhängig von seiner Wirtschaftskraft, hat bei Abstimmungen im Zentralbankrat der EZB eine Stimme - was wirtschaftliche Schwergewichte wie Deutschland, Frankreich, Spanien oder Italien auf die gleiche Stufe stellt wie etwa Irland oder Portugal. Ein Problem, so Helge Berger, das die Europäische Zentralbank dringend lösen müsse.

Kritisch begleitet werden die Entwicklung in der Eurozone und die Aktivitäten der Europäischen Zentralbank auch von den nationalen Medien der Euro-Länder. So hat Helge Berger in einer gemeinsamen Studie mit Marcel Fratzscher von der EZB und Michael Ehrmann, EZB-Mitarbeiter und Lehrbeauftragter an der Freien Universität, festgestellt: "Die nationale Presse berichtet ausführlicher über die EZB, wenn die Wirtschaftsentwicklung im eigenen Land von der im Euro-Gebiet abweicht." Darüber hinaus wird mehr und kritischer berichtet, wenn die Zentralbank ihr Inflationsziel von "unter, aber nahe zwei Prozent" verfehlt. Hier mischen sich nationale und europäische Perspektiven.

Hat die Einführung des Euro aber letztlich den Handel innerhalb Europas gefördert? Tatsächlich ist der Handel innerhalb des Euro-Gebiets seit 1999 deutlich angestiegen. Allerdings dürfe man Ursache und Wirkung nicht verwechseln, erklärt Helge Berger: "Die Länder, die hier zu einer Währungsunion zusammengefunden haben, treiben seit 50 Jahren erfolgreich miteinander Handel." In einer Studie mit Volker Nitsch, Juniorprofessor am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Freien Universität, erklärt Berger: "Die Einführung des Euro als gemeinsamer Währung in einem gewissermaßen natürlichen Wirtschaftsraum ist deswegen nur die Konsequenz einer historischen Entwicklung." Was auch bedeutet, dass die Länder, die jetzt und in Zukunft zur Euro-Zone hinzu stoßen, nicht automatisch mit einem vergleichbaren wirtschaftlichen Erfolg rechnen dürfen.

Von Christine Boldt

Weitere Informationen erteilen Ihnen:
- Prof. Dr. Helge Berger, Institut für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsgeschichte der Freien Universität Berlin, Telefon: 030 / 838-54037 oder 838-56633, E-Mail: hberger@wiwiss.fu-berlin.de

- Prof. Dr. Volker Nitsch, Institut für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsgeschichte der Freien Universität Berlin, Telefon: 030 / 838-56280 oder 838-54903, E-Mail: volker.nitsch@wiwiss.fu-berlin.de

Ilka Seer | idw
Weitere Informationen:
http://www.fu-berlin.de

Weitere Berichte zu: EZB Euro-Einführung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht IMK-Konjunkturindikator: Rezessionsgefahr nahe Null
18.01.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht WSI-Tarifarchiv: Tariflöhne und -gehälter 2016: Reale Steigerungen von 1,9 Prozent
05.01.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise