Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Von PISA nach Delphi oder: Welche Fragen stellt das deutsche Berufsbildungssystem?

31.01.2002


BIBB fragt nach Forschungs- und Entwicklungsdefiziten in der beruflichen Bildung

Die Ergebnisse der PISA-Studie haben die Öffentlichkeit alarmiert - doch die ermittelten Defizite sind nicht erst seit PISA bekannt. In der beruflichen Bildung werden schon seit Jahren zahlreiche Initiativen, Programme und Modellversuche durchgeführt, um die wachsenden Schwächen bei den Schulabgängern auszugleichen, Benachteiligungen zu beheben und Stärken zu fördern. Dass dies (noch) gelingt, belegt der bisherige Ausbildungserfolg: Trotz schlechter PISA-Noten liegt der Anteil der Jugendlichen, die ohne Ausbildungsabschluss bleiben, lediglich bei 11,6%. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) wollte nun wissen: Was ist erforderlich, um das quantitative und qualitative Niveau der beruflichen Bildung in Deutschland weiter zu entwickeln und das Berufsbildungssystem bereit zu machen für Innovationen von morgen? Welche Fragen müssen gestellt, welche Antworten müssen gefunden werden, um der Berufsbildungspraxis auch in Zukunft den Erfolg zu sichern? Als methodisches Instrument wurde das Delphi-Verfahren gewählt.
(Delphi-Expertenbefragungen dienen dazu, künftige Entwicklungen in Technik, Gesellschaft und Forschung vorherzusagen und zu steuern.)

2000 Experten aus allen Bereichen der beruflichen Bildung - aus Betrieben, überbetrieblichen Einrichtungen, Berufsschulen, Kammern, Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften, Berufsverbänden, Forschungseinrichtungen und der staatlichen Bildungsverwaltung - wurden erstmalig gebeten, ihre Vorschläge für zukünftige Forschungsaufgaben in der Berufsbildung zu nennen und anzugeben, welche Forschungs- und Entwicklungsarbeiten aus ihrer Sicht besonders dringlich sind.

Die Expertenvorschläge machen deutlich: Es besteht umfassender Handlungsbedarf!

  • An erster Stelle: Das Thema Berufsschule. Dringend gefordert werden konsequent praxisbezogene Aus- und Weiterbildungskonzepte für die Lehrkräfte. Insbesondere für den Unterricht in den neuen Berufen würden mehr Weiterbildungsangebote für die Lehrer benötigt. Außerdem sei eine mittel- und langfristige Bedarfsplanung von Berufsschullehrern erforderlich, die die regionale Wirtschaftsstruktur berücksichtige und frühzeitig dem Lehrermangel vor Ort vorbeuge.
  • Um benachteiligten Jugendlichen noch besser helfen zu können, wird ein Ende des "Maßnahmenpartikularismus" gefordert. Notwendig seien langfristige Förderkonzepte, die sich von der Schulzeit über berufsvorbereitende Maßnahmen und ausbildungsbegleitende Hilfen bis zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit erstreckten. An ihrer Umsetzung müssten sich alle Institutionen vor Ort, also Schulen, Jugendhilfe, Kammern, Arbeitsämter und Betriebe, beteiligen. Zudem müsse verstärkt nach Möglichkeiten gesucht werden, um das Ausbildungspotenzial von Migrantenkindern umfassend zu aktivieren (bis zu 40 % dieser Jugendlichen bleiben zur Zeit ohne Ausbildungsabschluss).
  • Strittig ist unter den Fachleuten die Entwicklung spezieller Ausbildungsberufe für leistungsschwache Jugendliche. Während die meisten Experten der Arbeitgeberseite hierin eine Möglichkeit sehen, leistungsschwachen Jugendlichen eine Arbeitsmarktchance zu eröffnen, lehnen ihre Kollegen aus den Gewerkschaften dies mehrheitlich ab.
  • Uneinigkeit zwischen den beiden Gruppen herrscht auch beim Thema Umlagefinanzierung. Im Streit der beiden Gruppen blieb die Berufsbildungsforschung bisher auf der Strecke: Angebote der Forschung, durch wissenschaftliche Untersuchungen zur Versachlichung der Debatte beizutragen, scheitern abwechselnd am Veto der einen oder anderen Seite.
  • Weitgehende Einigkeit herrscht dagegen in der Feststellung, dass die Anstrengungen des Berufsbildungssystems um die Integration leistungsschwacher Jugendlicher nicht zu Lasten der Förderung von Spitzenleistungen gehen dürfe.
  • Für besonders leistungsfähige und begabte Auszubildende müssten differenzierte Qualifizierungsmöglichkeiten entwickelt werden.
  • Der Mut zur Verantwortung sollte verstärkt zum Ausbildungsziel gemacht werden, z.B. durch neue Lehr- und Lernkonzepte zur Förderung unternehmerischer Selbständigkeit. Verantwortung hätten aber auch alle, die außerhalb der beruflichen Bildung mit den Jugendlichen zu tun hätten, so zum Beispiel die Eltern. Die Experten vermuten einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Situation im Elternhaus und dem Ausbildungserfolg des Jugendlichen und regen hierzu gesonderte Untersuchungen an.

Weitere Ergebnisse der Expertenbefragung sind veröffentlicht in dem Beitrag von Walter Brosi, Elisabeth M. Krekel und Joachim Gerd Ulrich: "Sicherung der beruflichen Zukunft: Anforderungen an Forschung und Entwicklung - Ergebnisse einer Delphi-Studie" in der Februar-Ausgabe (1/2002) der BIBB-Zeitschrift "Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis (BWP)". Das Heft kann zum Preis von 7,60 Euro bezogen werden beim W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG, Postfach 10 06 33, 33506 Bielefeld, Tel. 0521/911 01-11, Fax: 0521/911 01-19, E-Mail: service@wbv.de

Informationen zur Delphi-Studie enthält auch die Homepage des BIBB (siehe untenstehende Verlinkung)

Gleichzeitig weisen wir Sie auf das BIBB-Info-Telegramm Februar/2002 hin, welches Sie ebenfalls mit u.a. Link abrufen können.

Dr. Ilona Zeuch-Wiese | idw
Weitere Informationen:
http://www.bibb.de/forum/projekte/delphi/start.htm#top
http://www.bibb.de/publikat/telegramm/feb02.pdf

Weitere Berichte zu: Berufsbildungssystem Delphi-Studie PISA

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index weiter aufwärts gerichtet
23.03.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht RWI erhöht Konjunkturprognose für 2017 leicht auf 1,3 Prozent
15.03.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Clevere Folien voller Quantenpunkte

27.03.2017 | Materialwissenschaften

In einem Quantenrennen ist jeder Gewinner und Verlierer zugleich

27.03.2017 | Physik Astronomie

Klimakiller Kuh: Methan-Ausstoß von Vieh könnte bis 2050 um über 70 Prozent steigen

27.03.2017 | Biowissenschaften Chemie