Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn sogar der Krisenmanager verzweifelt

25.08.2006
Wissenschaftler der Universität Witten/Herdecke suchen Wege für ein besseres Krisenmanagement in Familienunternehmen

15 bis 20 Prozent der sanierungsfähigen und -würdigen Familienunternehmen gehen in die Insolvenz, weil einzelne oder alle Mitglieder der Gesellschafterfamilie den Vorschlägen externer Krisenmanager nicht zustimmen: "Gerade in solchen Extremsituationen sind von Krisenmanagern nicht nur kaufmännische sondern ausgeprägte psycho-soziale Fähigkeiten gefragt", erklärt Prof. Arist v. Schlippe, Lehrstuhlinhaber für Führung und Dynamik von Familienunternehmen des Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU) der Universität Witten/Herdecke.

Bislang existieren jedoch keine Konzepte, wie die Familie systematisch bei einem Krisenmanagement zu integrieren ist, so Dipl. Oec. Tom A. Rüsen, der derzeit als Research Fellow des WIFU ein Forschungsprojekt über Krisenmanagement in Familienunternehmen durchführt. Ein wichtiger Baustein seines Forschungsprojektes besteht darin, entsprechende Methoden weiter zu entwickeln, um so einen Beitrag zur Lösung der komplexen Aufgabe eines nachhaltigen Krisenmanagements in Familienunternehmen zu leisten. Rüsen und v. Schlippe widmen sich deshalb derzeit in einem von der EQUA-Stiftung, Herrsching sowie der Stiftung Familienunternehmen, Stuttgart, geförderten WIFU-Forschungsprojekt einer Reihe von bisher ungeklärten Forschungsfragen:

" Welche besonderen Einflüsse gehen von der Gesellschafterfamilie eines Familienunternehmens in der Unternehmenskrise aus?

" Inwieweit wirken sich ihre Verhaltensweisen auf den Krisenverlauf und die Arbeit eines externen Krisenmanagements aus?

" Welche besonderen Anforderungen stellen sich in Familienunternehmen an Sanierungsberater und interimistisch eingesetzte Krisenmanager?

Erste Auswertungen der über 80 Experteninterviews mit Bankenvertretern, Insolvenzverwaltern, Sanierungsberatern und Familienunternehmern zeigen überraschende Ergebnisse. "Trotz der Vielschichtigkeit der Einflüsse auf den Verlauf einer Existenz bedrohenden Unternehmenskrise in Familienunternehmen, lassen sich zentrale Einflussfaktoren und typische Verhaltensdynamiken der beteiligten Familienmitglieder identifizieren", erklärt Tom A. Rüsen. Erstaunlich sei es für ihn, dass die Unternehmerfamilie zwar als relevante Einflussgröße wahrgenommen werde, bislang jedoch keine Konzepte vorliegen, wie die Familie systematisch bei einem Krisenmanagement zu integrieren ist.

Dabei verfüge die Gesellschafterfamilie über ein hohes Potential: Mitglieder der Gesellschafterfamilie sind in der Regel in erheblichem Maße bereit, Privatvermögen zur Rettung des Unternehmens einzusetzen. Darüber hinaus können sie durch schnelle Entscheidungen und Maßnahmen mit Signalwirkungen in der Belegschaft wichtige Beiträge zum Gelingen einer Sanierung leisten.

Diese positiven Einflüsse und die emotionale Unterstützung durch familieninterne Geschlossenheit für geschäftsführende Familienmitglieder in der Krise können sich jedoch leicht in ihr Gegenteil verkehren. Tauchen familienintern Vorwürfe, Schuldzuschreibungen und Streitigkeiten auf, müssen geschäftsführende Gesellschafter neben der Krise im Unternehmen häufig noch eine Familienkrise zwischen Ehepartnern, Geschwistern, Eltern und Kindern oder entfernteren Verwandten abwenden. Nach Ansicht der Experten überwiegen in verschärften Krisen die negativen Einflüsse aus der Gesellschafterfamilie. Denn die Maßnahmen eines Krisenmanagements zielen zwar auf eine Optimierung des Unternehmens und damit auch des Eigentums der Familiengesellschafter ab. Häufig stehen einer Lösung Hindernisse auf der psychologischen Seite der Familienmitglieder entgegen.

Wird die gezielte Auseinandersetzung mit der Unternehmerfamilie versäumt, droht selbst die beste Arbeit eines externen Krisenmanagements zu scheitern. Nach Ansicht von Rüsen sollte daher immer bedacht werden, welche Zukunftsängste und welcher Gesichtsverlust der "ausgetauschten" oder "degradierten" Familienmitglieder mit Entscheidungen eines Krisenmanagements einhergehen, wenn die Lösungen mittel- bis langfristig tragfähig sein sollen.

"In Familienunternehmen mit einer ausgeprägten Familiendynamik besteht die Aufgabe eines externen Krisenmanagements neben den klassischen Inhalten wie Liquiditätssicherung, Effizienzsteigerung und strategischer Neuausrichtung in einem situationsadäquaten Familienmanagement", so Rüsen. Die Inhalte reichen dabei über eine intensive Kommunikation mit nicht-aktiven Gesellschaftern über die notwendigen Veränderungen im Unternehmen, Mediations-Work-Shops zur Streitschlichtung bis hin zu einem an die systemische Familientherapie angelehnten professionellen Familiencoaching.

Informationen: Wittener Institut für Familienunternehmen, Tom A. Rüsen Tel.: +49-172-8957879, tom.ruesen@uni-wh.de; Prof. Dr. Arist von Schlippe, Tel.: +49-2302 - 926-513 (Sekr.), schlippe@uni-wh.de

Dr. Olaf Kaltenborn | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wh.de/wifu

Weitere Berichte zu: Gesellschafterfamilie Krisenmanagement

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index setzt Anstieg fort
22.06.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht IAB-Arbeitsmarktbarometer: Beschäftigung legt weiter zu
29.05.2017 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Im Focus: Forscher entschlüsseln erstmals intaktes Virus atomgenau mit Röntgenlaser

Bahnbrechende Untersuchungsmethode beschleunigt Proteinanalyse um ein Vielfaches

Ein internationales Forscherteam hat erstmals mit einem Röntgenlaser die atomgenaue Struktur eines intakten Viruspartikels entschlüsselt. Die verwendete...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

Forschung zu Stressbewältigung wird diskutiert

21.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Individualisierte Faserkomponenten für den Weltmarkt

22.06.2017 | Physik Astronomie

Evolutionsbiologie: Wie die Zellen zu ihren Kraftwerken kamen

22.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Spinflüssigkeiten – zurück zu den Anfängen

22.06.2017 | Physik Astronomie