Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Konjunkturprognose des IMK: Finanzpolitik gefährdet Aufschwung

04.04.2006


Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland wird in diesem Jahr um 1,7 Prozent steigen. Im kommenden Jahr fällt das BIP-Wachstum deutlich auf 1,1 Prozent zurück - falls die Bundesregierung ihre Konsolidierungspolitik wie angekündigt umsetzt und die Mehrwertsteuer erhöht.



Dementsprechend geht die Zahl der Arbeitslosen 2006 um 230 000 zurück, 2007 lediglich um weitere 70 000 Personen. Ohne den bremsenden Einfluss der Politik würde das Wachstum im kommenden Jahr bei mehr als zwei Prozent liegen. Zu diesen Ergebnissen kommt die Konjunkturprognose des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung, die der wissenschaftliche Direktor des IMK, PD Dr. Gustav A. Horn, am Dienstag in Berlin vorstellt. "Ein Aufschwung wäre möglich, wird aber durch die Konsolidierungspolitik verhindert", sagt Horn.



Export und Ausrüstungsinvestitionen stark, Konsum weiter schwach

Tragende Säule der Konjunkturentwicklung in Deutschland bleibt auch 2006 und 2007 die Ausfuhr. Die deutsche Wirtschaft profitiert von der weiterhin lebhaften Weltkonjunktur. So steigt das BIP in China 2006 nach der IMK-Prognose um 9,3 Prozent, in den USA um 3,1 Prozent. Im Euroraum legt die Wirtschaft um 1,9 Prozent zu. Bei noch einmal sinkenden Lohnstückkosten in Deutschland wird der reale Export von Waren und Dienstleistungen um acht Prozent in diesem Jahr und knapp sieben Prozent 2007 wachsen. Allerdings beobachten die Wirtschaftsforscher beträchtliche weltwirtschaftliche Risiken. Dazu zählt neben der zunehmenden globalen Unsicherheit bei der Energieversorgung auch das große Defizit der US-Handelbilanz.

Im Inland entwickeln sich die Ausrüstungsinvestitionen weiter lebhaft. Trotzdem verläuft die wirtschaftliche Entwicklung einseitig, analysiert das IMK. Grund: "Das quantitativ wichtigste Aggregat der Binnennachfrage, der private Konsum, bleibt erschreckend schwach." Sollten die Tarifeinkommen weiterhin nur verhalten steigen und der Abbau außertariflicher Leistungen anhalten, beflügelt 2006 lediglich der Vorzieheffekt wegen der geplanten Mehrwertsteuererhöhung den privaten Verbrauch, der um 0,3 Prozent steigt. Damit setzt sich, leicht abgemildert, eine lange Schwächephase fort: In keinem anderen größeren Industrieland hat sich die Binnennachfrage in den vergangenen zehn Jahren so gering entwickelt wie in Deutschland, zeigt die IMK-Analyse.

Konsolidierungsschock und Gefahr von Zinserhöhungen

"All das spricht dafür, dass die Wirtschaftspolitik vor allem die Binnennachfrage beleben muss, während die internationale Wettbewerbsfähigkeit lediglich zu sichern ist", betont IMK-Direktor Horn. Die angekündigten Konsolidierungsmaßnahmen der Bundesregierung führen aber zum gegenteiligen Effekt. Angesichts der geplanten Mehrwertsteuererhöhung rechnet das IMK damit, dass der private Konsum schon 2007 wieder deutlich um 0,4 Prozent zurückgeht.

Insgesamt verfolgt die Bundesregierung zwar das prinzipiell richtige Konzept, zunächst die Wirtschaft zu stimulieren, um dann bei besserer Konjunktur zu konsolidieren. "Die Ausführung ist jedoch mangelhaft. Die Finanzpolitik ist bereits in diesem Jahr restriktiv ausgerichtet. Daher nehmen Wachstum und Beschäftigung nur verhalten zu. Um so mehr wird der Konsolidierungsschock im kommenden Jahr schmerzen." Einem positiven fiskalischen Impuls von 1,8 Milliarden Euro 2006 steht nach IMK-Berechnung 2007 ein negativer fiskalischer Effekt von 22,7 Milliarden Euro gegenüber. Zudem treibt die Mehrwertsteuererhöhung die an sich moderate Inflation im Euroraum um 0,3 Prozentpunkte nach oben. Darauf könnte die Europäische Zentralbank mit Zinserhöhungen reagieren, die die Konjunktur weiter bremsen würden. Für diesen Fall warnt das IMK sogar vor einer Rezession in Deutschland.

Defizit schon 2006 unter drei Prozent, doch keine nachhaltige Konsolidierung

Das gesamtstaatliche Finanzierungsdefizit sinkt nach der IMK-Prognose bereits in diesem Jahr auf 2,8 Prozent des BIP und damit unter die Obergrenze des Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts. 2007 geht das Defizit auf 2,2 Prozent zurück. Längerfristig gefährden die Wachstumsverluste durch die Steuererhöhung jedoch den angestrebten Konsolidierungseffekt, weil mit der konjunkturellen Abschwächung auch die Staatseinnahmen zurückgehen und die Ausgaben wachsen. "Die Bundesregierung droht ihr oberstes Ziel, den Abbau der Massenarbeitslosigkeit, zu Gunsten eines möglicherweise lediglich vorübergehenden Konsolidierungserfolgs zu opfern", warnt IMK-Direktor Horn.

Ansprechpartner in der Hans-Böckler-Stiftung

PD Dr. Gustav A. Horn
Wissenschaftlicher Direktor IMK
Tel.: 0211-7778-331
E-Mail: Gustav-Horn@boeckler.de

Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_09_2006.pdf
http://www.boeckler.de/pdf/impuls_2006_07_1.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index weiter aufwärts gerichtet
23.03.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht RWI erhöht Konjunkturprognose für 2017 leicht auf 1,3 Prozent
15.03.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise