Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Big Brother im Büro: Gesamtbilanz ist negativ

13.02.2006


Wirtschaftswissenschaftler der Universität Bonn haben in einer spieltheoretischen Studie gezeigt, dass eine gesetzliche Beschränkung von Kontrollmöglichkeiten am Arbeitsplatz aus ökonomischer Sicht durchaus sinnvoll sein kann (Labour Economics 12/2005, S. 727-738): Da auch Überwachung mit Kosten und Arbeitsaufwand verbunden sei, komme es durch ihre Einführung häufig nur zu einer ineffizienten Umverteilung von Ressourcen.



Der Paketdienst UPS weiß über die Leistung seiner Mitarbeiter in den USA genau Bescheid: Jeder Fahrer trägt einen elektronischen Quittungsblock bei sich, der automatisch die Zahl und Dauer der Stopps sowie den augenblicklichen Aufenthaltsort des Paketwagens per Funk an einen der weltweit größten Computer übermittelt.

Gerade in den Vereinigten Staaten ist die Überwachung von Mitarbeitern gang und gäbe: Mehr als 80 Prozent aller US-Firmen kontrollieren ihre Angestellten mit Videokameras, lesen ihre Mails, belauschen ihre Telefonate oder messen die Geschwindigkeit, mit der sie auf die Tasten ihrer Computer hämmern. Befürworter des "Big Brother im Büro" verweisen darauf, dass Kontrolle die Produktivität steigern könne. Die Gegner verteufeln die so genannten Spionagemethoden dagegen als "elektronische Peitsche" der Arbeitgeber und argumentieren mit Ethik und Moral. "Es gibt aber auch rein ökonomische Argumente gegen eine überzogene Überwachung am Arbeitsplatz", erklärt der Bonner Privatdozent Dr. Patrick Schmitz. "Man kann die vorbehaltlosen Befürworter also auf ihrem eigenen Feld schlagen."


Schmitz hat kürzlich in der angesehenen Fachzeitschrift "Labour Economics" dargelegt, dass eine gesetzliche Beschränkung der Kontrollmöglichkeiten am Arbeitsplatz ökonomisch durchaus Sinn machen kann. Ein Beispiel kann das verdeutlichen: Ein Unternehmer beschäftigt zehn Mitarbeiter. Irgendwann kommt er auf die Idee, sie mit einem Videosystem zu kontrollieren. Er installiert eine Reihe von Kameras und versetzt einen seiner Angestellten in die Überwachungszentrale, damit er die Aufnahmen auswertet und Alarm schlägt, sobald seine Ex-Kollegen eine ruhige Kugel schieben. Angenommen, unter diesem Druck steigern die übrigen neun Mitarbeiter ihr Arbeitstempo, bis sie wieder dieselbe Menge produzieren wie zuvor zu zehnt.

Diese Umstrukturierung kann sich für den Firmenchef lohnen - zumindest unter bestimmten Bedingungen: Nämlich dann, wenn er zusätzlich noch auf die Idee kommt, seinen überwachten Angestellten den Lohn zu kürzen. Schließlich kann er nun viel besser abschätzen, wie es um deren Belastung wirklich steht. Er muss nur noch den Lohn zahlen, der die Arbeiter gerade noch für ihren Arbeitseinsatz entschädigt. Eventuell kann der Chef in diesem Fall sogar dann von der Überwachung profitieren, wenn die neun verbliebenen Arbeiter den "Verlust" ihres Kollegen nicht kompensieren können, sondern weniger produzieren als zuvor zu zehnt. Solange sich die Einstellung zusätzlicher Arbeiter für den Chef nicht lohnt, kann das "Plus" in seiner Bilanz mit einem gesamtwirtschaftlichen "Minus" einhergehen.

"Das Beispiel zeigt, dass selbst bei rein ökonomischer Argumentation aus gesamtwirtschaftlicher Sicht Einiges dafür sprechen könnte, Überwachung am Arbeitsplatz gesetzlich zu beschränken", betont Patrick Schmitz. "Und zwar selbst dann, wenn man ethische Aspekte oder die Auswirkung von Kontrolle auf die Motivation der Mitarbeiter außen vor lässt." Doch solle es der Gesetzgeber auch mit dem Schutz der Privatsphäre am Arbeitsplatz nicht übertreiben: "Eine überzogene Beschränkung der unternehmerischen Freiheit, zu der man in Deutschland eher als in den USA tendiert, wird letztendlich unvermeidbar zum Verlust von Arbeitsplätzen führen."

Quelle: "Workplace Surveillance, Privacy Protection, and Efficiency Wages", Labour Economics, 12 (2005), 727-738; im Internet verfügbar unter: http://ideas.repec.org/a/eee/labeco/v12y2005i6p727-738.html

Kontakt:
PD Dr. Patrick Schmitz
Wirtschaftspolitische Abteilung der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-7937
E-Mail: patrick.schmitz@uni-bonn.de

www.uni-bonn.de/ | dw
Weitere Informationen:
http://ideas.repec.org/a/eee/labeco/v12y2005i6p727-738.html
http://www.uni-bonn.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht IAB-Arbeitsmarktbarometer: positiver Ausblick auf die kommenden Monate
27.02.2017 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index: Aufwärtstendenz setzt sich fort
21.02.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Künstlicher Intelligenz das Gehirn verstehen

Wie entsteht Bewusstsein? Die Antwort auf diese Frage, so vermuten Forscher, steckt in den Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Leider ist jedoch kaum etwas über den Schaltplan des Gehirns bekannt.

Wie entsteht Bewusstsein? Die Antwort auf diese Frage, so vermuten Forscher, steckt in den Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Leider ist jedoch kaum etwas...

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Nebennierentumoren: Radioaktiv markierte Substanzen vermeiden unnötige Operationen

28.02.2017 | Veranstaltungen

350 Onlineforscher_innen treffen sich zur Fachkonferenz General Online Research an der HTW Berlin

28.02.2017 | Veranstaltungen

23. VDMA-Arbeitsberatung „Engineering und Konstruktion“ am 2. März 2017 an der TH Wildau

28.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Automatisierungstreff 2017: Experten-Tipps zu EMV und Industrie 4.0-Engineering

28.02.2017 | Seminare Workshops

Das Partnerprogramm von Stellar Datenrettung

28.02.2017 | Unternehmensmeldung

Ein Filter für schweren Wasserstoff

28.02.2017 | Biowissenschaften Chemie