Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Lebensversicherungsprämien: neues mathematisches Verfahren verspricht mehr Gerechtigkeit

08.10.2001


Der frischgebackene Diplom-Mathematiker Markus Pohlai findet mit seinem neuen Berechnungsmodus für Versicherungsoptionen Aufmerksamkeit in Fachkreisen.



Stuttgart - Weil er der Mathematik nicht recht traute ("Kann man denn von dieser Kunst leben?") absolvierte der hoch begabte junge Mathematiker Markus Pohlai aus Albershausen in der Region Stuttgart zunächst ein BWL-Studium. Dann traf er zufällig seinen alten Mathematiklehrer wieder, der ihm dringend riet: "Wenn einer Mathematik studieren sollte, dann sind Sie das!" Pohlai ließ sich überzeugen. Nun hat er sein Studium an der Fachhochschule Stuttgart - Hochschule für Technik mit einer brillanten Diplomarbeit abgeschlossen, die in Fachkreisen große Beachtung findet.



Vor dem Hintergrund der Ereignisse in den USA und der Beobachtung, dass auch Aktienkurse nicht nur ein Aufwärts kennen, rücken klassische Kapitalanlagen wieder mehr in das Blickfeld der Sparer. Dies gilt auch für kapitalbildende Lebensversicherungen in all ihren Varianten. Der Wettbewerb im seit einigen Jahren liberalisierten Versicherungsmarkt hat neue Produkte hervorgebracht, die dem Kunden vielerlei Gestaltungsmöglichkeiten und Vertragsoptionen eröffnen. Bisher haben die Versicherungsunternehmen diese Zusatzrechte bei der Festlegung der Prämien nicht eigens in Rechnung gestellt. Dies könnte in Zukunft anders aussehen.

Eines dieser Zusatzrechte, das manche Versicherung einräumt, ist die sogenannte Verlängerungsoption, die dem Versicherungsnehmer eine Verlängerung des Versicherungsvertrages um bis zu fünf Jahre gestattet. Diese Option ist besonders dann wertvoll, wenn die Zinsen am Kapitalmarkt sehr niedrig sind. Durch den dann meist höheren Zins der Lebensversicherungen kann der Kunde in der Verlängerung der Laufzeit größere Renditen als mit anderen Anlagen erwirtschaften.

Ein anderes Zusatzrecht ist das Kapitalwahlrecht. Wer eine private Rentenversicherung mit der entsprechenden Option abschließt, hat am Tag der Fälligkeit die Möglichkeit, sich entweder für eine lebenslange monatliche Rente oder für die Auszahlung der Gesamtsumme zu entscheiden. Für den Kunden kann das bares Geld wert sein: Bei einer günstigen Zinskonjunktur wählt er die Kapitalauszahlung, die ihm einen höheren Ertrag ermöglicht als die im Rahmen seiner Police zu erwartende Verzinsung. Fällt der Auszahlungsbeginn dagegen in eine Talsohle, entscheidet sich der Kunde für die Rentenzahlung und profitiert so von der langfristigen Anlagepolitik seines Versicherungsunternehmens.

Doch was sind diese und andere Optionen in Versicherungsverträgen nun wert? Die Antwort auf diese Frage ist keinesfalls nur von akademischem Interesse: Die Versicherungsunternehmen sind dem Gleichbehandlungsgrundsatz verpflichtet, d.h. einzelne Versicherungskunden dürfen nicht bes-ser gestellt sein als andere. Diese Forderung nach Gerechtigkeit insbesondere gegenüber den Versicherten, die in ihrem Vertrag eine solche Option nicht besitzen, macht eine Bewertung dieser Optionen notwendig. Nur so kann ein andernfalls entstehender Risikotransfer zwischen den einzelnen Tarifgruppen vermieden werden.

Die Frage nach dem Wert der Optionen fällt in das Gebiet der Finanz- und Ver-sich-erungs-mathe-ma-tik. Im Studiengang Mathematik an der Fachhochschule Stuttgart - Hochschule für Technik hat man sich in Kooperation mit einem Stuttgarter Versicherungsunternehmen dieses komplexen Problems angenommen. Markus Pohlai, frischgebackener Diplom-Mathematiker und Absolvent dieses Studiengangs, hat im Rahmen seiner preisgekrönten Diplomarbeit ein Verfahren zur Lösung dieses Problems entwickelt. Seine "Bewertung impliziter Optionen in Lebensversicherungsprodukten" hat in Fachkreisen für einige Aufmerksamkeit gesorgt.

Grundlage des mathematischen Vorgehens in Pohlais Diplomarbeit ist ein Zinsstrukturmodell. Eingabeparameter eines solchen Modells sind Informationen über die derzeitigen Kapitalmarkt-zinsen und insbesondere über ihre Schwankungen im Laufe der Zeit. Zur Bewertung einer Option werden nun die sogenannten Barwerte zweier Lebensversicherungen mit Hilfe des Modells berechnet - eine Versicherung, welche die zu bewertende Option beinhaltet und eine alternative Versicherung ohne diese Option. Der gesuchte Optionswert ergibt sich dann als die Differenz der beiden Barwerte.

Der Wert des Kapitalwahlrechts lässt sich mit Pohlais Berechnungsmethode genau beziffern. Es kann je nach Laufzeit des Vertrages bis zu 40 Prozent einer Jahresrente betragen. Also: Schließt der Kunde eine Rentenversicherung ab, die ihm später eine Rentenleistung von 1000 Mark im Monat bringen wird - das sind 12.000 Mark im Jahr -, so kann der Wert des Kapitalwahlrechts bei bis zu 4.800 Mark liegen. Auf die Prämie umgerechnet sind das drei bis vier Prozent.

Für Versicherungskunden bedeutet dies zweierlei: Es ist durchaus vorstellbar, dass im Zuge der Prämiengerechtigkeit zukünftig manche Optionen nicht mehr gratis zu bekommen sind. Schränkt der Kunde freilich seine Gestaltungsmöglichkeiten ein, so könnte er jedoch in den Genuss besonders günstiger Prämien kommen.


Dieser Text ist frei zur Veröffentlichung. Um ein Belegexemplar wird gebeten. Für Interviewkontakt:
Ursel Pietzsch, Fachhochschule Stuttgart - Hochschule für Technik, Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit,
Telefon (0711) 121 28 64, Telefax (0711) 121 26 82, E-Mail: pietzsch.vw@fht-stuttgart.de.

Für Rückfragen: Prof. Dr. Paul-Georg Becker, Fachhochschule Stuttgart - Hochschule für Technik, Fachbereich Mathematik,
Telefon (0711) 121 26 36, Telefax (0711) 121 25 56, E-Mail: becker.fbm@fht-stuttgart.de.

Ursel Pietzsch | idw

Weitere Berichte zu: Kapitalwahlrecht Lebensversicherung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht IAB-Arbeitsmarktbarometer: Beschäftigung legt weiter zu
29.05.2017 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index sinkt nach März-Hoch
23.05.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue Methode für die Datenübertragung mit Licht

Der steigende Bedarf an schneller, leistungsfähiger Datenübertragung erfordert die Entwicklung neuer Verfahren zur verlustarmen und störungsfreien Übermittlung von optischen Informationssignalen. Wissenschaftler der Universität Johannesburg, des Instituts für Angewandte Optik der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) präsentieren im Fachblatt „Journal of Optics“ eine neue Möglichkeit, glasfaserbasierte und kabellose optische Datenübertragung effizient miteinander zu verbinden.

Dank des Internets können wir in Sekundenbruchteilen mit Menschen rund um den Globus in Kontakt treten. Damit die Kommunikation reibungslos funktioniert,...

Im Focus: Strathclyde-led research develops world's highest gain high-power laser amplifier

The world's highest gain high power laser amplifier - by many orders of magnitude - has been developed in research led at the University of Strathclyde.

The researchers demonstrated the feasibility of using plasma to amplify short laser pulses of picojoule-level energy up to 100 millijoules, which is a 'gain'...

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Lebensdauer alternder Brücken - prüfen und vorausschauen

29.05.2017 | Veranstaltungen

49. eucen-Konferenz zum Thema Lebenslanges Lernen an Universitäten

29.05.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz an der Schnittstelle von Literatur, Kultur und Wirtschaft

29.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligente Sensoren mit System

29.05.2017 | Messenachrichten

Geckos kommunizieren überraschend flexibel

29.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

1,5 Millionen Euro für vier neue „Innovative Training Networks” an der Universität Hamburg

29.05.2017 | Förderungen Preise