Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie viel Staat braucht der Welthandel?

17.10.2005


Wirtschaftshistoriker der Universität Münster untersuchen Rolle eines historischen Freihandelsnetzes

... mehr zu:
»Welthandel

Die Frage, ob und wie der Welthandel liberalisiert werden soll, erregt die Gemüter. Verfechter der Globalisierung verweisen auf die Regulierungskraft des Marktes, Gegner befürchten, dass die armen Länder der Welt immer ärmer werden. Wie sich die weltweite Öffnung der Märkte auswirken wird, ist noch nicht abzusehen. Ein Beispiel aus der Vergangenheit aber könnte erfolgreiche Strategien aufzeigen: das so genannte Cobden-Chevalier-Netzwerk. Die in der wirtschaftswissenschaftlichen Fachliteratur oft als überaus erfolgreich gerühmten Handelsabkommen sind im Detail noch nicht untersucht. Das Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Münster wird jetzt der Frage nachgehen, inwieweit die nationalen Ökonomien Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts von internationalen Freihandelsabkommen profitiert haben. Dafür stellt die Fritz-Thyssen-Stiftung 100.000 Euro für den Zeitraum von zweieinhalb Jahren zur Verfügung.

1860 bereitete der britische Unterhausabgeodnete Richard Cobden gemeinsam mit dem französischen Staatsrat und Nationalökonomen Michel Chevalier das erste Freihandelsabkommen zwischen Frankreich und Großbritannien vor, das seitdem ihren Namen trägt. Das besondere an diesem Vertrag: Die Partner vereinbarten, dass die gegenseitigen Vorteile auch Dritten gewährt werden mussten, falls mit diesen Verträge abgeschlossen wurden. "So entwickelte sich ein dynamisches Netzwerk, das nicht zentral geregelt wurde und aus bilateralen Verträgen ein kompliziertes Geflecht aufbaute", erläutert Prof. Dr. Ulrich Pfister, Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte.


Denn das Abkommen zwischen Frankreich und England ließ die europäischen Nachbarn nicht unberührt: Durch die Abschaffung der französischen Zölle wurden dort die englischen Waren billiger, folglich wurden diese bevorzugt und weniger beispielsweise vom preußischen Nachbarn gekauft - ein guter, aber nicht vom Staat vorgeschriebener Grund, gleichfalls der Freihandelszone beizutreten. Immer mehr nord- und mitteleuropäische Staaten schlossen ein wirtschaftliches Bündnis mit einem der bereits zum Netzwerk gehörenden Staaten und damit automatisch mit allen anderen. In der Blütezeit, die bereits 1963 begann, bildeten rund zehn Staaten das Herzstück des Netzwerks, darunter England, Frankreich, Belgien, Italien und der deutsche Zollverein. Gemeinsam kontrollierten sie rund 60 Prozent des damaligen Welthandels.

Politische Konflikte zwischen den Nationen spielten keine Rolle: "Wirtschaft und Politik hatten im 19. Jahrhundert kaum miteinander zu tun", erläutert PD Dr. Carsten Burhop. "Es gab nur relativ wenig staatliche Interventionen, das größte Vertrauen wurde in die private Initiative gesetzt". Allerdings nur rund 20 Jahre lang. Offiziell bestand das Netzwerk zwar noch länger, faktisch nahm bereits Ende der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts die Protektion wieder zu, neue Zölle wurden eingeführt. 20 Jahre scheinen nur ein kurzer Zeitraum zu sein, doch ist die Welthandelsorganisation (WTO) erst 1994 gegründet worden. Was aber hilft ein 150 Jahre altes wirtschaftliches Modell bei der Beurteilung der heutigen Lage? "Erst mal haben wir natürlich heute noch nicht allzu viele Daten zur Verfügung, wie erfolgreich der Globalisierungsprozess für alle Beteiligten ist" sagt Burhop. Außerdem lieferten die modernen Daten beispielsweise zu den GATT-Verträgen zweideutige Ergebnisse, je nachdem, welches Modell zugrunde gelegt werde. Deshalb sei es sinnvoll, einen abgeschlossenen historischen Vorgang zu untersuchen.

Zum anderen sind da sowohl die Gemeinsamkeiten wie auch die Unterschiede, vor dessen Hintergrund sich die zeitgenössischen Prozesse einordnen lassen. "Die ökonomische Theorie besagt, dass der Abbau von Handelshindernissen immer wohlfahrtssteigernd ist", so Burhop. Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen wird der Handel an sich billiger, wenn die Zölle gesenkt werden und nimmt dadurch zu. Die Vereinheitlichung von Warenklassifikationen durch Verträge führt zu einem geringeren Aufwand und dadurch zu einer Verringerung der Kosten, so Pfister.

Für das Cobden-Chevalier-Netzwerk lässt sich nachweisen, dass tatsächlich die Volkswirtschaften profitierten. Allerdings ist nicht bekannt, wie die Handelsströme im einzelnen funktionierten. Welche Auswirkungen hatte es beispielsweise auf die Rheinweine des Zollvereins, wenn französische Weine in England deutlich billiger wurden? Deshalb wird Markus Lampe in seiner Doktorarbeit insgesamt 20 Güterkategorien detailliert darstellen. Dabei soll es nicht bei der quantitativen Analyse bleiben, denn der Untersuchungszeitraum fällt mit der Industrialisierung zusammen. So könne es auch möglich sein, dass der Welthandel nur deshalb zugenommen habe, weil Innovationen wie der Telegraph oder der Dampfantrieb die Organisation und den Transport preisgünstiger machten.

Deshalb ist es nur ein erster Schritt, die einzelnen Handelsströme zu untersuchen. Im Mittelpunkt des Interesses steht die Dynamik des Netzwerkes und das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Interessengruppen darzustellen. "Denn damit lässt sich auch die Frage klären, ob internationale Regime wie die WTO unter Führung einer Hegemonialmacht wie den USA überhaupt notwendig sind, oder ob spontan entstehende Bündnisse wie das Cobden-Chevalier-Netzwerk nicht wesentlich effizienter sind", erklärt Prof. Pfister.

Brigitte Nussbaum | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenster.de/Geschichte/hist-sem/SW-G/

Weitere Berichte zu: Welthandel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index weiter aufwärts gerichtet
23.03.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht RWI erhöht Konjunkturprognose für 2017 leicht auf 1,3 Prozent
15.03.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

Zweites Symposium 4SMARTS zeigt Potenziale aktiver, intelligenter und adaptiver Systeme

27.03.2017 | Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fließender Übergang zwischen Design und Simulation

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Industrial Data Space macht neue Geschäftsmodelle möglich

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Neue Sicherheitstechnik ermöglicht Teamarbeit

27.03.2017 | HANNOVER MESSE