Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der BAT auf dem Prüfstand. Dienstleistung in Deutschland - diskriminierungsfrei bewertet?

30.08.2001


Dienstleistungsgesellschaft und Leistungsbereitschaft. Wer kennt sie nicht die Zauberwörter der modernen Arbeitsmarktpolitik. Umso ernüchternder ist es, wenn hinter der glanzvollen Oberfläche Widersprüche und Ungleichheiten hervortreten. Mit dieser Problematik beschäftigt sich Prof. Dr. Gertraude Krell, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin. Unter Mitarbeit von Andrea Hilla-Carl und Anna Krehnke geht sie der Frage nach, ob Dienstleistungsberufe durch den Bundesangestelltentarifvertrag (BAT) diskriminierungsfrei bewertet werden. Der bereits durch ein im Auftrag der ÖTV erstelltes Gutachten (Winter 1997) aufgezeigte Verdacht, dass solche Dienstleistungen, die mehrheitlich von Frauen verrichtet werden, durch den BAT unterbewertet werden, wurde jetzt von Prof. Krell bestätigt. Durch mangelnde Transparenz innerhalb des BAT sowie durch fehlende Bewertungskriterien werden Angestellte in frauendominierten Berufen diskriminiert und das EU-Recht verletzt. Um gleichwertige Arbeit zu erkennen und entsprechend zu entgelten, fordert das EU-Recht eine "diskriminierungsfreie Systematik beruflicher Einstufung", d.h. durchschaubare und für alle gleiche Bewertungsmaßstäbe, die den Charakteristika der zu bewertenden Tätigkeiten Rechnung tragen. Im Rahmen ihrer Studie (Krell/Carl/Krehnke 2001), die ebenfalls von der ÖTV in Auftrag gegeben und in Kooperation mit der Stadt Hannover durchgeführt wurde, konnte Prof. Krell nachweisen, dass sich die Bewertung von frauendominierten Dienstleistungen ändert, wenn ein EU-konformes Beurteilungssystem angewandt wird.

Verantwortlich für die derzeit ungünstige Relation innerhalb des BAT sind, so Prof. Krell, fehlende Bewertungskriterien. Die Anforderungen von "frauentypischen", d.h. mehrheitlich von Frauen ausgeübten Dienstleistungstätigkeiten wie Kinderbetreuung, Schreib-, Reinigungs- und Pflegediensten, werden nicht adäquat erfasst. Zu den fehlenden Charakteristika gehören bspw. körperliche, emotionale, oder psychosoziale Komponenten, die weder als Anforderung noch als damit verbundene Belastung genannt werden. Dabei sind die durch den BAT nicht definierten Merkmale besonders wichtig für eine angemessene Bewertung. Ein Grund für die mangelhaften Merkmalsdefinitionen und -anwendungen, so Prof. Krell, ist das in Deutschland vorherrschende summarische Verfahren der Arbeitsbewertung. Es gestattet den Gewerkschaften und Arbeitgebern ein hohes Maß an Spielräumen und verhindert, dass wirklich alle Tätigkeiten nach allen Kriterien bewertet werden. Als Beispiel führt Prof. Krell die Tätigkeitsbeschreibung einer Kindergärtnerin an, in der Verantwortung für die ihr anvertrauten Kinder keine Rolle spielt, während diese bei den Affenwärtern im Zoo berücksichtigt wird.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Trennung des BAT in einen "Allgemeinen" und einen "Besonderen" Teil. Eine solche Teilung ist, wie auch das dreigeteilte Vergütungssystem von Beamten, Angestellten und Arbeitern, nicht EU-konform und verstößt gegen das Gebot, dass für alle die gleichen Bewertungsmaßstäbe angewendet werden. So dürfen nach herkömmlichen Verständnis die im Allgemeinen Teil vorhandenen und definierten Tätigkeitsmerkmale, trotz möglicher Vergleichbarkeit, nicht auf den Besonderen Teil angewendet werden - eine Tatsache, die sich nachteilig auf die dort geregelten Dienstleistungen auswirkt. Mangelnde Transparenz, fehlende Tätigkeitsmerkmale und unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe, bedingt durch das angewandte summarische Verfahren, stehen dabei allesamt im Widerspruch zu den nach EU-Recht geforderten, durchschaubaren Tarifverträgen sowie gleichen Bewertungsmaßstäben, die den Charakteristika von Dienstleistungen entsprechen. Durch Verwendung der Analytik und von dienstleistungsadäquaten Merkmalen könnte dieser Widerspruch vermieden und so der europäischen und deutschen Rechtsnorm des gleichen Entgelts für gleichwertige Arbeit entsprochen werden.

Um die in Deutschland dominierende und auch im BAT verwendete summarische Arbeitsbewertung überprüfen zu können, bedienten sich Prof. Krell, Andrea Hilla-Carl und Anna Krehnke der in vielen europäischen Ländern angewandten analytischen Arbeitsbewertung. Das Ziel war es festzustellen, inwieweit ein anderes Verfahren, das die Charakteristika der Dienstleistungen präzise erfasst und an alle Tätigkeiten die gleichen Bewertungsmaßstäbe anlegt, eine dem BAT abweichende Bewertung ergibt.

Hierzu wurden in Hannover vier Vergleichspaare ausgewählt. Sie setzten sich aus jeweils einer frauen- und einer männerdominierten Tätigkeit zusammen. Die Vergleichsgruppen bestanden aus den folgenden Vergleichspaaren:

Frauendominierte Tätigkeiten vs. männerdominierte Tätigkeiten:

  • Diplom-Bibliothekar/in (FH) vs. Diplom-Ingenieur/in (FH)
  • Leitende/r med.-techn. Assistent/in vs. Gärtnermeister/in
  • Altenpfleger/in vs. Techniker/in
  • Küchenhilfe vs. Straßenreiniger/in

Die im Besonderen Teil des BAT fehlenden typischen Merkmale dieser Dienstleistungsberufe wurden mit Hilfe des ABAKABA (Analytische Bewertung von Arbeitstätigkeit nach Katz und Baitsch) bewertet. Das ABAKABA-Verfahren wird seit Jahren erfolgreich in der Schweiz angewandt und findet auch in anderen europäischen Ländern zunehmend Beachtung. Es ist ein für alle Beschäftigtengruppen einheitliches analytisches Verfahren, dessen Merkmale den Charakteristika von Dienstleistungsarbeit gerecht werden. Außerdem beinhaltet das Verfahren eine systematische Arbeitsanalyse. Im Gegensatz zu dem in Deutschland üblichen summarischen Verfahren wird jede Tätigkeit nach jedem Merkmal bewertet. Durch einen Vergleich der Bewertungen mittels ABAKABA und mittels BAT wurde festgestellt, dass sich bei drei von vier untersuchten Vergleichspaaren die Bewertungsrelation zu Gunsten der frauendominierten Tätigkeiten wandelte.

Das Ergebnis der Studie bestätigt den Verdacht, dass durch die Zweiteilung und den Mangel an adäquaten Beurteilungskriterien im BAT die EU-Norm, gleichwertige Tätigkeiten gleich zu vergüten, nicht erfüllt wird. Frauendominierte Tätigkeiten würden, wenn die vernachlässigten psycho-sozialen und physischen Bereiche berücksichtigt worden wären, in andere, meist höhere Tarifklassen eingestuft. Die Anwendung des EU-rechtskonformen ABAKABA-Verfahrens würde in Deutschland, so die Schlussfolgerung, zu einer Aufwertung von "Frauenarbeit" führen, von der übrigens auch die in den frauendominierten Berufen beschäftigten Männer profitieren würden. Frau Prof. Krells nächstes Ziel ist es, innerhalb der Gewerkschaften, aber auch gegenüber den Arbeitgeberverbänden, deutlich zu machen, dass nur ein entsprechend ausgestaltetes analytisches Verfahren EU-rechtskonform ist.

von Kajetan Tadrowski


Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Prof. Dr. Gertraude Krell, Institut für Management der Freien Universität Berlin, Boltzmannstr. 20, 14195 Berlin, Tel: 030 / 838-52132, Fax: 030 / 838-56810, E-Mail: krellg@wiwiss.fu-berlin.de

Literatur:
- Gertraude Krell / Andrea Hilla Carl / Anna Krehnke (2001): Diskriminierungsfreie Bewertung von (Dienstleistungs-) Arbeit. Ein Projekt im Auftrag der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, Stuttgart 2001.
- Regine Winter unter Mitarbeit von Gertraude Krell (1997): Aufwertung von Frauentätigkeiten. Ein Gutachten im Auftrag der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, Stuttgart 1997.
Die Veröffentlichungen sind bei der ÖTV- bzw. VER.DI-Hauptverwaltung erhältlich.

Ilka Seer | idw

Weitere Berichte zu: BAT

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht Wie Blockchain die Finanzwelt verändert
28.09.2016 | HHL Leipzig Graduate School of Management

nachricht IAB-Arbeitsmarktbarometer: weiterhin positiver Ausblick
27.09.2016 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Der perfekte Sonnensturm

Ein geomagnetischer Sturm hat sich als Glücksfall für die Wissenschaft erwiesen. Jahrzehnte rätselte die Forschung, wie hoch energetische Partikel, die auf die Magnetosphäre der Erde treffen, wieder verschwinden. Jetzt hat Yuri Shprits vom Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ und der Universität Potsdam mit einem internationalen Team eine Erklärung gefunden: Entscheidend für den Verlust an Teilchen ist, wie schnell die Partikel sind. Shprits: „Das hilft uns auch, Prozesse auf der Sonne, auf anderen Planeten und sogar in fernen Galaxien zu verstehen.“ Er fügt hinzu: „Die Studie wird uns überdies helfen, das ‚Weltraumwetter‘ besser vorherzusagen und damit wertvolle Satelliten zu schützen.“

Ein geomagnetischer Sturm am 17. Januar 2013 hat sich als Glücksfall für die Wissenschaft erwiesen. Der Sonnensturm ermöglichte einzigartige Beobachtungen, die...

Im Focus: New welding process joins dissimilar sheets better

Friction stir welding is a still-young and thus often unfamiliar pressure welding process for joining flat components and semi-finished components made of light metals.
Scientists at the University of Stuttgart have now developed two new process variants that will considerably expand the areas of application for friction stir welding.
Technologie-Lizenz-Büro (TLB) GmbH supports the University of Stuttgart in patenting and marketing its innovations.

Friction stir welding is a still-young and thus often unfamiliar pressure welding process for joining flat components and semi-finished components made of...

Im Focus: Neuer Schalter entscheidet zwischen Reparatur und Zelltod

Eine der wichtigsten Entscheidungen, die eine Zelle zu treffen hat, ist eine Frage von Leben und Tod: kann ein Schaden repariert werden oder ist es sinnvoller zellulären Selbstmord zu begehen um weitere Schädigung zu verhindern? In einer Kaskade eines bisher wenig verstandenen Signalweges konnten Forscher des Exzellenzclusters für Alternsforschung CECAD an der Universität zu Köln ein Protein identifizieren (UFD-2), das eine Schlüsselrolle in dem Prozess einnimmt. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature Structural & Molecular Biology veröffentlicht.

Die genetische Information einer jeden Zelle liegt in ihrer Sequenz der DNA-Doppelhelix. Doppelstrangbrüche der DNA, die durch Strahlung hervorgerufen werden...

Im Focus: Forscher entwickeln quantenphotonischen Schaltkreis mit elektrischer Lichtquelle

Optische Quantenrechner könnten die Computertechnologie revolutionieren. Forschern um Wolfram Pernice von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster sowie Ralph Krupke, Manfred Kappes und Carsten Rockstuhl vom Karlsruher Institut für Technologie ist es nun gelungen, einen quantenoptischen Versuchsaufbau auf einem Chip zu platzieren. Damit haben sie eine Voraussetzung erfüllt, um photonische Schaltkreise für optische Quantencomputer nutzbar machen zu können.

Ob für eine abhörsichere Datenverschlüsselung, die ultraschnelle Berechnung riesiger Datenmengen oder die sogenannte Quantensimulation, mit der hochkomplexe...

Im Focus: First quantum photonic circuit with electrically driven light source

Optical quantum computers can revolutionize computer technology. A team of researchers led by scientists from Münster University and KIT now succeeded in putting a quantum optical experimental set-up onto a chip. In doing so, they have met one of the requirements for making it possible to use photonic circuits for optical quantum computers.

Optical quantum computers are what people are pinning their hopes on for tomorrow’s computer technology – whether for tap-proof data encryption, ultrafast...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

EEHE 2017 – Strom statt Benzin. Experten diskutieren die Umsetzung neuester Fahrzeugkonzepte. Call vor Papers endet am 31.10.2016!

28.09.2016 | Veranstaltungen

Folgenschwere Luftverschmutzung: Forum zur Chemie der Atmosphäre

28.09.2016 | Veranstaltungen

European Health Forum Gastein 2016 beginnt

28.09.2016 | Veranstaltungen

 
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

EEHE 2017 – Strom statt Benzin. Experten diskutieren die Umsetzung neuester Fahrzeugkonzepte. Call vor Papers endet am 31.10.2016!

28.09.2016 | Veranstaltungsnachrichten

Wie Blockchain die Finanzwelt verändert

28.09.2016 | Wirtschaft Finanzen

Neue Plasmaanlage - Präzise und hoch entwickelte Chips

28.09.2016 | Physik Astronomie