Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Geschäftsberichte: "Im Idealfall so spannend wie ein Krimi"

23.08.2001


Geschäftsberichte galten als trocken, bürokratisch und bieder. In den letzten Jahren sind sie jedoch zu einem wichtigen Instrument des Aktienmarketings geworden. Nicht zuletzt durch die veränderte Sprache.
"Die Sprache eines Unternehmens lässt zuverlässige Rückschlüsse auf dessen Geist zu." Für Prof. Dr. Rudi Keller vom Germanistischen Seminar steht fest: Ein guter Geschäftsbericht ist ein Gesamtkunstwerk aus Inhalt, Optik und Formulierung, "er kann sich im Idealfall so spannend lesen wie ein Krimi." Seit sechs Jahren beschäftigt sich der Düsseldorfer Sprachwissenschaftler professionell mit Firmenbilanzen.
Angefangen hatte es mit einem semantischen Gutachten für eine Werbeagentur, ein Zufallskontakt. Es folgten Vorträge zur Sprache von Geschäftsberichten, schließlich die Anfrage des "Manager Magazins", an einem Ranking mitzuarbeiten. Die ersten Erfahrungen des Düsseldorfer Wissenschaftlers: "Katastrophal! Wie kann sich ein Unternehmen zukunftsorientiert präsentieren, wenn es die Sprache des Einwohnermeldeamtes spricht?"
Rudi Keller entwickelte eine ausgefeilte Checkliste, (u.a. Rechtschreibung, Morphologie, Lexik, Syntax, Stil, Leserorientierung, Textlogik, Textstruktur, Textorganisation), mit der seither in jedem Jahr ca. 150 Firmenbilanzen untersucht werden. Fest steht: Die meisten Unternehmensberichte haben sich sprachlich deutlich verbessert. Ein großer Energiekonzern nahm seine miserable Bewertung zum Anlass, ein eigenes Spezialteam für die gedruckte Bilanz zu bilden ("Wir wollen das Ranking gewinnen!").
Für viele ein Problem: Geschäftsberichte stehen in der Tradition des Protokolls. Sie waren meist zwar faktenreich, aber trocken und bürokratisch formuliert. Prof. Keller: "Die Firmen haben nicht damit gerechnet, dass es Leser gibt." Das ist nun anders geworden, "Kommunikation" lautet das Zauberwort. Der Wert der Aktie ist heute davon bestimmt, wie das Unternehmen in der Finanzwelt "wahrgenommen" wird; zwischen 30 und 40 Prozent der Börsenbewertung sind schlichtweg kommunikationsabhängig. So wurde der Geschäftsbericht zu einem wichtigen Marketing-Instrument. Prof. Keller: "Er wird heute nicht mehr nur für diejenigen geschrieben, die ohnehin gezwungen sind, ihn zu lesen, sondern er soll alle potentiellen Anleger und alle Menschen, die in irgendeiner Form mit dem Unternehmen verbunden sind, zur Lektüre anregen. Mit anderen Worten: Der Geschäftsbericht soll nicht mehr nur gelesen werden müssen, - er soll gelesen werden wollen!"
Wesentlich sind für den Düsseldorfer Sprachwissenschaftler auch emotionale Botschaften, der "human touch". "Geschäftsberichte müssen erzählender werden, sie müssen personalisieren und eine menschliche Komponente haben. Es geht ja nicht um die Vertextung von Zahlen. Man muss spüren, dass da Menschen hinter stehen. Man muss Geschichten erzählen, - hinter jeder Umsatzentwicklung steckt ja eine Geschichte! Nichts eignet sich zum Beispiel so gut zur Profilbildung wie Krisen! Die Krise bietet die ideale Chance zur Vertrauensbildung." Und vor allem muss die Sprache eingängig sein. Ein Kardinalfehler ist und bleibt die mangelnde Verständlichkeit für Branchenfremde; ein potentieller Aktienkäufer kann sich nicht in Fachterminologien einarbeiten.
Mittlerweile haben die Firmen erkannt, welche Rolle der Geschäftsbericht und seine Sprache spielen. Eine große deutsche Bank lässt sich ihre gedruckte Bilanz in 50.000er Auflage zwei Millionen Mark kosten. Prof. Keller: "Natürlich gibt es auch hier und da Diskrepanzen zwischen üppigem Layout und staubtrockenen Texten. Das sind dann klassische Fehlinvestitionen." Fazit des Germanisten, der im Jahr bis zu 30 Gutachten zur Sprache von Firmenbilanzen erstellt: "Der Geschäftsbericht ist die Königsdisziplin der Unternehmenskommunikation."

Informationen:
Kontakt: Prof. Dr. Rudi Keller, Tel. 0211-81-12945;
E-Mail: keller@phil-fak.uni-duesseldorf.de

Dr. Victoria Stachowicz | idw
Weitere Informationen:
http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/spragebe/

Weitere Berichte zu: Firmenbilanz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht Online-Quickcheck »Frugal Innovation Index« macht Unternehmen fit für Entry-Level Produkte
19.04.2017 | Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

nachricht Innovationskraft stärken – IAT untersuchte öffentliche und private Innovationsaktivitäten in NRW
12.04.2017 | Institut Arbeit und Technik

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten