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Standorte im Wettbewerb: Karriere als Ingenieur für Produktionstechnik und Produktionswirtschaft

24.06.2005


Angesichts der industriellen Globalisierung sollten Studierende schon bei der Ortswahl ihrer Praxissemester die Standortfrage beachten. Mit diesem Kernsatz begrüßte Professor Dr. Achim Bubenzer, Rektor der Fachhochschule Ulm (FHU), die gut 200 Gäste, die der Einladung der Fakultät Produktionstechnik und Produktionswirtschaft zum 9. Produktions-technischen Kolloquium gefolgt waren. Wie der Dekan der Fakultät, Professor Dr.-Ing. Norbert Rohbeck, hervorhob, hatte sich die Problematik der Standortmobilität als Generalthema aus der vorjährigen Veranstaltung ergeben.



Inzwischen verlegt man nicht nur Produktionskapazität ins Ausland, sondern man holt sie auch wieder zurück. Mit solchen Vorgängen ist die Entsendung von Personal verbunden, was eine gewisse Mobilität der Mitarbeiter verlangt. Da eine persönliche Veränderung auch mit einem Schritt in Richtung Karriere verbunden sein soll, wollte man von den Referenten wissen, welche Chancen sich bei "einer Standortmobilität bieten" oder welche Tücken zu beachten sind, damit eine möglichst langfristige Entwicklungsrichtung den Studierenden beim Start in das Berufsleben mitgegeben werden kann.



Das Geislinger Unternehmen WMF beispielsweise sah sich aufgrund der Marktsituation für Haushalts-Konsumgüter und des damit verbundenen Kostendrucks aus dem asiatischen Raum nahezu gezwungen, Teile seiner Produktion nach Fernost zu verlegen. Wie Dr. Rudolf Wieser, Mitglied des WMF-Vorstands, erläuterte, seien Haushaltsprodukte durch Funktion, Design und Qualität gekennzeichnet, so dass es unwichtig sei, in welchem Land sie hergestellt würden. Wichtig sei jedoch ein effizientes Supply Chain Management und die Optimierung der gesamten Prozesskette in Hinblick auf Beschaffungsstrategie und -struktur. Der Lohnkostenvergleich zwischen Deutschland und China sowie die Kostenanalyse nach Warengruppen hatte eine eindeutige Sprache bezüglich der Standortfaktoren gesprochen, so dass WMF im Jahr 2000 eine neue strategische Ausrichtung mit einer Drei-Säulen-Strategie umzusetzen begann: Geislingen, Heshan/China und Fremdbezug.

Der Aufbau der Produktion in Heshan/China war mit dem Abbau der Produktion in Singapur verbunden und in knapp drei Jahren vollzogen. Die chinesische Niederlassung hat eine Produktionsfläche von einem Hektar und stellt mit ca. 350 Beschäftigte pro Jahr 3,5 Millionen Stück Fräswaren und 2,5 Mio. Stück Hohlheftmesser her. Wieser zufolge ist bei einfachen Artikeln mit einem hohen Anteil an Handarbeit eine Verlagerung der Produktion in den asiatischen Raum unausweichlich und sie gelingt in hinreichender Qualität, wenn man den richtigen fernöstlichen Partner wählt. Die Produktion von Konsumgütern am Standort Deutschland ist nur noch sinnvoll, um Produkte strategisch abzusichern sowie bei einem Lohnkostenanteil von unter 25 Prozent. Folglich muss sich der Ingenieur von heute flexibel auf neue internationale Chancen, Mentalitäten und Sprachen einstellen können.

Dass nicht nur Standortverlagerungen, sondern auch die Wandlung von Arbeitsplätzen den Ingenieuren Mobilität abverlangen werden, zeigte Dipl.-Ing. (FH) Markus Jurditsch, Geschäftsführer von SWJ-Engineering, Griesheim, auf. Hierzu wählte er ein Fahrzeugmodul für einen in Deutschland produzierten PKW für das die komplette Neuentwicklung einer automatisierten Fertigungszelle zur Kostenminimierung bei gleichzeitig hoher Produktionssicherheit und -qualität notwendig war. Verbunden war damit aber auch ein Wandel von der Ein-Produkt-Anlage zur Mehr-Produkt-Anlage, sowie die gemeinsame Nutzung von kostenintensiven Einrichtungen für verschiedene Produkte wie für verschiedene Modelle. Seiner Ansicht nach werden Produktionsanlagen für die Automobilindustrie im Jahr 2008 völlig anders aussehen als heute.

"China ist ein Land der Superlative, mit 56 Nationalitäten, einer eigenständigen Sprache und ein Land mit liebevollen Leuten", stellte Professor Dr. Peter Lachmann, Fachhochschule Ulm, zu Beginn seiner Ausführungen über möglich Firmenstrategien für Produktionsverlagerungen nach China fest. Wer nach China entsandt ist, sollte sich nicht mit Schrift und Sprache auseinandersetzen, sondern auch auf die Menschen vorbereiten. Bedingt durch eine andere Kultur und Landesentwicklung gibt es in China andere Probleme im menschlichen Zusammenleben als in Europa. So zeigte Lachmann zum Beispiel, dass die Pflege der "alten" Menschen eine Aufgabe der männlichen Erben ist, dass die chinesischen Bevölkerung statistisch überaltert, dass das Nahrungsmittel Reis durch die Nudel längst abgelöst und das 20 Prozent der Weltbevölkerung Chinesen sind, die aber nur 7 Prozent ackerbautaugliches Land besitzen. Dass die Auseinandersetzung mit China lohnenswert ist, wurde durch ein Sprichwort untermauert: "Die Menschen sind sich von Natur aus nahe, durch ihr Handeln entfernen sie sich voneinander".

Aus seiner eigenen persönlichen Perspektive schilderte Professor Dr.-Ing. Volkmar Schuler. Fachhochschule Ulm, als Ingenieur im weltweiten Einsatz. Voraussetzung für den persönlichen Gewinn seien Freude an der fremden Sprache, Neugier und Reisefreudigkeit, aber auch die guten Beziehung zum "Mutterhaus", der vor allem bei der Rückkehr wichtig wird. Wer länger als ein Jahr im Ausland arbeitete, muss nach seiner Rückkehr den "heimatlichen" Arbeitsplatz neu erwerben. Neben der verbesserten Sprachkompetenz sind für jeden an einem Auslandsaufenthalt Interessierten soziale Fragen von Bedeutung. Nach Ansicht Schulers sollte die erste Stelle nicht im Ausland angetreten werden. Auslandserfahrung werde zwar geschätzt, aber oftmals nicht entsprechend honoriert.

Studierende, die ihr Praxissemester an einem Unternehmensstandort im Ausland absolvierten, referierten anschließend über ihre eigenen Erfahrungen. So stellte Christoph Herre, der bei einem großen Automobilhersteller in Südafrika war, fest, dass deutsche Mitarbeiter dort sehr angesehen sind und "die Meinung der Deutschen" gefragt ist. Die Organisation sei nach Quoten in jeder Hierarchiestufe festgelegt. Der technische Stand sei niedriger als in Deutschland, die Produktionsmethoden seien aus Deutschland und Japan übernommen worden. Sein Kommilitone Gregor Grolik arbeitete in einem polnischen Werk eines Automobilzulieferers für passive Sicherheitsteile. Es hatte vor sechs Jahren noch komplett in England gestanden und war bedingt durch Kostenvorteile nach Polen verlegt worden. Dort wird eine gemischte Montage durchgeführt, vollautomatisch und manuell, mit sehr guter EDV-Ausstattung. Beeindruckend sei die Arbeitsmotivation, mit häufig 40 Stundenwoche und Überzeiten an Samstagen. Martin Salzmann verbrachte sein Praxissemester im Verbindungsbüro eines großen deutschen Automobilherstellers in Peking/China. Das Arbeiten sei nicht einfach, da es häufig zu großen Verständigungsproblemen käme - trotz Übersetzer. Der "fremde Kulturkreis" erforderte ein anderes Arbeiten als in Europa. Gearbeitet wird nach Vorschriften, es herrscht eine hohe Fluktuation und eine hierarchische Unternehmenskultur. Das gemeinsame Fazit der drei studentischen Referenten war jedoch eindeutig: Die eigene Lebenseinstellung hat sich positiv verändert und die emotionale Unsicherheit beim Start in das fremde Land ist inzwischen einer optimistischen Grundhaltung für das Arbeiten im Ausland gewichen.

Ansprechpartner: Professor Dr.-Ing. Norbert Rohbeck, Fon 07 31/50-2 82 40, E-mail: rohbeck@fh-ulm.de

Dr. Ingrid Horn | idw
Weitere Informationen:
http://www.fh-ulm.de

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