Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Arbeit durch dezentrale Produktion

07.12.2004


Bonner Expertenrunde diskutierte über Thesen von US-Professor Frithjof Bergmann



"Bye-bye Made in Germany - Deutschland verliert seinen industriellen Kern" lautete der provokative Titel des zweiten Bonner Kamingesprächs des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) und dem Wirtschaftsmagazin Criticón. US-Professor Frithjof Bergmann stellte sein Modell für eine neue Wirtschaftskultur vor. Seine zentrale These: Mit ein bisschen mehr Arbeit, Bildung und Innovation die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen, gleicht dem Versuch, mit einer Tasse Wasser einen Waldbrand zu löschen.

Bergmann hat sich einst als Preisboxer, Hafenarbeiter und Bühnenautor durchgeschlagen. Mit 24 Jahren war er schon Professor in Princeton. Eine Karriere, wie sie wohl nur in den Vereinigten Staaten möglich ist. Für Gesprächsstoff sorgt sein Buch "Neue Arbeit, neue Kultur", das 2004 im Arbor Verlag in Würzburg erschienen ist. In Deutschland ist Bergmann noch nicht sehr bekannt. Das Wirtschaftsmagazin brand eins hatte allerdings mit einem großen Artikel auf den Mann aufmerksam gemacht, der jetzt in Ann Arbor Philosophie und Anthropologie lehrt. Bergmann ist der Überzeugung, durch mobile Fabriken und dezentrale Produktion die Arbeit neu zu verteilen. Eine Meinung, die nicht nur vor dem Hintergrund der jüngsten Alarmmeldungen der Bundesagentur für Arbeit auf großes Interesse der zahlreichen Zuhörer stieß.


Mit Frithjof Bergmann diskutierten Ralf Sürtenich und Julian Stech. Sürtenich ist Consultant der Düsseldorfer Beratungsgruppe insieme network und blickt auf eine zwanzigjährige Erfahrung als Berater in IT- und TK-Fragen zurück. Stech leitet das Wirtschaftsressort des Bonner General-Anzeigers. In der Einführungsrunde setzten sich die Fachleute mit der Frage auseinander, ob sich Politik und Medien in Deutschland nicht zu sehr auf die Mega-Konzerne konzentrierten. Ein Beispiel sei die Dax-30-Fixierung vieler Wirtschaftsjournalisten, die Mittelständler kaum wahrnehmen. I

Insbesondere Ralf Sürtenich nahm diesen Ball auf und beklagte die mangelnde Beweglichkeit vieler deutscher Großunternehmen. Doch noch radikaler fiel das Gegenmodell aus, das Bergmann entwarf. "Obwohl ich Professor der Philosophie bin, habe ich mich mein ganzes Leben über bemüht, etwas Sinnvolles zu tun", meinte der amerikanische Gast, der in Sachsen geboren ist und seine Kindheit in Österreich verbracht hat. Die gute alte Zeit der industriellen Massenproduktion und damit auch die Zeit der Großkonzerne sei vorbei oder gehe ihrem Ende entgegen. Die Tendenz gehe hin zu dezentraler Produktion. Selbst Großkonzerne, so Bergmann, hätten erkannt, dass es sinnvoll ist, bestimmte Produktionsabläufe und Dienstleistungen an kleine Anbieter auszugliedern.

Sürtenich übte eine harte Pauschalkritik an der deutschen "Unternehmenskultur". Toll Collect, das Desaster der Combino-Straßenbahn von Siemens und das Herkules-Projekt der Bundeswehr seien "Meilensteine" auf diesem Weg des Niedergangs. Sürtenichs Analyse: Deutsche Großunternehmen sind zu sehr auf Deutschland fixiert. Es mangelt insbesondere an der Internationalität der Eliten. Zudem gebe es zu wenig Risikobereitschaft bei deutschen Firmen und Banken. In Amerika sei das mit den so genannten Risikokapitalgesellschaften ganz anders. Wenn wir einen neuen Gründergeist verlangten, dann dürften nicht immer wieder Investitionen in neue Projekte, Produkte und Unternehmensgründungen mit dem Argument verwehrt werden, dass man die Folgen nicht abschätzen könne.

Julian Stech vom General-Anzeiger konnte der generellen Kritik an den deutschen Großunternehmen wenig abgewinnen. BASF sei doch ein Beispiel für den weltweiten Erfolge deutscher Mega-Konzerne. Und in Bonn täten Telekom und Post gute Arbeit. Hier stellte sich allerdings die Frage, ob Stech bei dieser Argumentation die Schattenseiten, nämlich die mangelnde Bereitschaft der beiden Giganten, Konkurrenz zuzulassen, bewusst ausblendete. Laut Stech profitierten gerade kleine und mittlere Unternehmen von der großen Konkurrenz, wenn sie es nur geschickt anstellten. Sürtenich wies jedoch darauf hin, dass dies für kleine Betriebe extrem schwierig sei. Die Wirtschaft dürfe keinen Moden hinterherlaufen, so die Meinung des General-Anzeiger-Redakteurs. Ein Beispiel sei die gescheiterte New Economy.

In einem Punkt waren sich fast alle einig: Ganz bodenständig, sozusagen vor der eigenen Haustür lasse sich in Deutschland bei der Servicekultur noch viel nachbessern. "Wir haben uns die Kunden so erzogen, dass sie gar keinen Service mehr erwarten", so der sarkastische Kommentar von Stech. Laut Bergmann könne man von einem wachsenden Dienstleistungssektor aber keine Wunder erwarten. Die Vorstellung, dadurch entstünden viele neue Arbeitsplätze, sei "lächerlich". Diese These trifft auf entscheidenden Widerspruch von Michael Müller, dem Geschäftsführer der a & o after sales & onsite services GmbH in Neuss, der sich im BVMW als Wirtschaftssenator engagiert. "Die Automatisierung wird auch bei Dienstleistungen kommen, aber wir haben in Deutschland noch ein großes Potenzial, um in der Dienstleistungsbranche neue Arbeitsplätze zu schaffen. In den USA arbeiten mehr als 80 Prozent aller Beschäftigten in Dienstleistungsberufen. Bei uns sind es weit unter 70 Prozent. In den USA sind das nicht nur Billig-Jobs. Da tragen die Leute den Kunden nicht nur Einkaufstüten an die Autos. Nein, gerade die Dienstleister in der amerikanischen Informationstechnologie haben in den vergangenen Jahren Hunderttausende sehr anspruchsvoller Arbeitsplätze geschaffen - auch wenn der Boom dort jetzt abebbt. Bei uns hat er noch nicht einmal richtig begonnen. Mein eigenes Unternehmen ist ein Beispiel dafür, wie man Chancen beherzt nutzen kann und mit intelligenten Dienstleistungen viele neue Jobs schafft", so der Kommentar des Neusser Unternehmers.

Gunnar Sohn | pressetext.austria
Weitere Informationen:
http://www.bvmwonline.de
http://www.criticon.de
http://www.brandeins.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht IAB-Arbeitsmarktbarometer: positiver Ausblick auf die kommenden Monate
27.02.2017 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index: Aufwärtstendenz setzt sich fort
21.02.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Poseidon goes Politics – Wer oder was regiert die Ozeane?

27.02.2017 | Veranstaltungen

Fachtagung Rapid Prototyping 2017 – Innovationen in Entwicklung und Produktion

27.02.2017 | Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Herz-Untersuchung: Kontrastmittel sparen mit dem Mini-Teilchenbeschleuniger

27.02.2017 | Medizintechnik

Neue Maßstäbe für eine bessere Wasserqualität in Europa

27.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wenn der Schmerz keine Worte findet - Künstliche Intelligenz zur automatisierten Schmerzerkennung

27.02.2017 | Medizintechnik