Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Niedrige Löhne - hohe Beschäftigung? Augsburger Studie bestätigt Zweifel

11.04.2001


... mehr zu:
»Lohnkosten »Produktionsanlage
Vernachlässigung der Innovationstätigkeit aufgrund mangelnden Lohndrucks gefährdet langfristig positive Beschäftigungsentwicklung -

Dass Lohnzurückhaltung seitens der Gewerkschaften wesentliche Voraussetzung erfolgreicher Beschäftigungspolitik sei, gilt dem ökonomischen Mainstream als Binsenweisheit. Als positives Beispiel wird gerne das niederländische "Poldermodell" angeführt. Wer, wie z. B. der Delfter Ökonom Alfred Kleinknecht, die langfristige Tragfähigkeit dieses Modells frühzeitig bezweifelte, galt als Außenseiter. Mittlerweile scheint allerdings nicht nur eine besorgniserregende volkswirtschaftliche Entwicklung in den Niederlanden solchen Außenseitern Recht zu geben. Eine jetzt am Augsburger Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre/Innovationsökonomik abgeschlossene Studie untermauert vielmehr auch in einem mathematischen Modell, dass die durch Lohnkostenmäßigung kurzfristig zu erzielende positive Beschäftigungsentwicklung mittel- und langfristig durch die negativen Auswirkungen einer komplementären Vernachlässigung der Innovationstätigkeit zunichte gemacht wird. Langfristig sind durch Lohnzurückhaltung negative Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation zu befürchten.

Die wirtschaftspolitische Situation in nahezu allen industrialisierten Volkswirtschaften ist seit nunmehr zwei Jahrzehnten durch eine andauernde Beschäftigungsproblematik gekennzeichnet. Dessen ungeachtet besteht innerhalb der wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion nach wie vor Uneinigkeit darüber, mit welchem wirtschaftspolitischen Instrumentarium der Beschäftigungskrise begegnet werden kann.

DIE ÜBLICHEN VERDÄCHTIGEN

Vom ökonomischen Mainstream werden die üblichen Verdächtigen wie technischer Fortschritt, Strukturwandel und Lohnkosten für ein unbefriedigendes Beschäftigungsniveau verantwortlich gemacht. Dementsprechend wird als positives Beispiel für eine erfolgreiche Beschäftigungspolitik gerne auf das sog. "Poldermodell" aus den Niederlanden verwiesen. In Holland konstituierte bereits 1982 der "Vertrag von Wassenaar" einen von den wichtigsten gesellschaftlichen Gruppen getragenen Kompromiss, dessen Kerninhalte Lohnzurückhaltung insbesondere von Seiten der Gewerkschaften und die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes - z. B. eine massive Ausdehnung von Teilzeitarbeitsplätzen etc. - sind.

FEHLENDE MODERNISIERUNGSMOTIVATION

In jüngster Zeit stellen allerdings besorgniserregende Entwicklungen in den Niederlanden gerade diesem "Poldermodell" kein gutes Zeugnis aus. Durch die Konzentration auf die Lohnkosten und deren nur weit unterhalb des Produktivitätswachstums liegende Zuwachsraten konnte einerseits zwar - in Zeiten, in denen andere Volkswirtschaften beinahe jährlich mit neuen Höchstständen in ihren Arbeitslosenquoten aufwarteten - kurzfristig neue Beschäftigung geschaffen werden. Auf der anderen Seite zeigt sich heute, dass die holländischen Unternehmen nur unzureichend in die Modernisierung ihrer Produktionsanlagen und -technologien investiert haben. Die holländischen Fabriken waren aufgrund der relativ niedrigeren Kosten über eine längere Zeit wirtschaftlich. Vor dem Hintergrund einer intensiven internationalen Verflechtung verschärft sich die daraus entstehende Problematik für die holländische Volkswirtschaft zusätzlich. So sind gerade Produktionsanlagen von multinationalen Konzernen in den Niederlanden durch die sich jetzt abzeichnende konjunkturelle Abschwächung von der Schließung bedroht. Während höhere Lohnkosten an anderen Standorten zu Rationalisierungs- und Verbesserungsinvestitionen geführt haben, wurden entsprechende Anstrengungen in Holland vernachlässigt. In der Konsequenz geraten die vergleichsweise älteren holländischen Produktionsstätten bei Auslastungsproblemen als erste in Schwierigkeiten.

Gerade der auch von der Mainstream-Ökonomik als Hauptursache für die anhaltende Arbeitslosigkeit identifizierte Strukturwandel zeichnet sich in der industrialisierten Welt vor allem durch einen Wandel hin zur wissensbasierten Gesellschaft aus. Neue Technologien sind der Motor für wirtschaftliche Dynamik und für jenes wirtschaftliche Wachstum, das als conditio sine qua non für einen zufriedenstellenden Beschäftigungsgrad gilt. Vor diesem Hintergrund drängen sich modifizierte Erklärungsansätze für das Problem einer niedrigen Beschäftigung auf, und dementsprechend kommen auch andere Lösungsansätze in den Blick.

INNOVATIONSDRUCK DURCH HÖHERE LOHNKOSTEN

Im Rahmen der auf Fragen des wirtschaftlichen Wandels und der technologischen Entwicklung konzentrierten Forschungen am Augsburger Lehrstuhl für Innovationsökonomik (Prof. Dr. Horst Hanusch) haben Bernd Ebersberger und Andreas Pyka mit der Studie "Innovation, Sectoral Employment and Wages" nun solch einen alternativen Erklärungsansatz formuliert, der in der Lage ist, auch langfristige Phänomene in die Analyse mit einzubeziehen. Dabei zeigt sich, dass Lohnkostenmäßigung in der kurzen Frist durchaus die von ihr erwartete positive Beschäftigungsentwicklung anstoßen kann; mittelfristig und auf lange Sicht wird dieser positive Effekt jedoch von den negativen Auswirkungen einer vernachlässigten Innovationstätigkeit gefährdet, wenn nicht sogar überkompensiert. Anders formuliert: Branchen, die nicht kurzfristig von Lohnzurückhaltung profitieren können, stehen unter einem erhöhten Druck, die höheren Kosten über innovative Produktionstechnologien und neue Produkte auszugleichen. Auf volkswirtschaftlicher Ebene wirkt sich diese Strategie in Form eines vergleichsweise höheren Beschäftigungswachstums aus.

Ebersberger und Pyka sind in der Lage, in einem mathematischen Modell jene Entwicklungen abzubilden, die Alfred Kleinknecht von der technischen Universität in Delft in seiner Kritik am sog. "Poldermodell" seit geraumer Zeit betont. Aufgrund seiner Skepsis gegenüber der Wirksamkeit dieses holländischen Modells wurde Kleinknecht über Jahre hinweg in eine Außenseiterrolle gedrängt. In Verbindung mit den jüngsten wirtschaftlichen Daten aus den Niederlanden lassen die Ergebnisse von Ebersberger und Pyka Kleinknechts Zurückhaltung gegenüber einer einseitig auf Lohnmäßigung focussierten Politik als durchaus gerechtfertigt erscheinen.

KONTAKT UND WEITERE INFORMATIONEN:

Bernd Ebersberger/Dr. Andreas Pyka, Lehrstuhl für Innovationsökonomik,
Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Augsburg, 86135 Augsburg,
Telefon 0821/598-4177 oder -4178, 
bernd.ebersberger@wiso.uni-augsburg.de
, andreas.pyka@wiso.uni-augsburg.de

Klaus P. Prem | idw

Weitere Berichte zu: Lohnkosten Produktionsanlage

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht Wert fest „im grünen Bereich“ - IMK-Konjunkturindikator: Rezessionsgefahr sinkt auf nur 5,1 Prozent
14.09.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht Konjunkturprognose: Deutsche Wirtschaft nähert sich der Hochkonjunktur
07.09.2017 | Institut für Weltwirtschaft (IfW)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: LaserTAB: Effizientere und präzisere Kontakte dank Roboter-Kollaboration

Auf der diesjährigen productronica in München stellt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT das Laser-Based Tape-Automated Bonding, kurz LaserTAB, vor: Die Aachener Experten zeigen, wie sich dank neuer Optik und Roboter-Unterstützung Batteriezellen und Leistungselektronik effizienter und präziser als bisher lasermikroschweißen lassen.

Auf eine geschickte Kombination von Roboter-Einsatz, Laserscanner mit selbstentwickelter neuer Optik und Prozessüberwachung setzt das Fraunhofer ILT aus Aachen.

Im Focus: LaserTAB: More efficient and precise contacts thanks to human-robot collaboration

At the productronica trade fair in Munich this November, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be presenting Laser-Based Tape-Automated Bonding, LaserTAB for short. The experts from Aachen will be demonstrating how new battery cells and power electronics can be micro-welded more efficiently and precisely than ever before thanks to new optics and robot support.

Fraunhofer ILT from Aachen relies on a clever combination of robotics and a laser scanner with new optics as well as process monitoring, which it has developed...

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Legionellen? Nein danke!

25.09.2017 | Veranstaltungen

Posterblitz und neue Planeten

25.09.2017 | Veranstaltungen

Hochschule Karlsruhe richtet internationale Konferenz mit Schwerpunkt Informatik aus

25.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Legionellen? Nein danke!

25.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Hochvolt-Lösungen für die nächste Fahrzeuggeneration!

25.09.2017 | Seminare Workshops

Seminar zum 3D-Drucken am Direct Manufacturing Center am

25.09.2017 | Seminare Workshops