Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kosten und Nutzen von Weiterbildung

15.09.2000


... mehr zu:
»Bildungswelt
Wer heute auf dem Arbeitsmarkt seine Chancen wahren will, wird von allen Seiten mit der Forderung nach "lebenslangem Lernen" konfrontiert. Und der Markt der Anbieter von beruflicher Weiterbildung boomt. Dennoch
verweigern sich erhebliche Teile der Erwerbsbevölkerung dieser Verhaltenserwartung, weil ihre subjektive Kosten-Nutzen-Bilanz gegen eine Teilnahme spricht. Das ist eines der zentralen Ergebnisse eines Forschungsprojekts zum Thema "Weiterbildungsabstinenz", das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde.

Das Projekt des ISO Institut zur Erforschung sozialer Chancen in Köln untersuchte Nicht-Teilnahme an beschäftigungsnaher Weiterbildung in ihren unterschiedlichen Formen zwischen Ausgrenzung, Desinteresse und Widerstand gegen Wandel. Um den Kontext der Adressaten der Weiterbildungsforderung zu erhellen, wurden sowohl die Strukturen von Beteiligung und Nicht-Beteiligung in Deutschland als auch regionale Strukturbedingungen und institutionelle Infrastruktur der den potentiellen Weiterbildungsteilnehmern näheren regionalen Umwelt nachgezeichnet. Sozio-biographische Interviews erschließen die subjektiven Begründungen von Kosten und Nutzen beruflicher Weiterbildung. In Gruppendiskussionen und einer Zukunftswerkstatt entwickelten Nichtteilnehmer und potentielle Nichtteilnehmer Alternativen wünschbarer erwerbsbezogener Weiterbildung, die schließlich mit regionalen Anbietern von Weiterbildung diskutiert wurden.

Das zentrale Ergebnis der Untersuchungen ist die unmissverständliche Bestätigung der Annahme, dass Teilnahme oder Nicht-Teilnahme an beschäftigungsnaher Weiterbildung Resultat von individuellen Kosten-Nutzen-Überlegungen ist. Die Frage nach dem Sinn einer Beteiligung, ihrer Kosten und des Nutzens im weitesten Sinne, deren Abwägung gegeneinander in der Bilanzierung beherrschten die biographischen Interviews. Der Sinn beschäftigungsnaher Weiterbildung muss individuell, vor dem Hintergrund der eigenen und auch der kollektiven Erfahrung nachvollzogen werden können. Als Kosten thematisierten die Interviewten den Einsatz an Lebensqualität bemerkenswert häufiger als den monetären Aufwand. Ein Nutzen als fremdbestimmt erlebter Weiterbildung war vor allem für die nicht nachvollziehbar, die Erfahrungswissen als wesentlichen Qualifikationsbestandteil ansehen.

Ein durchgängiges Phänomen in den Interviews ist die Betonung dieses Erfahrungslernens. Die Berichte über Anpassungen und selbst initiiertes Umlernen beeindrucken. Es besteht, so lässt sich resümieren, eine weit verbreitete, als selbstverständlich geltende Bereitschaft zu lernen - durchaus auch "lebenslang", nicht aber in formalisierten Veranstaltungen und um so unwilliger, je oktroyierter sie erscheinen; andererseits um so williger, je größer die Anschlussfähigkeit an die eigene Bildungs- und Erwerbsbiographie eingeschätzt wird. Dies führt schließlich zu einer eindeutigen Präferenz des Lernens im Arbeitsvollzug. Insofern erscheint die Bildungswiderstandsthese ebenso bestätigt (formalisierte Weiterbildungsveranstaltungen werden tendenziell negativ bilanziert und gemieden) wie verworfen (Weiterlernen geschieht alltäglich, allerdings anders als in traditionellen Kursen oder Seminaren - und dort ist dann auch Offenheit gegeben).

Weiterbildung wird von den Nicht-Teilnehmern also nicht per se in Frage gestellt, vielmehr werden vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen im Berufsleben dezidiert Funktionen reklamiert, die sie biographisch anschlussfähig machen würde. Möglicherweise werden die alltäglichen Lernprozesse innerhalb eines Erwerbslebens von den "Akteuren" des institutionalisierten Weiterbildungsgeschehens schlicht unterschätzt: In der erwachsenenpädagogischen Praxis, vor allem auch in deren politischer Rahmengestaltung, sind die bildungs- und berufsbiographischen Strategien der Nicht-Teilnehmer an Weiterbildungsveranstaltungen weitgehend blinde Flecken - in weiten Teilen fremde Bildungswelten. Diesen Titel trägt die abschließende Veröffentlichung des Projekts, in der die Ergebnisse präsentiert werden und ein bildungstheoretisches Resümee gezogen wird.


Axel Bolder und Wolfgang Hendrich: Fremde Bildungswelten. Alternative Strategien lebenslangen Lernens, Studien zur Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung, 18, Opladen: Leske + Budrich, 2000, ISBN 3-8100-2884-3, DM 48,-

Weitere Informationen finden Sie im WWW:

Renate Schneider |

Weitere Berichte zu: Bildungswelt

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht Der Dauerläufer: Starke Binnennachfrage macht diesen Aufschwung robuster als seine Vorgänger
17.10.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht Positiv für die Volkswirtschaft: Die Zahl der Betriebsgründungen von Hauptniederlassungen steigt weiter
12.10.2017 | Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise