Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Umfassende Studie zur wirtschaftlichen Relevanz der Software-Industrie in Deutschland

22.01.2001


Über 20 000 Unternehmen in Deutschland entwickeln Software / Jährliche Wertschöpfung von mindestens 50 Mrd. DM / Wissenschaftler sprechen sich für eine Erneuerung des Ausbildungssystems aus

Eine bessere Durchdringung vieler Studiengänge mit medien- und informationstechnischem Anwendungswissen fordert das Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung ISI, Karlsruhe. Gemeinsam mit der GfK Marktforschung GmbH, Nürnberg, und dem Fraunhofer IESE, Kaiserslautern, untersuchte die Projektgemeinschaft für das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Softwareentwicklung in Deutschland. Die Forscher analysierten dabei sowohl die Primärbranche, also Softwarehersteller, Dienstleister der Informationstechnik und Hersteller von Datenverarbeitungsgeräten, als auch Sekundärbranchen, die von der Softwaretechnik stark beeinflusst werden, wie der Maschinen- und Fahrzeugbau, die Elektrotechnik, die Telekommunikation sowie Finanzdienstleistungsunternehmen.

Nach Berechnungen der Autoren entwickeln derzeit über 20 000 Unternehmen in Deutschland Software oder passen diese an Unternehmensbedürfnisse an. Mittlerweile ist in vielen Branchen ein überwiegender Teil des Umsatzes unmittelbar vom Einsatz von Computern abhängig. Beispielsweise steuern Programme heute in der Automobilindustrie nahezu alle Produktionsabläufe. Ohne Software könnten Autos weder hergestellt noch vertrieben werden. Selbst im Auto "regiert" Kollege Computer, sei es bei der Motorregelung oder bei diversen Kontrollanzeigen.

Die Unternehmen der softwareintensiven Branchen beschäftigen nach Schätzung der Forscher derzeit rund 2,8 Millionen Erwerbstätige - 300 000 in der Primärbranche und 2,5 Millionen in den Sekundärbranchen. Davon sind in der Primärbranche über 120 000 Personen explizit mit der Entwicklung oder Anpassung von Software betraut und gut 55 000 Menschen in der Sekundärbranche. Diese 175 000 Beschäftigten erzielen jährlich eine Wertschöpfung von mindestens 50 Mrd. DM.

Während die Struktur der Primärbranche überwiegend durch kleine Unternehmen mit oftmals weniger als zehn Mitarbeitern geprägt ist, findet die Softwareentwicklung und -anpassung in den Sekundärbranchen eher in mittleren und größeren Firmen statt.

Die Primärbranche ist durch junge Unternehmen gekennzeichnet; rund zwei Drittel der Firmen wurden nach 1990 gegründet. Existenzgründungen entstehen aus Universitäten, Forschungseinrichtungen und Unternehmen, aber auch dadurch, dass etablierte Firmen neue, innovative Produkte entwickeln und diese in Ausgründungen vermarkten. In den Sekundärbranchen spiegelt sich die traditionelle Stärke der deutschen Wirtschaft wider. Angepasste Softwarelösungen tragen vielfach dazu bei, dass Unternehmen dieser Branchen ihre Weltmarktführerschaft ausbauen können.

Doch konstatieren die Autoren ein starkes Defizit an qualifizierten Fachkräften. Der in der Befragung ermittelte Bedarf von 28 000 Softwareentwicklern zur sofortigen Einstellung bzw. 55 000 Softwareentwicklern zur Einstellung in den nächsten Monaten ist noch sehr konservativ geschätzt. Die Forscher erwarten einen weiterhin stark steigenden Personalbedarf. Sie gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2005 der Personalbestand von heute gut 175 000 Mitarbeitern auf schätzungsweise 385 000 ansteigt. Dieser Bedarf an hochqualifizierten Mitarbeitern kann nach Ansicht der Wissenschaftler nicht durch die Standardausbildungsgänge der Hochschulen gedeckt werden.

Ferner erfordert die Professionalisierung der Softwareentwicklung ein klares Rollenbild und darauf abgestimmte Qualifikationen. Vielfach bemängeln die rund 1000 befragten Unternehmen eine fehlende Anwendungsorientierung der universitären Studiengänge. Die gegenwärtige Ausbildung konzentriert sich zu stark auf die Fähigkeit, Software neu zu entwickeln, anstatt sich mit Standardkomponenten auseinander zu setzen, um daraus neue Systeme und Lösungen zu kreieren. Darüber hinaus wird in der Softwareentwicklung zu wenig zwischen anspruchsvollen Ingenieurstätigkeiten wie Anforderungsanalyse oder Systementwurf und einfachen technischen Tätigkeiten wie Programmierung oder Komponententesten unterschieden. Dies hat zur Folge, dass hochqualifizierte Informatiker nicht adäquat eingesetzt werden und sich dann unterfordert fühlen.

Die Wissenschaftler sprechen sich daher für eine generelle Erneuerung des deutschen Aus- und Weiterbildungssystems aus. Dabei sollten die Internationalisierung der Lehre, eine Aktualisierung der Bildungsinhalte, Interdisziplinarität sowie der Praxisbezug im Mittelpunkt stehen.

Dennoch bestehen nach übereinstimmender Einschätzung der Experten in Deutschland die Voraussetzungen für eine günstige Entwicklung in den Sekundärbranchen sowie für ein Wachstum in der Primärbranche. Um innovative Techniken in den Unternehmen zu erschließen, sind nach Meinung der Befragten weniger finanzielle Zuwendungen erforderlich als vielmehr bessere Rahmenbedingungen etwa zur Qualifizierung des Nachwuchses.

Die befragten Experten beantworteten schließlich die Frage nach "marktnaher Forschung" oder "Grundlagenforschung" mit einem entschiedenen "Beides!". Nur die gleichzeitige Verfolgung von Grundlagen- und angewandter Forschung verspricht auf Dauer Erfolg. Dabei sollte Deutschland, dessen Stärke das produzierende Gewerbe mit starker Orientierung auf Einzel- statt Massenproduktion ist, sich besonders auf Anwendungsfelder konzentrieren wie "Embedded Software", die beispielsweise in der Automobil- und Mobilfunkindustrie benötigt wird, sowie auf Software zur Unterstützung von Dienstleistungen, zum Beispiel für die öffentliche Verwaltung, im Gesundheitswesen, in der Planung und Logistik sowie für Verkehrsleitsysteme.

Das Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung ISI erweitert das naturwissenschaftlich-technisch orientierte Fachspektrum der Fraunhofer-Gesellschaft um wirtschafts- und gesellschaftspolitische Aspekte. Dazu analysiert es technische Entwicklungen sowie deren Marktpotenziale und Auswirkungen auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft. Die interdisziplinär zusammengesetzten Teams des Instituts konzentrieren sich insbesondere auf die Bereiche Energie, Umwelt, Produktion, Kommunikation und Biotechnologie sowie auf die Regionalforschung und Innovationspolitik.

Die Studie "Analyse und Evaluation der Softwareentwicklung in Deutschland" kann als pdf-Datei (4,3 MB) aus dem Internet bezogen werden unter: http://www.dlr.de/IT/IV/Studien/evasoft_abschlussbericht.pdf

Weitere Informationen finden Sie im WWW:

Dipl.-Phys. Gerhard Samulat | idw

Weitere Berichte zu: ISI Primärbranche Software-Industrie Softwareentwicklung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht Wert fest „im grünen Bereich“ - IMK-Konjunkturindikator: Rezessionsgefahr sinkt auf nur 5,1 Prozent
14.09.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht Konjunkturprognose: Deutsche Wirtschaft nähert sich der Hochkonjunktur
07.09.2017 | Institut für Weltwirtschaft (IfW)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie