Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Entrepreneur und Stammesführer - Ein naturalistischer Ansatz zur Theorie der Firma

10.06.2008
Die Mehrzahl der Beiträge zur "Theorie der Firma" in der Ökonomik basiert auf der Annahme mehr oder weniger rationaler, von Eigeninteressen geleiteter, autonomer Individuen.

Diese Betrachtungsweise erklärt allerdings nicht, warum viele Menschen sich jenseits von persönlichen Interessen und über vertragliche Vereinbarungen hinaus, für die Ziele eines Unternehmens oder ihrer Organisation engagieren. Gewinnstreben und materielle Anreize sind ganz offensichtlich nicht die einzigen Determinanten für den Erfolg eines Unternehmens.

Welche Bedeutung die - in der Natur einzigartige - menschliche Neigung zur Kooperation, die Übertragung und Weiterentwicklung kultureller Inhalte durch Prozesse sozialen Lernens und der Entrepreneur in Firmenkulturen sowie bezüglich des Funktionierens von Firmen haben, untersuchen Christian Cordes vom Jenaer Max-Planck-Institut für Ökonomik und seine Co-Autoren P. Richerson, R. McElreath und P. Strimling von der University of California in einem jetzt veröffentlichten Beitrag.* Ihre Herangehensweise basiert auf einem naturalistischen Ansatz, der Erkenntnisse aus anderen Disziplinen, wie zum Beispiel der Psychologie, der Anthropologie oder der Evolutionsbiologie, heranzieht. Dabei kommen außerdem mathematische Methoden zur Abbildung kulturellen Lernens in Gruppen zum Einsatz.

Firmen, so die zentrale Hypothese von Cordes et al., existieren auch deshalb, weil sie einen geeigneten Rahmen bieten, ein Kooperationsregime in der Firma zu etablieren, das auf evolvierten pro-sozialen Dispositionen menschlicher Akteure beruht, etwa der Neigung, in Gruppen kooperatives Verhalten zu zeigen. Solche kognitiven Dimensionen werden in den traditionellen Theorien der Firma kaum betrachtet. Während der Entwicklungsgeschichte der Menschheit hingen Erfolg und Überleben immer auch von der Fähigkeit zur Kooperation in Gruppen ab; deshalb, so die Autoren, ist die Neigung zur Kooperation über einen Prozess genetisch-kultureller Ko-Evolution fest in den Genen verankert.

... mehr zu:
»Entrepreneur »Firmenkultur »Gen

Komplexe Gesellschaften wie die unsere gibt es jedoch erst seit ca. 5000 Jahren. Zu kurz, um in den Genen Niederschlag zu finden. In modernen Unternehmen arbeiten Menschen mit den gleichen Prädispositionen und der gleichen Sozialpsychologie, wie in den Stammesgesellschaften unserer Vorfahren.

Darüber hinaus wird in dem Beitrag die Rolle des Entrepreneurs in der Sozialisierung und der Implementierung geteilter kognitiver Interpretationsrahmen unter den Angestellten einer Firma beleuchtet. Der Entrepreneur - oder eine andere leitende Persönlichkeit in einem Unternehmen - stellt mit seinem Geschäftskonzept einen kognitiven Bezugsrahmen bereit, der von den Angestellten des Unternehmens adaptiert werden kann. Die darüber entstehende kognitive Kohärenz innerhalb der Gruppe stärkt den Zusammenhalt und die Identifikation mit dem Unternehmen und prägt die Firmenkultur. Zum anderen bietet sich der Entrepreneur oder Manager als prominentes Rollenmodell für soziales Lernen an.

Ein formales Modell evolvierender Firmenkulturen liefert dann einige interessante Einsichten: mit wachsender Gruppengröße sinkt der Einfluss des Entrepreneurs im Sozialisierungsprozess und damit das Niveau kooperativen Verhaltens in der Firma - oft eine kognitive Beschränkung des Firmenwachstums. Zusätzlich wird eine Implikation bezüglich der Firmengröße abgeleitet. Das Modell zeigt, dass bei hohen potenziellen Kosten, die aus opportunistischem Verhalten resultieren, Firmen klein beleiben, und so ein hohes Kooperationsniveau innerhalb der Firma ermöglichen. Dies mag ein Grund sein, warum etwa Unternehmen, die von selbständig und eigenverantwortlich arbeitenden Experten abhängen, geringe Größen aufweisen; opportunistisches Verhalten wäre in diesem Kontext außerordentlich kostspielig.

"Wir haben kein Problem mit dem Opportunitätsprinzip", sagt Christian Cordes. "Aber darüber hinaus gibt es zweifellos weitere Triebkräfte, die das Verhalten von Menschen in Firmen und anderen Organisationen beeinflussen. Mit unserem naturalistischen Ansatz möchten wir dazu beitragen, die Verhaltensmodelle, die in diesen Zusammenhängen zum Einsatz kommen, zu erweitern".

Kontakt: Max-Planck-Institut für Ökonomik, Dr. Christian Cordes, http://www.econ.mpg.de/english/staff/evo/cordes

* Cordes, C., et al., A naturalistic Approach on the Theory of the Firm: The role of cooperation and cultural evolution, J Econ Behav Organ (2008), doi: 10.10.1016/j.jebo.2008.08.008

Petra Mader | idw
Weitere Informationen:
http://www.econ.mpg.de
http://www.econ.mpg.de/english/staff/evo/cordes

Weitere Berichte zu: Entrepreneur Firmenkultur Gen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht Online-Quickcheck »Frugal Innovation Index« macht Unternehmen fit für Entry-Level Produkte
19.04.2017 | Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

nachricht Innovationskraft stärken – IAT untersuchte öffentliche und private Innovationsaktivitäten in NRW
12.04.2017 | Institut Arbeit und Technik

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Im Focus: Leichtbau serientauglich machen

Immer mehr Autobauer setzen auf Karosserieteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Dennoch müssen Fertigungs- und Reparaturkosten weiter gesenkt werden, um CFK kostengünstig nutzbar zu machen. Das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) hat daher zusammen mit der Volkswagen AG und fünf weiteren Partnern im Projekt HolQueSt 3D Laserprozesse zum automatisierten Besäumen, Bohren und Reparieren von dreidimensionalen Bauteilen entwickelt.

Automatisiert ablaufende Bearbeitungsprozesse sind die Grundlage, um CFK-Bauteile endgültig in die Serienproduktion zu bringen. Ausgerichtet an einem...

Im Focus: Making lightweight construction suitable for series production

More and more automobile companies are focusing on body parts made of carbon fiber reinforced plastics (CFRP). However, manufacturing and repair costs must be further reduced in order to make CFRP more economical in use. Together with the Volkswagen AG and five other partners in the project HolQueSt 3D, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) has developed laser processes for the automatic trimming, drilling and repair of three-dimensional components.

Automated manufacturing processes are the basis for ultimately establishing the series production of CFRP components. In the project HolQueSt 3D, the LZH has...

Im Focus: Wonder material? Novel nanotube structure strengthens thin films for flexible electronics

Reflecting the structure of composites found in nature and the ancient world, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have synthesized thin carbon nanotube (CNT) textiles that exhibit both high electrical conductivity and a level of toughness that is about fifty times higher than copper films, currently used in electronics.

"The structural robustness of thin metal films has significant importance for the reliable operation of smart skin and flexible electronics including...

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Forschungsexpedition „Meere und Ozeane“ mit dem Ausstellungsschiff MS Wissenschaft

24.04.2017 | Veranstaltungen

3. Bionik-Kongress Baden-Württemberg

24.04.2017 | Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Phoenix Contact übernimmt Spezialisten für Netzleittechnik

24.04.2017 | Unternehmensmeldung

Phoenix Contact beteiligt sich an Berliner Start-up Unternehmen für Energiemanagement

24.04.2017 | Unternehmensmeldung

Phoenix Contact übernimmt Spezialisten für industrielle Kommunikationstechnik

24.04.2017 | Unternehmensmeldung