Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die ganze Welt ist Bühne: Download-Drama in vier Akten

23.04.2008
Marketing-Professor Markus Giesler erkennt in dem Konflikt zwischen Fans und Musikindustrie ein grundlegendes Muster des wirtschaftlichen Wandels

Die ganze Welt ist eine Bühne. Das wusste schon William Shakespeare in "Wie es euch gefällt". Es gibt die Guten und die Bösen - oder zumindest die, die sich dafür halten oder gehalten werden. Und es gibt einen zentralen Konflikt, der häufig unaufhaltsam seinem Höhepunkt entgegenstrebt.

Am Ende stehen Sieg, Niederlage und manchmal auch Versöhnung. Gleich die ganze Welt hat Dr. Markus Giesler, Wirtschaftsabsolvent der Universität Witten/Herdecke und Marketingprofessor in Kanada, nicht untersucht - wohl aber den sieben Jahre währenden Downloadstreit zwischen Musikfans und Tonträgerindustrie. Sein Fazit: Das Drama auf der Musikmarkt-Bühne dauerte vier Akte, und das grundlegende Muster lässt sich auch auf andere Wirtschaftsbereiche übertragen. Publiziert ist die Studie "Conflict and Compromise: Drama in Marketplace Evolution" in der Aprilausgabe des Journal of Consumer Research.

Markus Giesler lehrt und forscht seit rund vier Jahren an der renommierten Schulich School of Business in Toronto. Der 31-Jährige berät Weltunternehmen wie Apple, Sony und Bertelsmann. Mit den Recherchen zu seiner jetzt veröffentlichten Studie begann er im Rahmen seiner Diplomarbeit an der Wittener Wirtschaftsfakultät. Der gesamte Untersuchungszeitraum erstreckt sich von 1999 bis 2006. Die Ereignisse dieser sieben Jahre lassen sich, so Giesler, ihrer Struktur nach als Theaterstück deuten, als "Download-Drama" mit dem Musikmarkt als Bühne und den Konsumenten und Produzenten als handelnden Figuren, die wegen gegensätzlicher Ziele miteinander in Konflikt geraten. "Die Hauptkonfliktlinie läuft entlang der Frage, inwieweit das Kulturgut Musik eher Eigentum ist oder eher Allgemeinbesitz", erläutert Markus Giesler. Die unterschiedlichen Anschauungen beeinflussen das Verhalten und die Argumentation der Antagonisten.

... mehr zu:
»Tauschbörse

Laut Giesler gliedert sich die, auch als "war of music downloading" bezeichnete Auseinandersetzung zwischen den Nutzern von Online-Tauschbörsen und der Industrie in vier zeitlich aufeinanderfolgende Akte: Im ersten Akt kommt es zum Bruch mit dem Status quo. Die bestehenden Normen werden verletzt, weil die Musiktauschbörse Napster kostenlose Downloads möglich macht. Im zweiten Akt erweitert sich der Bruch zur Krise, in der sich die Gegenspieler unversöhnlich gegenüberstehen und gleichzeitig die Gratisdownloads immer populärer werden. Kennzeichnend für den dritten Akt sind die Versuche der Industrie, den Status quo wieder herzustellen - mit Anti-Downloading-Kampagnen und Strafandrohungen gegen Nutzer der Tauschbörsen. Es folgt die - vorläufig - letzte Episode: Im vierten Akt entsteht eine Art Kompromiss. Apple und andere bieten Downloads zwar legal, dafür aber kostenpflichtig an.

Markus Giesler sieht in der Abfolge von Normverletzung, Krise, Wiederherstellungsversuch und abschließendem Kompromiss ein Muster, das auch zur Beschreibung und Erklärung anderer Branchen verwendet werden kann. Dies gelte vor allem für Märkte der Medien- und Kreativwirtschaft mit Produkten wie Musik, Filmen, Software und schriftlichen Informationen. "Besonders hier weist der Wandel der Märkte die Form eines Dramas auf", so Giesler. "Der Markt wird dabei zur Bühne, auf der die Akteure, Konsumenten und Produzenten, nach immer gleicher Dramaturgie um die ökonomische und kulturelle Struktur des Marktes ringen und ihre Ziele verfolgen. Manche werden dabei zu Helden, und andere bleiben auf der Strecke."

Markus Gieslers Studie wurde mit dem "Schulich Fellowship in Research Achievement" ausgezeichnet. Seine These der "marketplace dramas" findet in Nordamerika große Resonanz. Als "herausragender Marketingexperte" (New York Times) und gefragter Interviewpartner stand Giesler auch dem Fernsehsender CNN Rede und Antwort. Die Musikbranche kennt Giesler aus eigener Erfahrung. Bevor er sich ganz der Wissenschaft zuwandte, war er als Komponist und Musikproduzent erfolgreich. "Vor rund zehn Jahren entdeckte ich meine Musik auf Napster. Ich war kurz davor, rechtliche Schritte einzuleiten, entschied mich dann aber für die Erforschung dieser Tauschbörsen und der Beziehung zwischen Konsum, Kultur und Technologie."

Nach seinem Wittener Abschluss als Diplom Ökonom promovierte der gebürtige Iserlohner in Witten und Chicago. Bei seinem Wechsel an die Schulich School of Business der York University in Toronto war der damals 27-Jährige der jüngste Marketingprofessor Nordamerikas.

Referenz: Markus Giesler: Conflict and Compromise: Drama in Marketplace Evolution, Journal of Consumer Research, Vol. 34, April 2008, S. 739 - 753

Die Studie im Internet: http://www.marketplacedrama.com

Kontakt: Markus Giesler (zurzeit in Europa),
0151-18488855, myself@markus-giesler.com

Bernd Frye | idw
Weitere Informationen:
http://www.markus-giesler.com
http://www.marketplacedrama.com
http://wga.dmz.uni-wh.de/orga/html/default/kgrp-5nzjfv.de.html

Weitere Berichte zu: Tauschbörse

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index bleibt aufwärts gerichtet - Juni 2018
20.06.2018 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht IAB-Arbeitsmarktbarometer sinkt zum zweiten Mal in Folge
28.05.2018 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Im Focus: Revolution der Rohre

Forscher*innen des Instituts für Sensor- und Aktortechnik (ISAT) der Hochschule Coburg lassen Rohrleitungen, Schläuchen oder Behältern in Zukunft regelrecht Ohren wachsen. Sie entwickelten ein innovatives akustisches Messverfahren, um Ablagerungen in Rohren frühzeitig zu erkennen.

Rückstände in Abflussleitungen führen meist zu unerfreulichen Folgen. Ein besonderes Gefährdungspotential birgt der Biofilm – eine Schleimschicht, in der...

Im Focus: Überdosis Calcium

Nanokristalle beeinflussen die Differenzierung von Stammzellen während der Knochenbildung

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Freiburg und Basel haben einen Hauptschalter für die Regeneration von Knochengewebe identifiziert....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Der “Stein von Rosetta” für aktive Galaxienkerne entschlüsselt

21.06.2018 | Physik Astronomie

Schneller und sicherer Fliegen

21.06.2018 | Informationstechnologie

Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

21.06.2018 | Innovative Produkte

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics