Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Anteil der Löhne am Einkommen leicht gestiegen, doch einseitiger Verteilungstrend nicht korrigiert

04.12.2012
Neuer WSI-Verteilungsbericht

Anteil der Löhne am privaten Einkommen leicht gestiegen, doch einseitiger Verteilungstrend nicht korrigiert

Der Anteil der Löhne am gesamten verfügbaren Einkommen der Privathaushalte ist zuletzt gestiegen. Doch die langjährige einseitige Verteilungsentwicklung in Deutschland wird damit nicht gestoppt. Zu diesem Ergebnis kommt Dr. Claus Schäfer, Leiter des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung, im neuen WSI-Verteilungsbericht. Finanzielle und soziale Ungleichheit schädigten auch die Wirtschaftsentwicklung, warnt der Wissenschaftler.

Mehr Beschäftigte, stärkere Lohnsteigerungen und längere Arbeitszeiten – diese drei Faktoren haben dazu geführt, dass die Arbeitnehmerentgelte 2011 brutto so stark gestiegen sind wie lange nicht mehr. Im Zuge der stabilen wirtschaftlichen Entwicklung hat sich auch das gesamtwirtschaftliche Gewicht der Lohneinkommen wieder etwas erhöht. Die Netto-Lohnquote stieg allerdings nur geringfügig auf 44,5 Prozent des verfügbaren Einkommens im Sektor Private Haushalte (das entspricht 36,6 Prozent des gesamten Volkseinkommens). Der Wert von knapp 43 Prozent in der ersten Hälfte 2012 lasse allerdings erwarten, dass es im gesamten Jahr keinen weiteren Zuwachs geben wird, schätzt WSI-Leiter Dr. Claus Schäfer im neuen Verteilungsbericht des Instituts. Der Bericht erscheint in der aktuellen Ausgabe der WSI-Mitteilungen.*

Schäfer sieht keine echte Wende im langjährigen Trend, nach dem Unternehmensgewinne und Kapitaleinkommen gegenüber den Löhnen an Boden gewinnen. Verglichen mit den 1960er- bis 1980er-Jahren, als die Netto-Lohnquote über 50 Prozent lag, sei das Kaufkraftpotenzial der Arbeitseinkommen nach wie vor „auf einem historisch niedrigen Niveau“, schreibt der Forscher. Die „jüngsten kleinen Verbesserungen, die in nächster Zeit möglicherweise schon wieder von konjunktureller Abkühlung revidiert werden“, könnten die gewachsene Ungleichheit nur zu einem kleinen Teil korrigieren.

Die private Konsumnachfrage, die bislang neben dem Export in Nicht-EU-Länder die Nachfrageflaute infolge der Eurokrise einigermaßen kompensiert habe, steht damit nach Schäfers Analyse auf unsicherem Fundament. Zumal verschiedene aktuelle Untersuchungen zeigten, dass die Löhne der besser Verdienenden und vor allem die Top-Einkommen deutlich stärker gestiegen sind als die anderer Erwerbstätiger. Diese Spreizung sei auch darauf zurückzuführen, dass die wachsende Beschäftigung mit steigender Prekarität einhergehe. Als Folge sieht Schäfer eine strukturell zu schwache Binnennachfrage. Sie trage dazu bei, dass deutsche Unternehmen trotz guter eigener Finanzmittel nicht genug im Inland investierten. Da auch der Staat zu wenig investiere, drohten Kapitalstock und Infrastruktur in Deutschland zu veralten.

Um diese Entwicklungen abzuwenden, hält der Forscher einen nachhaltigen Wandel in der Verteilungsentwicklung für nötig, unter anderem durch Steuererhöhungen auf große Einkommen und Vermögen. Bislang wirke die Steuerpolitik in die Gegenrichtung: So lagen die direkten Steuern auf Gewinn- und Vermögenseinkommen 2011 bei durchschnittlich 7,7 Prozent. Die durchschnittliche Lohnsteuerbelastung auf Arbeitseinkommen betrug hingegen 15,5 Prozent.

Zudem sei es kontraproduktiv, wenn Europa zur Bekämpfung der Krise im Euroraum auf rigide Sparpolitik und die Senkung von Sozialstandards setze. Nur eine auf Wachstum und weniger soziale Ungleichheit ausgerichtete Politik könne die „gegenwärtige Gefahr einer selbstverstärkenden Abwärtsspirale eindämmen“, schreibt der Verteilungsforscher. Ein großes Problem sieht Schäfer in diesem Zusammenhang in einer unnötig hohen Abhängigkeit der europäischen Staaten von Finanzmärkten und Rating-Agenturen. Schäfer hält es für sinnvoll, die Rolle der Europäischen Zentralbank grundsätzlich zu überdenken, damit sie ähnlich wie die Zentralbanken in den USA oder Großbritannien die Möglichkeit hätte, öffentliche Haushalte zu moderaten Zinsen direkt zu finanzieren.

*Quelle: Claus Schäfer: Wege aus der Knechtschaft der Märkte – WSI-Verteilungsbericht 2012, in: WSI-Mitteilungen 8/2012. Download:
http://194.245.120.122/Sites/A/Online-Archiv/10933

Infografik zum Download im Böckler Impuls 19/2012:
http://www.boeckler.de/hbs_showpicture.htm?id=41648&chunk=1

Ansprechpartner in der Hans-Böckler-Stiftung

Dr. Claus Schäfer
Leiter WSI
Tel.: 0211-7778-205
E-Mail: Claus-Schaefer@boeckler.de

Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://194.245.120.122/Sites/A/Online-Archiv/10933
http://www.boeckler.de/hbs_showpicture.htm?id=41648&chunk=1

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index: Rückgang, aber noch keine Tendenzwende
21.11.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht IMK-Konjunkturindikator: Praktisch keine Rezessionsgefahr, Wirtschaft auf stabilem Aufschwungpfad
15.11.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kleine Strukturen – große Wirkung

Innovative Schutzschicht für geringen Verbrauch künftiger Rolls-Royce Flugtriebwerke entwickelt

Gemeinsam mit Rolls-Royce Deutschland hat das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS im Rahmen von zwei Vorhaben aus dem...

Im Focus: Nanoparticles help with malaria diagnosis – new rapid test in development

The WHO reports an estimated 429,000 malaria deaths each year. The disease mostly affects tropical and subtropical regions and in particular the African continent. The Fraunhofer Institute for Silicate Research ISC teamed up with the Fraunhofer Institute for Molecular Biology and Applied Ecology IME and the Institute of Tropical Medicine at the University of Tübingen for a new test method to detect malaria parasites in blood. The idea of the research project “NanoFRET” is to develop a highly sensitive and reliable rapid diagnostic test so that patient treatment can begin as early as possible.

Malaria is caused by parasites transmitted by mosquito bite. The most dangerous form of malaria is malaria tropica. Left untreated, it is fatal in most cases....

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

IfBB bei 12th European Bioplastics Conference mit dabei: neue Marktzahlen, neue Forschungsthemen

22.11.2017 | Veranstaltungen

Zahnimplantate: Forschungsergebnisse und ihre Konsequenzen – 31. Kongress der DGI

22.11.2017 | Veranstaltungen

Tagung widmet sich dem Thema Autonomes Fahren

21.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Bakterien als Schrittmacher des Darms

22.11.2017 | Biowissenschaften Chemie

Ozeanversauerung schädigt Miesmuscheln im Frühstadium

22.11.2017 | Biowissenschaften Chemie

Die gefrorenen Küsten der Arktis: Ein Lebensraum schmilzt davon

22.11.2017 | Geowissenschaften