Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das öffentliche Auto

17.11.2008
Für eine energieeffiziente Stadt müssen Routinen im Verkehrsverhalten durchbrochen werden

Zwei Milliarden Fahrzeuge wird es im Jahr 2050 weltweit geben. Das zumindest ist die Prognose des World Business Council for Sustainable Development (WBCSD), eines internationalen Zusammen-schlusses von Mineralölproduzenten und Automobilherstellern. Zum Vergleich führt TU-Professorin Christine Ahrend die Zahl aus dem Jahre 2000 an. Da bestand der globale Fuhrpark noch aus 700 Millionen Fahrzeugen.

"Angesichts dieser Entwicklung wird es unumgänglich sein, dass sich das Verkehrsverhalten in der Gesellschaft grundsätzlich ändert. Es müssen Alternativen aufgezeigt werden, die es den Menschen ermöglichen, sich von eingeübten Routinen zu verabschieden", sagt Prof. Dr. Christine Ahrend, die seit 2007 am Institut für Land- und Seeverkehr der TU Berlin das Fachgebiet "Integrierte Verkehrsplanung" lehrt.

"In den städtischen Ballungsräumen wird es unverzichtbar sein, den privaten Individualverkehr, der hauptsächlich an das Auto gebunden ist, mit dem öffentlichen Kollektivverkehr klug und - für den Autofahrer ganz wichtig - komfortabel miteinander zu verknüpfen", sagt die Verkehrsforscherin. Für diese Vision haben Christine Ahrend und ihr Kollege Dr. Oliver Schwedes einen kurzen und prägnanten Begriff geprägt - das "öffentliche Auto".

Kern der Idee ist, dass im öffentlichen Stadtraum ausreichend viele Autos zur Verfügung gestellt werden, die von jedermann bei Bedarf und zu jeder Zeit per Handy gebucht und genutzt werden können. "Entscheidend dabei ist, dass diese Autos mit einem emissionslosen Antrieb ausgestattet sind", so Ahrend. Denn mit dem "öffentlichen Auto" soll nicht nur der Autoverkehr in einer Stadt, sondern auch die Emission an Kohlendioxid entscheidend verringert werden. Die Professorin sieht in dem "öffentlichen Auto" einen Beitrag zur Entwicklung einer energieeffizienten Stadt.

Der Idee vom "öffentlichen Auto" liegt ein radikaler Perspektivwechsel zugrunde. Bislang sei nur dem Sektor des öffentlichen Verkehrs und seinen Verkehrsmitteln wie S-, U- und Straßenbahn das Potenzial zuerkannt worden, den Verkehr in einer Stadt nachhaltig zu verändern - sowohl hinsichtlich der Reduzierung des Volumens als auch der Schadstoffemission. Weitgehend unberücksichtigt blieb hingegen bis heute der Sektor des Individualverkehrs, der durch das Auto charakterisiert ist, erklärt die Wissenschaftlerin. Die Zukunft der Mobilität jedoch ohne das Auto zu denken, hält Ahrend für illusionär. Vielmehr bestünde die Herausforderung darin, die Vorteile der beiden Sektoren - öffentlicher Kollektivverkehr und privater Individualverkehr - optimal miteinander zu verflechten. "Was die individuelle Freiheit im Zusammenhang mit Mobilität anbetrifft, ist das Auto bislang unschlagbar", sagt Christine Ahrend.

Korrektur einer Fehlentwicklung

Mit dem "öffentlichen Auto" soll auch eine Fehlentwicklung korrigiert werden, die dazu führte, dass öffentlicher Kollektivverkehr und privater Individualverkehr getrennt voneinander existieren. Diese "Entkoppelung" der beiden Verkehrsbereiche aufzuheben, sieht Christine Ahrend als ein Gebot der Stunde. Es muss gelingen, Auto und öffentliche Verkehrsmittel in einer Stadt so miteinander zu verschränken, dass es für einen Autofahrer kein Hindernis mehr darstellt, zwischen privat genutztem Auto und öffentlichen Verkehrsmitteln - je nach Situation - mühelos hin- und herzusurfen, also am Punkt A vom Auto in die Straßenbahn umzusteigen und am Punkt B von der Straßenbahn wieder ins Auto. Um mobil zu sein, wird nicht mehr nur ein Verkehrsmittel genutzt wie das private Auto, sondern viele. Christine Ahrend spricht von "multimodalen Mobilitätsroutinen".

Was Christine Ahrend an der Vision eines "öffentlichen Autos" aus wissen-schaftlicher Sicht interessiert, ist die planerische Integration eines solchen Projektes in den städtischen Raum: Fragen, wie groß ein solcher öffentlicher Autopool sein muss, wo in der Stadt Autos und Batterieaufladestationen stehen müssen oder auch wie freiwerdende Parkflächen neu genutzt werden können, sind zu untersuchen. Der Forschungsbedarf ist enorm.

Das "öffentliche Auto" könnte Autofahrern helfen, ihr ausschließlich auf das Auto fixiertes Verkehrsverhalten zu durchbrechen, ohne auf das geliebte Gefährt und seine Vorteile verzichten zu müssen. Es brächte aber noch einen anderen handfesten Gewinn: Wenn "öffentliche Autos" zu jeder Zeit zur Verfügung stünden, wäre es nicht mehr notwendig, ein eigenes Auto für viel Geld Monat für Monat, Jahr für Jahr selbst zu unterhalten. Haben Untersuchungen doch ergeben, dass viele Autos die meiste Zeit des Tages nicht gefahren werden, sondern stehen - am Straßenrand, in Garagen oder auf Parkplätzen.

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern: Prof. Dr. Christine Ahrend, Fachgebiet Integrierte Verkehrsplanung am Institut für Land- und Seeverkehr der TU Berlin, Salzufer 17-19, 10587 Berlin, Tel.: 030/314-78772, Fax: -27875, E-Mail: christine.ahrend@ivp.tu-berlin.de

Dr. Kristina R. Zerges | idw
Weitere Informationen:
http://www.verkehrsplanung.tu-berlin.de
http://www.pressestelle.tu-berlin.de/?id=4608
http://www.pressestelle.tu-berlin.de/medieninformationen/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Verkehr Logistik:

nachricht Aus dem Labor auf die Schiene: Forscher des HI-ERN planen Wasserstoffzüge mit LOHC-Technologie
19.04.2018 | Forschungszentrum Jülich

nachricht HyperloopTeam aus Oldenburg und Emden in die dritte Runde gestartet
27.03.2018 | Hochschule Emden/Leer

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Verkehr Logistik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Metalle verbinden ohne Schweißen

Kieler Prototyp für neue Verbindungstechnik wird auf Hannover Messe präsentiert

Schweißen ist noch immer die Standardtechnik, um Metalle miteinander zu verbinden. Doch das aufwändige Verfahren unter hohen Temperaturen ist nicht überall...

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Im Focus: Spider silk key to new bone-fixing composite

University of Connecticut researchers have created a biodegradable composite made of silk fibers that can be used to repair broken load-bearing bones without the complications sometimes presented by other materials.

Repairing major load-bearing bones such as those in the leg can be a long and uncomfortable process.

Im Focus: Verbesserte Stabilität von Kunststoff-Leuchtdioden

Polymer-Leuchtdioden (PLEDs) sind attraktiv für den Einsatz in großflächigen Displays und Lichtpanelen, aber ihre begrenzte Stabilität verhindert die Kommerzialisierung. Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP) in Mainz haben jetzt die Ursachen der Instabilität aufgedeckt.

Bildschirme und Smartphones, die gerollt und hochgeklappt werden können, sind Anwendungen, die in Zukunft durch die Entwicklung von polymerbasierten...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Fraunhofer eröffnet Community zur Entwicklung von Anwendungen und Technologien für die Industrie 4.0

23.04.2018 | Veranstaltungen

Mars Sample Return – Wann kommen die ersten Gesteinsproben vom Roten Planeten?

23.04.2018 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Verleihung GreenTec Awards 2018 – Kategorie »Energie« am 24. April 2018 auf der Hannover Messe

23.04.2018 | Förderungen Preise

Fraunhofer eröffnet Community zur Entwicklung von Anwendungen und Technologien für die Industrie 4.0

23.04.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Mars Sample Return – Wann kommen die ersten Gesteinsproben vom Roten Planeten?

23.04.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics