Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

COP21 sollte Stadtverkehr und Elektroautos stärker in den Blick nehmen

20.11.2015

Der Transportsektor könnte seine CO2-Emissionen bis 2050 nahezu halbieren und ist damit leichter zu dekarbonisieren als bisher gedacht. Nötig wäre dazu außer weiteren Effizienzverbesserungen beim Verbrauch vor allem die Förderung des öffentlichen Nahverkehrs in den Städten - und der großangelegte Wechsel zu Elektroautos. Dies sind Kernergebnisse der neuen Studie "Transport: A roadblock to climate change mitigation?". Felix Creutzig vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) hat sie jetzt mit weiteren Wissenschaftlern im Fachmagazin "Science" veröffentlicht.

Damit zeigen die Forscher kurz vor der Weltklimakonferenz in Paris einen Lösungspfad für den Transportsektor zur Vermeidung des Klimawandels auf. Dieser ist bereits jetzt für 23 Prozent des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich - und bis 2050 sollen sich die Emissionen laut Szenarien des Weltklimarates IPCC verdoppeln.


Grund dafür ist vor allem der rasante Motorisierung in China, Indien und Südostasien. Doch um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, muss der Transportsektor seine Emissionen bis 2050 mindestens stabilisieren - wenn nicht sogar um die Hälfte reduzieren.

"Elektromobilität im großen Stil könnte entscheidend dafür sein, dass die CO2-Emissionen im Transportsektor bis 2050 halbiert werden", sagt Leitautor Felix Creutzig vom MCC, der zuletzt im Weltklimabericht des IPCC maßgeblich zum Transportkapitel beitrug. Teil einer solchen groß angelegten Elektromobilität seien auch Car-Sharing-Konzepte, elektrische Fahrräder und der Schienenverkehr. "Effizienzsteigerungen der herkömmlichen Automobilflotte werden nach 2025 schwieriger. Als Motor für die Dekarbonisierung bleibt dann nur der Brennstoffwechsel."

Aufgrund fallender Batteriepreise ist der Elektroantrieb laut der neuen Studie gegenüber Motoren mit Biotreibstoffen oder Wasserstoffen in einer besseren Startposition. Hintergrund ist, dass der Preis pro Kilowattstunde von circa 1000 US-Dollar im Jahr 2007 tatsächlich auf etwa 410 US-Dollar im Jahr 2014 gesunken ist. Aufgrund dieser Entwicklung liegt die Prognose laut Studien für den Preis im Jahr 2030 nun bei weniger als 200 US-Dollar.

„Die Elektrifizierung der Pkws könnte gleichzeitig einen Beitrag zur Energiewende leisten, wenn die Elektrofahrzeuge entsprechend ‚intelligent‘ in das Energiesystem integriert würden“, erklärt Patrick Jochem vom Institut für Industriebetriebslehre und Industrielle Produktion (IIP) des KIT, Mitglied der World Conference of Transport Research Society (WCTRS). „Dabei könnte ein Verschieben der Ladeprozesse in windstarke Stunden zu einer Entlastung des Energiesystems führen und somit Synergien zwischen beiden Sektoren schaffen.“

Für ihre Forschung haben die Wissenschaftler auf Szenarien des Weltklimarates IPCC sowie des Integrated Model to Assess the Greenhouse Effect (IMAGE) aufgebaut. Demnach konzentrieren sich großskalierte Klimaforschungsmodelle eher aus einer Vogelperspektive darauf, was beispielsweise der Transport- im Vergleich zum Energiesektor zum Klimaschutz beitragen kann. Das Science-Paper schaut sich jedoch die Fragestellungen innerhalb des Transportsektors mithilfe spezifischerer und neuerer Daten an, etwa auf der Detailebene des Personenverkehrs an Land. Demnach gibt es Anlass für verhaltenen Optimismus - sofern denn die Politik entsprechend eingreift.

Besondere Bedeutung für Klimaschutz durch den Transportsektor kommt der städtischen Infrastrukturpolitik zu. "Jeder Kilometer, den wir überhaupt nicht fahren, schützt das Klima ohnehin am besten - und darüber hinaus noch unsere Gesundheit beispielsweise durch sauberere Luft", sagt Creutzig. "Infrastrukturinvestitionen - etwa für neue Gleise oder Fahrradschnellwege - sind vergleichsweise gering. Denn sie bedeuten auch Einsparungen, weil weniger Straßen und Parkplätzen gebaut werden müssen."

Zudem ziehen solche Investitionen meist positive Pfadabhängigkeiten nach sich: Wenn beispielsweise die Preise für Parkplätze im Innenstadtbereich teurer werden, zugleich aber der öffentliche Nahverkehr dort besser ausgebaut wird, steigen die Menschen nicht nur einmalig vom Auto auf andere Verkehrsmittel um. Ihre Präferenzen entwickeln sich aufgrund der neuen Voraussetzungen auch längerfristig anders.

Bei internationalen Klimakonferenzen wie demnächst wieder in Paris spielt die Aspekte des Stadtverkehrs und der Elektroautos jedoch meist eine untergeordnete Rolle. "Mit Blick auf eine echte Transformation des Transportsektors im Sinne des Klimaschutzes waren die Politiker weltweit bisher wohl etwas zu schüchtern", sagt Co-Autor David McCollum vom Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA). "Wenn wir optimale Lösungen, die wir jetzt schon überall auf der Welt sehen, wiederholen würden, könnten wir das bereits vorhandene Potential nutzbar machen."

Weitere Informationen:
Creutzig, F.; Jochem, P.; Edelenbosch, O.Y.; Mattauch, L.; van Vuuren, D.P.; McCollum, D.; Minx, J. (2015): Transport: A roadblock to climate change mitigation?, Science, Vol. 350, Issue 6263, pp. 911 - 912

Weitere Informationen:

http://www.mcc-berlin.net

Fabian Löhe | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Verkehr Logistik:

nachricht Fit2Load – umweltfreundliches Mobilitätskonzept für Filiallieferverkehr
15.02.2018 | Fachhochschule Bielefeld

nachricht Lösungen für die begrenzte Reichweite von Elektrobussen
02.02.2018 | Universität zu Lübeck

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Verkehr Logistik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics