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Chancen und Risiken für Schwellenländer auf den Weltagrarmärkten

11.07.2014

Internationale Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen stellten aktuelle Forschungsergebnisse und Handlungsempfehlungen auf dem IAMO Forum 2014 vor    

Angesichts des rapiden Bevölkerungswachstums und zunehmenden Nahrungsmittelbedarfs ist die globale Ernährungssicherung eine der größten Herausforderungen im 21. Jahrhundert. Die Agrarmärkte der Schwellenländer weisen hierfür enorme Produktionspotentiale auf. Um die Funktionsfähigkeit von Nahrungsmittelmärkten in sowie Handelsbeziehungen mit führenden Schwellenländern und Ländern im Transformationsprozess zu diskutieren, kamen vom 25. bis 27. Juni mehr als 150 Vertreter der Wissenschaft und Wirtschaft aus insgesamt 22 Ländern zum IAMO Forum 2014 nach Halle (Saale). Auf der Konferenz mit dem Titel "The Rise of the ‘Emerging Economies’: Towards Functioning Agricultural Markets and Trade Relations?" wurden auf drei Plenarveranstaltungen, dreizehn Parallelsitzungen und vier Spezialsitzungen die neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse und Lösungsstrategien präsentiert.


Mit einer Begrüßung der Gäste und Einführung in die Thematik eröffnete Professor Thomas Glauben, Direktor des IAMO, am ersten Konferenztag das IAMO Forum 2014. In seiner Rede erläuterte er, dass in den letzten Jahrzehnten aufgrund politischer Reformen sowie Veränderungen von Angebot und Nachfrage auf den Agrarmärkten erhebliche Entwicklungsprozesse in der weltweiten Landwirtschaft stattgefunden haben. Insbesondere der Agrarsektor in den Schwellen- und Transformationsländern wird durch eine zunehmende Markt- und Wettbewerbsorientierung sowie damit verbundenen Investitionsmöglichkeiten geprägt. Dennoch ist zu befürchten, dass das daraus resultierende Angebotswachstum mit der weltweit ansteigenden Nachfrage an Lebensmitteln nicht Schritt halten kann. Seit der Wende des Jahrtausends haben sich die Agrarrohstoffpreise drastisch erhöht und auch zukünftig werden sie voraussichtlich - mit jedoch noch stärkeren Schwankungen als in der Vergangenheit – auf diesem Niveau verbleiben. Glauben wies darauf hin, dass sich Schwellenländer wie China, Russland, Indien und Brasilien in den letzten Jahren zu leistungsstarken Akteuren entwickelt haben, die auf den Weltagrarmärkten und in Hinsicht auf die globale Ernährungssicherung eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Ein besonderer Einfluss auf den Welthandel und die Landwirtschaft ist zukünftig aber auch durch Freihandelsabkommen zwischen den Nationen, wie beispielsweise die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) zwischen den Vereinten Staaten und der Europäischen Union, zu erwarten.

Entwicklungspotentiale in Schwellen- und Transformationsländern

Plenary Session “Emerging Economies - Are they the Future Global Food Basket?”

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fand ein starker Abbau der Getreide- und Fleischproduktion dieser Regionen statt. Seit 2002 steigt die Getreideproduktion wieder an, so dass sich Russland zu einem der wichtigsten Getreideexporteure entwickelt hat. William Liefert, Agrarexperte des United States Department of Agriculture (USDA), USA, führte die Entwicklung vor allem auf die zunehmenden Hektarerträge seit 2000 und den starken Rückgang bei der Nachfrage nach Futtermitteln durch die extrem eingebrochene Fleischproduktion zurück. Heute weist Russland nach der Ukraine die höchsten Hektarerträge in der Getreideproduktion auf. Zusätzlich sieht Liefert ein großes Potential darin, dass bei Investitionen in neue Technologien und Änderungen institutioneller Rahmenbedingungen die Hektarerträge in beiden Ländern auch weiterhin gesteigert werden können. Studien zufolge ist in der Ukraine eine Ertragssteigerung von 10 bis 40 Prozent möglich. In Kasachstan fallen, im Vergleich zu den beiden anderen Ländern, die Hektarerträge geringer aus und weisen nach Einschätzung des Agrarexperten nur wenig zusätzliches Potential auf. Asiatische Regionen könnten zukünftig die wichtigsten Getreideimportländer für Russland und Kasachstan darstellen. Mit 25 Prozent der Weltbevölkerung und einem jährlichen Zuwachs von 8 Millionen Menschen zählt China bereits heute zu einem nicht unbedeutenden Nettoimporteur verschiedener Agrarprodukte. Das Land handelt aber auch selbst mit verschiedenen Nahrungsmitteln, wie Obst, Gemüse, Fisch und Hühnerfleisch, auf den Exportmärkten in Japan, Südkorea, Russland und den Vereinigten Staaten. Holly Wang, Professorin an der Purdue University, USA, berichtete, dass in den letzten Jahren die chinesischen Verbraucher durch zahlreiche Lebensmittelskandale im eigenen Land stark verunsichert wurden. Empirische Studien zum Konsumentenverhalten zeigen, dass trotz dieser Vorkommnisse die chinesische Bevölkerung heimische Lebensmittel gegenüber importierten Produkten präferiert. Die Wissenschaftlerin bestätigte, dass die chinesischen Verbraucher auf die von der Regierung im Bereich der Lebensmittelsicherheit und -qualität vergebenen Kennzeichnungen vertrauen.

Organized Business Session “Wheat Supply Chains in CIS Countries: Challenges and Prospects”

In einer praxisorientierten Sitzung sprachen die Wirtschaftsvertreter Alexander Korbut, Russian Grain Union, Russland, Eugenij Gan, Union of Grain Processors and Bakers of Kazakhstan, Kasachstan, und Volodymyr Lapa, Ukrainian Agribusiness Club, Ukraine, über die zunehmende Bedeutung ihrer Länder auf den Weltagrarmärkten. Auch wenn Russland sowie die Ukraine und Kasachstan über enorme Produktionspotentiale verfügen, stehen ihnen nur begrenzte inländische Absatzmöglichkeiten zur Verfügung. Produktionsüberschüsse werden auf dem Weltmarkt exportiert, und die Länder können dadurch einen entscheidenden Beitrag zur globalen Nahrungsmittelversorgung leisten. Laut Prognosen von Korbut wird Russland möglicherweise schon in diesem Jahr auf den dritten oder sogar zweiten Platz unter den größten Weizenexporteuren aufsteigen. Nach Einschätzungen des Ukrainischen Agribusiness Clubs landet die Ukraine dieses Jahr auf den zweiten Platz der größten Getreideexporteure. Kasachstan liegt als größter Weltexporteur von Weizenmehl an der Spitze. Ein großes Hindernis für die Realisierung des Exportpotentials stellen in allen drei Ländern jedoch noch die hohen Kosten für Transport- und Hafeninfrastruktur, gesetzliche und institutionelle Rahmenbedingungen sowie die aktuellen politischen Konflikte dar.

Agrarspekulation und Volatilität der Nahrungsmittelpreise

Plenary Session “Volatility and Speculation on Agricultural Markets”

Behauptungen einiger zivilgesellschaftlicher Organisationen zufolge ist die Finanzspekulation mit Agrarrohstoffen für die weltweit steigenden Lebensmittelpreise und damit für den Hunger auf der Welt verantwortlich. Entgegen dieser Annahme erörterte Harald von Witzke, Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland, auf dem diesjährigen IAMO Forum, welche tatsächlichen Ursachen für den Anstieg und die Schwankungen von Agrarrohstoffpreisen seit der Jahrtausendwende vorliegen. So wird auf der Angebotsseite durch begrenzt zur Verfügung stehende Ressourcen, Klimaveränderungen und steigende Energiepreise das landwirtschaftliche Produktionswachstum gehemmt. Zugleich nimmt die Nachfrage an Nahrungsmitteln durch Pro-Kopf-Verbrauch und Bevölkerungswachstum zu. Der Agrarökonom von Witzke betonte, dass die Spekulation nicht als ein Hauptverursacher für hohe und volatile Agrarrohstoffpreise identifiziert werden kann. Vielmehr ist die Agrarspekulation ein notwendiger Marktmechanismus, der Landwirten als Versicherungsfunktion gegen Preisrisiken dient und deren Funktionsfähigkeit auf Warenterminmärkten nicht regulatorisch eingeschränkt werden sollte. Anschließend machte Hermann Steep, Unternehmer bei Cargill, Deutschland, deutlich, dass für die Landwirte ein großes Problem darin besteht, die volatilen Agrarpreise einzuschätzen und ihre Produkte zum richtigen Zeitpunkt auf dem Markt zu verkaufen. Er erläuterte, dass es sogenannte Risikomanagement-Tools gibt, die auf die Landwirte ausgerichtete Preis- und Vermarktungsstrategie entwickeln. Diese Instrumente berücksichtigen eine Vielzahl an Einflussfaktoren, die für einzelne Landwirte nur schwer zu identifizieren bzw. abzuschätzen sind. Steep betonte, dass durch Risikomanagement-Tools die landwirtschaftlichen Produzenten ihre finanziellen Marktrisiken verringern und die Preise für ihre Waren verbessern können.

Interview Session “Perspectives on Global Food Security”

In einer von Ingo Pies, Professor der Wirtschaftsethik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, organisierten Sitzung wurden die Wissenschaftler Christopher Gilbert, University of Trento, Italien, Scott H. Irwin, University of Illinois, USA, und William J. Martin, World Bank, USA, zu den möglichen Ursachen und Auswirkungen volatiler Agrarmärkte interviewt. Irwin sprach sich bei der Frage, ob sogenannten Long-only-Indexfonds einen Einfluss auf die Preisentwicklung von Agrarrohstoffen hatten, gegen diese Annahme aus. Wohingegen Gilbert einen möglichen Zusammenhang nicht ausschließen konnte sowie explizit auf einen Unterschied zwischen einem Einfluss und einem ökonomisch relevanten Einfluss hinwies. Einigkeit zwischen beiden Wissenschaftlern bestand darin, dass sich der Markt relativ schnell an die neuen Marktbedingungen anpassen wird und die Getreidepreise mittelfristig sinken werden - allerdings nicht auf die ursprünglichen Niveaus. Forschungsmanager Martin beschäftigte sich hingegen mit der Fragestellung, welchen Einfluss staatliche Markteingriffe auf die Preisentwicklung hatten. Seit 2006 sind die Weltmarktpreise für Agrarprodukte stetig angestiegen, was zum großen Teil auf Handelspolitiken, beispielsweise Exportbeschränkungen, zurückzuführen ist. Dagegen haben sich in den sogenannten Krisenjahren die heimischen Agrarpreise gegenüber den Weltmarktpreisen nicht so extrem erhöht. Durch die Abkopplung der heimischen Märkte von den Weltagrarmärkten kann dem Preisanstieg für kurze Zeit entgegengewirkt werden, wobei langfristig wesentlich ausgeprägtere Preistransmissionen stattfinden. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Wissenschaft bislang noch uneins darüber ist, wer oder was die gegenwärtigen Preisschwankungen verursacht hat. Einklang besteht jedoch darin, dass staatliche Markteingriffe eher negative Auswirkungen auf die Preisentwicklungen haben.

Herausforderungen für internationale Handelsbeziehungen

Plenary Session “Transatlantic Trade and Investment Partnership: Challenges and Opportunities”

Die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) ist ein in Verhandlung befindliches Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten. Ziel der Vereinbarung ist es, durch einen erhöhten Marktzugang und verbesserte Regulierungskohärenz das wirtschaftliche Wachstum in den Teilnehmerstaaten voranzutreiben. Die TTIP ist nicht hauptsächlich auf den Agrar- und Nahrungsmittelhandel ausgerichtet, wird jedoch durch die Festlegung von Umwelt- und Gesundheitsstandards, Tierschutzbestimmungen sowie der Aufhebung von Zollbeschränkungen wesentliche Auswirkungen auf den (weltweiten) Agrarsektor haben. Anhand eines berechenbaren allgemeinen Gleichgewichtsmodels zur TTIP-Analyse 2020 konnte Martina Brockmeier, Professorin an der Universität Hohenheim, Deutschland, signifikante Exportzunahmen zwischen den EU-Mitgliedsländern und den Vereinigten Staaten ermitteln. Sie stellte fest, dass sich der Exportanteil der Vereinten Staaten gegenüber den EU-Handelspartnern, vor allem für Milchprodukte, Rindfleisch und Getreide, um 64 Prozent erhöhen würde. Brockmeier betonte, dass die Reduzierung nichttarifärer Handelshemmnisse nicht nur mit einer Kostensenkung und somit gesteigerter Wohlfahrt verbunden ist, sondern auch einen erheblichen Einfluss auf den Agrarhandel hat. Auch wenn die meisten Beobachter durch die TTIP-Vereinbarungen von absatz- und effizienzsteigernden Effekten ausgehen, besteht derzeit noch eine kontroverse Debatte darüber, ob dieses Freihandelsabkommen wirklich beschlossen werden sollte. Allan Matthews, Professor am Trinity College Dublin, Irland, und Carmel Cahill, Seniorberaterin bei der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD), Frankreich, wiesen darauf hin, dass durch die TTIP wichtige Handelspartner in den Schwellenländer ausgeschlossen werden und sich daraus für die Nicht-Teilnehmer diskriminierende Auswirkungen ergeben würden. Die Einbeziehung weiterer Länder, wie beispielsweise Russland und China, in Hinsicht eines Freihandelsabkommens für bestimmte Rohstoffe und Waren, könnte für alle Beteiligten überaus vorteilhaft sein.

Organized Session MATRACC/GERUKA

Am letzten Tag erhielten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Konferenz Einsichten in die Forschungsarbeiten der IAMO-Projekte "Globale Nahrungskrise – Auswirkungen auf Weizenmärkte und -handel im Kaukasus und in Zentralasien und die Rolle von Kasachstan, Russland und der Ukraine", finanziert durch die VolkswagenStiftung, sowie "Globale Ernährungssicherung und die Getreidemärkte Russlands, der Ukraine und Kasachstans", gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. IAMO-Wissenschaftlerin Gulmira Gafarova, Deutschland, berichtete, dass in den letzten Jahren der Marktanteil Russlands, der Ukraine und Kasachstans (RUK) am Weltgetreidehandel beträchtlich gestiegen ist. In ihrer Studie untersuchte sie das Preissetzungsverhalten der RUK-Länder im Zeitraum von 1996 bis 2012. Unter Berücksichtigung von Wechselkursänderungen fand Gafarova heraus, dass die RUK-Länder Getreide zu unterschiedlichen Preisen exportieren. Während Russland tendenziell durch die Preisanpassung den Effekt der Wechselkursänderung verstärkt, stabilisieren Kasachstan und die Ukraine den Importpreis in der Währung des Importlandes. Dmytro Serebrennikov, wissenschaftlicher Mitarbeiter des IAMO, Deutschland, beschäftigte sich mit der Auswirkung des Exportverbotes von Weizen im Jahre 2010 in Russland. Die Untersuchung der Preisentwicklungen in sechs Wirtschaftsregionen von Russland zeigt, dass die Weizenmärkte in Russland integriert sind, wobei der Grad der Integration mit zunehmender Distanz abnimmt. Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung ist, dass das Exportverbot von Weizen eine Umkehrung von Handelsströmen innerhalb Russlands zur Folge hatte.

Das IAMO Forum 2014 wurde vom Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Kooperation mit der Agricultural & Applied Economics Association (AAEA) und dem International Agricultural Trade Research Consortium (IATRC) veranstaltet. Finanziell gefördert wurde die Veranstaltung von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem Ministerium für Wissenschaft und Wirtschaft des Landes Sachsen-Anhalt, der Landwirtschaftlichen Rentenbank, KWS SAAT AG, H. Wilhelm Schaumann Stiftung und der Stadt Halle.

Weiterführende Informationen zur Konferenz erhalten Sie unter presse@iamo.de und können auf der Internetseite www.iamo.de/forum/2014  eingesehen werden.

Über das IAMO

Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) widmet sich der Analyse von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungsprozessen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie in den ländlichen Räumen. Sein Untersuchungsgebiet erstreckt sich von der sich erweiternden EU über die Transformationsregionen Mittel-, Ost- und Südosteuropas bis nach Zentral- und Ostasien. Das IAMO leistet dabei einen Beitrag zum besseren Verständnis des institutionellen, strukturellen und technologischen Wandels. Darüber hinaus untersucht es die daraus resultierenden Auswirkungen auf den Agrar- und Ernährungssektor sowie die Lebensumstände der ländlichen Bevölkerung. Für deren Bewältigung werden Strategien und Optionen für Unternehmen, Agrarmärkte und Politik abgeleitet und analysiert. Seit seiner Gründung im Jahr 1994 gehört das IAMO als außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft an.

Bitte beachten Sie: Im Januar 2014 wurde das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa in Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien umbenannt. Die Institutsabkürzung IAMO bleibt weiterhin gültig.

Pressekontakt

Daniela Schimming
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: +49 345 2928-330
Fax: +49 345 2928-499
presse@iamo.de
www.iamo.de

Daniela Schimming | idw - Informationsdienst Wissenschaft

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