Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Eisenbahnsektor in Deutschland ist nicht optimal

24.05.2004


Neue Erkenntnisse zur Struktur der Deutschen Bahn AG: Ein Gutachten von Wissenschaftlern der TU Berlin bewertet die Organisationsform als verbesserungswürdig


Foto: DB AG/Lautenschläger



Pünktlich zum zehnten Jahrestag der Bahnreform legten Wissenschaftler der Technischen Universität Berlin ein Gutachten zur Organisationsstruktur der Deutschen Bahn AG (DB) vor. Darin widerlegen die TU-Wissenschaftler das Argument der Deutschen Bahn, wonach die beiden Bereiche Schienennetz und Transport in einem Unternehmen integriert bleiben müssten, weil nur so die Verbundvorteile beider Bereiche maximiert werden könnten.



In dem zweijährigen interdisziplinären Forschungsprojekt "SYNETRA - Synergien zwischen Bahnnetz und -transport: Praxis, Probleme, Potentiale" untersuchten Mitarbeiter der Fachgebiete Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik sowie Schienenfahrwege und Bahnbetrieb unter Leitung von Privatdozent Dr. Christian von Hirschhausen und Prof. Dr. Jürgen Siegmann die Organisation des deutschen Eisenbahnsektors und gingen der Frage nach, wie effizient das Zusammenwirken zwischen den beiden Ebenen Schienennetz und -transport innerhalb des Unternehmens ist. Gefördert wurde das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Die Zukunft des deutschen Eisenbahnsektors ist ins Blickfeld der politischen Entscheidungsträger zurückgekehrt. Nach einer formellen Privatisierung des Bundesbahn 1994 soll nun bald eine materielle Privatisierung folgen. Die Führung der Deutschen Bahn AG strebt einen raschen Börsengang an, gegen den sich kürzlich der Verkehrsausschuss des deutschen Bundestages einstimmig geäußert hat. Die innere Struktur des Eisenbahnsektors indes ist umstritten; insbesondere die Frage einer Trennung von Schienennetz und -transport wird diskutiert.

Betrachtet man das europäische Bahnsystem historisch, dann war zu Beginn des letzten Jahrhunderts in den meisten Ländern der Staat Eigentümer der Bahn und Schienennetz und Transport waren in einem Unternehmen integriert. Mittlerweile aber gibt es unterschiedliche Organisationsformen. In Schweden zum Beispiel gehört das Schienennetz dem Staat, die Unternehmen auf der Schiene jedoch sind weitgehend privat. In Großbritannien sind sowohl Schienennetz als auch die verschiedenen Unternehmen, die den Verkehr auf der Schiene betreiben, privat - allerdings bei starker staatlicher Regulierung. Die Schweizer Bundesbahn wiederum ist wie die Deutsche Bahn AG strukturiert. Hier befinden sich Netz und Transport unter dem Dach eines Unternehmens.

In Deutschland wurde die Frage nach der Bahnstruktur evident, als innerhalb der Europäischen Union Anfang der 90er-Jahre das politische Ziel formuliert wurde, mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene zu bringen. Dies wiederum ist nur durch mehr Wettbewerb auf der Schiene zu erreichen, indem das Schienennetz allen Eisenbahnverkehrsunternehmen zugänglich ist.

Zwar ist es in Deutschland möglich, gegen Bezahlung das Schienennetz der Deutschen Bahn zu nutzen, Kritiker aber halten der Deutschen Bahn vor, dass sie mit ihrem Festhalten an der Struktur, in der beide Bereiche - Schiene und Transport - in einem Unternehmen vereint sind, Wettbewerber vom Markteintritt abhalten wolle. Sie fordern deshalb die Schaffung eines unabhängigen Infrastrukturunternehmens, das nicht dem DB-Konzern angehört. Das Infrastrukturunternehmen würde dann mit den DB-Transporttöchtern und anderen Eisenbahnverkehrsunternehmen Nutzungsverträge schließen. Derzeit entfällt etwa nur ein Prozent des Fernverkehrs auf andere Transportunternehmen.

Für das nun vorliegende Gutachten analysierten die TU-Wissenschaftler diese komplexe Fragestellung. Gesucht war diejenige Organisationsform, die das optimale Zusammenspiel der beiden wichtigen Wertschöpfungsstufen ermöglicht. Zunächst wurden wesentliche Schnittstellen zwischen Bahnnetz und -transport identifiziert und beschrieben. Neben Fahrplanerstellung, operativem Betriebsablauf, Forschung und Entwicklung sowie Sicherheit ist die wichtigste Schnittstelle die von Investitionen in langlebige Anlagegüter wie Schienennetz und "rollendes Material" (Züge, Waggons). Für jede dieser Schnittstellen wurde die optimale Koordinationsform bestimmt. Anschließend wurden auf der Basis von in sechs europäischen Ländern und in den USA untersuchten Bahnstrukturen verschiedene Szenarien für die Entwicklung des deutschen Eisenbahnsektors erstellt. Szenario 1 beschreibt die Fortführung des Status quo, Szenario 2 die Trennung von Netz und Transport, Szenario 3 die Trennung von Netz und Transport unter Konzessionierung des Transports, Szenario 4 die Trennung von Netz und Transport und Aufspaltung des Schienennetzes in verschiedene regionale Eigentümer. Als solche könnten zum Beispiel die Bundesländer fungieren. Diese Szenarien wiederum wurden hinsichtlich der Ausschöpfung von Synergieeffekten zwischen Netz- und Transportebene untersucht.

Die Analyse der einzelnen Schnittstellen zeigt, dass durch eine Organisation innerhalb eines Unternehmens häufig negative Folgen (in der Regel durch höhere Kosten) gegenüber einer alternativen, vertikal desintegrierten Struktur zu erwarten sind. Dementsprechend schneidet das Szenario, welches den Status quo in Deutschland fortschreibt (integrierte Struktur), gegenüber anderen möglichen Organisationsformen in vielerlei Hinsicht schlechter ab.

Weitere Informationen erteilen Ihnen gern: PD Dr. Christian von Hirschhausen, Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik, Tel.: 030/314-25449, Fax: 030/314-26934, E-Mail: cvh@wip.ww.tu-berlin.de
Prof. Dr.-Ing. habil. Jürgen Siegmann, Institut für Land- und Seeverkehr, Fachgebiet Sc

Ramona Ehret | TU Berlin
Weitere Informationen:
http://www.tu-berlin.de/presse/pi/2004/pi135.htm

Weitere Berichte zu: Eisenbahnsektor Schiene Schienennetz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Verkehr Logistik:

nachricht Effizient und intelligent: So können Drohnen die Zustellung von Gütern planen
12.07.2017 | Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

nachricht Hyperloop: Hightech aus dem Nordwesten
10.07.2017 | Hochschule Emden/Leer

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Verkehr Logistik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: 3-D scanning with water

3-D shape acquisition using water displacement as the shape sensor for the reconstruction of complex objects

A global team of computer scientists and engineers have developed an innovative technique that more completely reconstructs challenging 3D objects. An ancient...

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungen

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungen

Recherche-Reise zum European XFEL und DESY nach Hamburg

24.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Lupinen beim Trinken zugeschaut – erstmals 3D-Aufnahmen vom Wassertransport zu Wurzeln

24.07.2017 | Biowissenschaften Chemie