Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mit Tempo 300 vom Rhein zum Main

26.07.2002


Verkehr: Neubaustrecke Köln – Frankfurt kostete 6 Mrd. €

Eine Jungfernfahrt mit 300?km/h auf neuer Trasse. Am 25. Juli, mehr als drei Jahrzehnte nach den ersten Absichtserklärungen zum Bau einer Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Köln und dem Rhein/Main-Gebiet, eröffnete die deutsche Bahn feierlich die Neubaustrecke. Am 1. August beginnt der öffentliche Probeverkehr, am 15. Dezember der volle fahrplanmäßige Betrieb.


Mit der Neubaustrecke Köln – Frankfurt/Main nehmen wir eins der größten Infrastrukturprojekte in der Geschichte der deutschen Eisenbahn in Betrieb“, jubelt die Deutsche Bahn. Auf diesen Tag hat sie wahrlich lange warten müssen: Im Oktober 1969 erhob der eben neu gewählte SPD-Bundeskanzler Willy Brandt das Projekt in seiner Regierungserklärung zum Programm. Die Verbindung gilt als die am stärksten belastete in Europa. Mit einer neuen, schnellen Direktverbindung zwischen Köln und Frankfurt sollte die Schiene im Wettbewerb gegenüber der Autobahn aufholen können.

Am 25. Juli gehörte zu den rund 800 Ehrengästen der ICE-Eröffnungsfahrt selbstverständlich auch viel Politikprominenz aus Bund und Ländern. Obwohl die Strecke vor allem gegen landespolitische Widerstände und Befindlichkeiten durchgesetzt werden musste, loben nun die Landesfürsten von Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hessen einmütig das vollendete Werk. Schließlich ist es ihnen oder ihren Vorgängern zu verdanken, dass zumindest eine der künftigen ICE-Linien auf dem Weg nach Stuttgart eher einer Regionalbahn gleicht: mit Halt im Provinzstädtchen Montabaur, in Limburg Süd, Wiesbaden, Mainz, Worms, Mannheim und Heidelberg.

DB-Chef Hartmut Mehdorn sah einen Grund zum Feiern vor allem darin, dass die Reisenden zwischen Köln und Frankfurt künftig eine volle Stunde Fahrzeit sparen: „Ein wahres Geschenk!“ Was freilich nicht wörtlich zu nehmen ist, denn die „geschenkte“ Stunde lässt sich die Bahn gut bezahlen: mit 12 € Zuschlag und 2,60 d für die obligatorische Platzreservierung.

Ursprünglich sollte die Fahrtdauer unter einer Stunde bleiben. Dafür ist die Strecke als erste in Deutschland für Tempo 300 km/h trassiert. Die genauere Berechnung der Fahrpläne über die 177 km lange „Berg- und Talbahn“ durch Siebengebirge, Westerwald und Taunus ergab indessen, dass dieses Ziel nicht zu erreichen ist. Je nach Zahl der Zwischenstopps muss bis zu einer Viertelstunde mehr kalkuliert werden. Mehdorn mochte dennoch auf die glatte Stunde nicht verzichten und änderte kurzerhand die Bezugsgröße: Von Fahrtdauer in Zeitersparnis. In der Tat ist die neue Strecke zwischen den Hauptbahnhöfen und damit den Zentren beider Städte ziemlich genau eine Stunde schneller als der bisherige Weg über Mainz und am Rhein entlang.

Ab 1. August lässt sich das völlig neue Reiseerlebnis schon mal testen, allerdings zunächst nur alle zwei Stunden und lediglich im Shuttle-Verkehr zwischen Köln und Frankfurt. Ab 1. September will die Bahn zum Stundentakt übergehen, für den derzeit noch die Züge fehlen. Weil die neue Strecke entlang der Autobahn A3 – ebenfalls erstmals auf einer deutschen Hauptstrecke – Steigungen bis zu 40 ‰ aufweist, ist für sie ausschließlich der ICE der 3. Generation geeignet und zugelassen. Und davon gibt es noch zu wenige.

Bisher stehen der Deutschen Bahn lediglich 37 ICE-3-Züge mit dem Stromsystem 15 kV/16,7 Hz zur Verfügung, zu denen noch 13 hinzukommen, die zusätzlich für 25 kV/50 Hz (Frankreich), 1,5 kV Gleichspannung (Niederlande) und 3 kV (Belgien) elektrisch ausgerüstet sind. Für eine großzügige Nutzung der neuen Strecke reichen diese Züge bei weitem nicht aus, zumal der aus acht Wagen bestehende ICE 3 auch nach Verringerung der Sitzabstände in der 2. Klasse, Umwandlung eines 1.-Klasse-Wagens und eines Teils des Restaurants in 2. Klasse nur 454 Sitzplätze bietet.

Um die Kapazität der bisherigen Intercity-Züge mit nahezu doppelt so vielen Plätzen zu erreichen, müssten jeweils zwei ICE-3-Einheiten gekuppelt werden. Doch auch dafür fehlen großenteils die Züge. Immerhin hat die Bahn inzwischen 13 Einheiten nachbestellt, die 2004 einsatzbereit sein sollen.

Die Schnupper-Fahrgäste im Probeverkehr auf der neuen Strecke werden als erste auch des neuen – aus Sicht der DB deutlich besseren – Angebots an Speis´und Trank teilhaftig werden. Schon im Vorfeld gab es darum heftige Dispute. Als in der Öffentlichkeit von „Unzumutbarkeit“ gesprochen wurde, Reisende auf langen Strecken mit belegten Brötchen abzuspeisen, reagierte DB-Chef Mehdorn äußerst ungehalten: „Ich verstehe nicht, wie Leute sich anmaßen, über ein Konzept zu urteilen, das sie gar nicht kennen.“ Die Fahrgäste können auch in der 2. Klasse an ihrem Sitzplatz speisen, statt des Restaurants gibt es ein halb so großes Bistro. Ab 15. Dezember wird die neue Gastronomie in allen ICE 3 und ab 2003 nach und nach auch im übrigen Fernverkehr zum Zuge kommen.

Über zweierlei wird nun, da auf der neuen Strecke der Alltag einkehrt, nicht mehr groß geredet: über die Kosten und über die Bauzeit. Anfang der 70er Jahre waren 1,85 Mrd. € bzw. 3,62 Mrd. DM (Preisstand 1972) kalkuliert, in den drei Jahrzehnten seither wurde daraus rund 6 Mrd. €, einschließlich Teuerung. Und ursprünglich sollte die Strecke, schon damals entlang der Autobahn geplant, 1985 in Betrieb genommen werden. Bei der Einweihung am 25. Juli 2002 dürften sich daran wohl nur einige wenige erinnert haben.

ICE-Neubaustrecke Köln – Rhein/Main Strecke Köln – Frankfurt/Main 177 km
Gesamte Neubaulänge mit Abzweigungen und Anbindung Flughafen Köln/Bonn 219 km
alte Strecke über Mainz und Koblenz 222 km
Tunnel 30
Tunnel-Länge insgesamt 47 km
Tunnel-Anteil 21,5 %
längster Tunnel, „Schulwald-Tunnel“ 4500 m
Talbrücken 18
Talbrücken-Länge insgesamt 6 km
Talbrücken-Anteil 2,9 %
längste Brücke, „Hallerbachtalbrücke“ 992 m
Höchstgeschwindigkeit 300 km/h
Größte Längsneigung 40 ‰
Kleinster Kurvenradius 3350 m
Haltestellen: Köln Hbf Köln-Deutz/Messe, Siegburg/Bonn
Montabaur; Limburg Süd; Frankfurt/M-Flughafen Fernbahnhof, Frankfurt/M Hbf; Wiesbaden;
zusätzliche Anbindung: Flughafen Köln/Bonn ab 2004


| Newsletter

Weitere Berichte zu: ICE Neubaustrecke

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Verkehr Logistik:

nachricht Hubschrauberflüge unter Extrembedingungen simulieren
27.12.2016 | Technische Universität München

nachricht HS Trier stellt neues Elektrofahrzeug für Nahverkehr vor – Weltneuheit im Bereich Mobilität
23.12.2016 | Hochschule Trier

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Verkehr Logistik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Im Focus: Mit Bindfaden und Schere - die Chromosomenverteilung in der Meiose

Was einmal fest verbunden war sollte nicht getrennt werden? Nicht so in der Meiose, der Zellteilung in der Gameten, Spermien und Eizellen entstehen. Am Anfang der Meiose hält der ringförmige Proteinkomplex Kohäsin die Chromosomenstränge, auf denen die Bauanleitung des Körpers gespeichert ist, zusammen wie ein Bindfaden. Damit am Ende jede Eizelle und jedes Spermium nur einen Chromosomensatz erhält, müssen die Bindfäden aufgeschnitten werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für Biochemie zeigen in der Bäckerhefe wie ein auch im Menschen vorkommendes Kinase-Enzym das Aufschneiden der Kohäsinringe kontrolliert und mit dem Austritt aus der Meiose und der Gametenbildung koordiniert.

Warum sehen Kinder eigentlich ihren Eltern ähnlich? Die meisten Zellen unseres Körpers sind diploid, d.h. sie besitzen zwei Kopien von jedem Chromosom – eine...

Im Focus: Der Klang des Ozeans

Umfassende Langzeitstudie zur Geräuschkulisse im Südpolarmeer veröffentlicht

Fast drei Jahre lang haben AWI-Wissenschaftler mit Unterwasser-Mikrofonen in das Südpolarmeer hineingehorcht und einen „Chor“ aus Walen und Robben vernommen....

Im Focus: Wie man eine 80t schwere Betonschale aufbläst

An der TU Wien wurde eine Alternative zu teuren und aufwendigen Schalungen für Kuppelbauten entwickelt, die nun in einem Testbauwerk für die ÖBB-Infrastruktur umgesetzt wird.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

14. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

12.01.2017 | Veranstaltungen

Leipziger Biogas-Fachgespräch lädt zum "Branchengespräch Biogas2020+" nach Nossen

11.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltweit erste Solarstraße in Frankreich eingeweiht

16.01.2017 | Energie und Elektrotechnik

Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop

16.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vermeintlich junger Stern entpuppt sich als galaktischer Greis

16.01.2017 | Physik Astronomie