Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Weg vom "Schmuddelkinder"- Image: Neue Ausbildung für Lackierer

22.03.2002


Vier angehende Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik nehmen einen Lackierroboter in Betrieb
© Fraunhofer IPA/Anne Mildner


Praktische Übung: Vorbereiten eines Prüfkartons für den Vergleich verschiedener Spritzstrahle
© Fraunhofer IPA/Anne Mildner


Im Produktionsprozess ist die Beschichtungstechnik häufig noch ein Stiefkind. Zu unrecht, denn die Oberflächenbeschaffenheit zählt heute zu den wichtigsten Produkteigenschaften und die Beschichtungsverfahren werden immer komplexer. Dem trägt ein neuer Ausbildungsberuf Rechnung. Die Nachfolger der Fahrzeuglackierer werden nicht nur in Betrieb und Berufsschule, sondern auch im Technikum eines Forschungsinstituts ausgebildet.

Vom alten Lackiererberuf ist "der Lack ab", zumindest bei der Gottlieb-Daimler-Schule (GDS) I in Sindelfingen. In Zusammenarbeit mit der Industrie und auf Initiative der Deutschen Gesellschaft für Oberflächenbehandlung DFO richtet sie ab 1999 nicht nur die Ausbildung zum/zur "Verfahrensmechaniker(in) für Beschichtungstechnik" ein. Sie gewann auch neue Partner für die Lernortkooperation. Neben Berufsschule und Lehrbetrieb beteiligt sich erstmals zusätzlich eine Forschungseinrichtung an der Ausbildung gewerblich-technischer Lehrlinge. "Mit dem neuen Beruf soll für die vielfältigen hochtechnologischen Beschichtungsprozesse in der Industrie ein neues Facharbeiterprofil entwickelt werden, das Fertigungssicherheit mit hohen Qualitätsanforderungen verbindet", erklärt Schulleiter Wolfgang Wirtky. Der neue Verfahrensmechaniker löst den alten "Fahrzeuglackierer (Industrie)" ab. 25 Jugendliche gingen im Herbst 2000 an den Start und werden nicht nur an der GDS I und in ihren Betrieben, sondern auch am Fraunhofer IPA ausgebildet. Im September 2001 traten weitere 27 Haupt- und Realschulabgänger aus Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Thüringen in ihre Fußstapfen. Die ersten Praktika im Oberflächentechnikum des Fraunhofer IPA fanden im Februar und März 2002 statt.

Beschichtungstechnik ist eine typische Querschnittsdisziplin. Die Facharbeiter müssen wesentlich mehr beherrschen als nur die Spritzpistole. Anlagentechnik, Verfahrenstechnik und Lackchemie gehören mittlerweile ebenso dazu wie Messtechnik und Datenverarbeitung. Die zunehmende Automatisierung führt dazu, dass der Verfahrensmechaniker nur noch wenig mit dem früheren Industrielackierer gemein hat. Beschichtungsverfahren und -techniken haben sich mit den Werkstoffen in den letzten 20 Jahren stark verändert - nicht zuletzt auf Grund der steigenden Ansprüche an die Endprodukte und der strenger werdenden Umweltstandards. Zu den traditionellen Nasslackverfahren sind u. a. lösemittelarme Wasserlacke oder weitgehend lösemittelfreie Verfahren wie die Pulverlackierung gekommen. Und noch etwas hat sich geändert: "Die traditionelle Lackiertechnik sollte nicht mehr das ’Schmuddelkind’ am Ende industrieller Prozesse sein", fordert Dieter Ondratschek vom Fraunhofer IPA. Vielmehr nimmt die Schichttechnik heute eine zentrale Stelle in der Produktion ein. Nicht zuletzt, "weil die Oberflächenbeschaffenheit zu einer Produkteigenschaft mit zentraler Bedeutung geworden ist", erklärt er.

Der neue dreijährige Ausbildungsberuf des Verfahrensmechanikers/ der Verfahrensmechanikerin für Beschichtungstechnik vermittelt die notwendigen Fertigkeiten und Kenntnisse. Nach einer dreijährigen Lehrzeit können die Facharbeiter selbstständig oder im Team Lackieranlagen und Beschichtungsroboter führen und Störungen beseitigen. "Durch einen hohen Ausbildungsstandard später Fertigungssicherheit für die Unternehmen zu gewährleisten, erfordert von den dualen Lehrpartnern Betrieb und Berufsschule ein hohes Maß an Ausbildungsqualität und Kooperationsbereitschaft", weiß Schulleiter Wirtky. Allerdings führt die verfahrenstechnische Vielfalt dazu, dass heute kaum ein Betrieb oder eine berufliche Schule alle Verfahren der Beschichtungstechnik praktisch vermitteln kann. Neue Modelle über die Lernortkooperation Schule - Betrieb hinaus, externe Kooperationspartner waren gefragt.

So entstand die Idee, bestimmte Unterrichtsinhalte und mehrere Wochen Blockunterricht ins Lackiertechnikum des Fraunhofer IPA zu verlegen. Dort finden die Auszubildenden optimale Möglichkeiten vor, auch Beschichtungsverfahren kennen zu lernen, die im eigenen Betrieb (noch) nicht angewandt werden. In den Anlagen und Schulungsräumen des Fraunhofer IPA erarbeiten die Auszubildenden die Theorie der Verfahren und setzen sie in praktischen Beschichtungsübungen um. "Theorie und Praxis werden so ideal verbunden", sagt Wolfgang Wirtky. Mit diesem "Outsourcing" von Ausbildungsinhalten kauft sich die GDS I verfahrenstechnische Qualifikation ein, die eine berufliche Schule nur schwer selbst realisieren könnte. Finanziert wird diese Maßnahme einerseits durch den Landkreis Böblingen. Als Schulträger kommt er für die Sachkosten des Schulbetriebs auf und damit auch für die Nutzung der Anlagen des Fraunhofer IPA. Darüber hinaus investierte der Landkreis 823 000 Euro in Laborausstattung und Umbaumaßnahmen bei der GDS. Die Ingenieure des IPA, als "Nebenlehrer" des Landes eingestellt, werden aus dem Etat des Kultusministeriums bezahlt.

Sieben große und mittelständische Unternehmen bilden mittlerweile Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik mit der GDS I nach dem neuen Konzept aus. Weitere Betriebe auch außerhalb Baden-Württembergs haben bereits Interesse angemeldet. Für das nächste Schuljahr sind bereits zwei Eingangsklassen vorgesehen.


Ihre Ansprechpartner für weitere Informationen:
Gottlieb-Daimler-Schule I, Neckarstraße 22, 71065 Sindelfingen
Stephanie Böttger (Projektleiterin), Telefon 07031/6108-115, Telefax 07031/6108-250
Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA
Pressestelle, Telefon 0711/970-1667, Telefax 0711/970-1400, E-Mail presse@ipa.fraunhofer.de

Dipl.-Ing. Michaela Neuner | IPA-Mediendienst

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Verfahrenstechnologie:

nachricht Innovation macht 3D-Drucker für kleinere und mittlere Unternehmen rentabel
24.03.2017 | Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm

nachricht Neues energieeffizientes Verfahren zur Herstellung von Kohlenstofffasern
13.03.2017 | Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Verfahrenstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise