Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wissen hilft nicht: Immer mehr Erwachsene zu dick

25.02.2009
"Prävention von Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter": Institut für Ernährungspsychologie an der Universitätsmedizin Göttingen und Deutsche Gesellschaft für Ernährung mit Fachtagung in Hannover.

Unser Ess- und Bewegungsverhalten wird vor allem durch Emotionen beeinflusst, jedoch kaum durch besseres Wissen. Nährstoffangaben auf der Lebensmittelpackung helfen deshalb nicht automatisch gegen Übergewicht. Bloße Appelle, sich mehr zu bewegen, laufen ins Leere. Hinweise auf eine "bedarfsgerechte" Ernährung ändern nichts, weil mit Essen vor allem Bedürfnisse befriedigt werden.

Darin waren sich die Experten einig, die Mitte Februar 2009 in der Ärztekammer Niedersachsen in Hannover auf einer Fachtagung des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universitätsmedizin Göttingen und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Sektion Niedersachsen, referierten. Thema war: "Prävention von Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter". Die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, Dr. Martina Wenker, betonte in ihrer Begrüßungsrede vor etwa 150 Ärzten, Pädagogen, Ernährungsfachkräften und Psychologen: In der Vorbeugung von Übergewicht liegen große Chancen für Gesundheit und Lebensqualität.

Die Bewegung kommt zu kurz! Nicht einmal 30 Prozent der mitteleuropäischen Bevölkerung bewegen sich ausreichend. Welche Folgen dies hat, zeigte Prof. Dr. Claus Vögele, Psychologe an der Universität Roehampton (London) in seinem Vortrag. Danach ist nicht in erster Linie das Übergewicht selbst, sondern häufig mangelnde körperliche Aktivität für eine Lebensverkürzung verantwortlich. Gute Vorsätze, dies zu ändern, währen nur kurz: Fitness-Studios und Sportvereine melden im ersten halben Jahr nach einer Anmeldung Abbruchquoten von bis zu 80 Prozent. "Dass der Mensch sich selbst mehr bewegen will, gibt den Ausschlag", sagte Vögele. "Die innere Motivation, die Freude an der Bewegung und die feste Überzeugung, dass mehr Bewegung mehr Gesundheit bringt, sind die wichtigsten Voraussetzungen." Viele Menschen könnten gesteigerte Alltagsbewegung anstelle von Sport besser langfristig durchhalten. Dadurch erreiche man eine ebenso gute Wirkung auf die Gesundheit.

"Die Kennzeichnung von Lebensmitteln nach dem "Ampelprinzip" wird dem Verbraucher kaum helfen, die richtige Lebensmittelwahl im Supermarkt zu treffen", so Priv. Doz. Dr. Thomas Ellrott vom Institut für Ernährungspsychologie an der Universitätsmedizin Göttingen. Die Idee: Mit roten, gelben und grünen Punkten gekennzeichnete Lebensmittel sollen dem Verbraucher eine gesunde Auswahl erleichtern. Das gute Rapsöl wird jedoch mindestens einen roten Punkt, gesunder Lachs gar rot-gelb-grün-rot für den Fettgehalt, den Gehalt an gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz erhalten. Wie soll der Verbraucher bei diesem Ampelwald entscheiden? "Das Modell der Ampel mit ihren rigiden Start-Stopp-Signalen ist für die Lebensmittelauswahl gänzlich untauglich, da es beim Essen nicht um "gar nicht" bzw. "nur noch" geht", sagt Ellrott. "Die Gesamtauswahl zählt, nicht das einzelne Produkt. Viele gesundheitsfördernde Produkte wie Nüsse und hochwertige Pflanzenöle würden rote Punkte für einzelne Nährstoffe erhalten. Der Verbraucher würde dann solche Produkte nicht mehr wählen." Erfahrungen aus den USA zeigen: Es ist eine Illusion zu glauben, die Nährwertkennzeichnung allein würde die Bevölkerung schlank machen. Aber gerade das würde derzeit suggeriert, so Ellrott.

Wie wenig Einfluss Informationen überhaupt auf das Essverhalten haben, dies zeigte Prof. Dr. Volker Pudel an einer repräsentativen Untersuchung bei sechs- bis 16-jährigen Kindern. Kinder und Jugendliche in Deutschland können Lebensmittel zutreffend bewerten: Vollkornbrot ist gesund, macht stark. Doch sie mögen es nicht. Schokolade macht dick und ist nicht gesund. Das haben Schüler gelernt, aber genau die mögen sie.

Die Erkenntnis der Experten: Der Verbraucher möchte keine "bedarfsgerechte Ernährung", sondern ein Essen, das seinen Bedürfnissen entspricht. Deshalb lautet der Weg: Wer die Verbraucher bei diesen Bedürfnissen abhole, kann auch deren Verhalten ändern. So lief unter dem Slogan "Mehr Lust auf Leben" in Baden-Württemberg und Sachsen die bisher größte Gesundheitsaktion PfundsKur/PfundsFit.

Wie können Verbraucher motiviert werden, richtig zu essen und zu bewegten Menschen zu werden? Die Ergebnisse der Tagung: Der Spaß- und Erlebnisfaktor darf nicht zu kurz kommen. Die Bedürfnisse müssen berücksichtigt werden. Nicht Informationen ändern Ess- und Bewegungsverhalten, sondern nur praktische Trainingsangebote in kleinen Schritten. Emotionales Verhalten ändert sich nur durch emotionale Erlebnisse und reagiert nicht auf kluge Ratschläge.

WEITERE INFORMATIONEN:
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität
Institut für Ernährungspsychologie
Priv. Doz. Dr. Thomas Ellrott, Telefon 0551 / 39-22742, Fax 0551 / 39-9621
Humboldtallee 32, 37073 Göttingen
www.ernaehrungspsychologie.org (Tagungsprogramm)
thomas.ellrott@gmx.com

Stefan Weller | Uni Göttingen
Weitere Informationen:
http://www.universitaetsmedizin-goettingen.de
http://www.ernaehrungspsychologie.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt
23.01.2017 | Haus der Wissenschaft Braunschweig GmbH

nachricht Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen
20.01.2017 | Ernst-Abbe-Hochschule Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde

23.01.2017 | Geowissenschaften

Immunabwehr ohne Kollateralschaden

23.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

23.01.2017 | Physik Astronomie