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Wie stellt sich die Vielfalt der Kulturen in der Kinder- und Jugendliteratur dar?

07.08.2009
Mit der Vielfalt der Kulturen in der Kinder- und Jugendliteratur beschäftigen sich über 400 Literaturwissenschaftler aus 50 Nationen im Rahmen des Kongresses 'Children's Literature and Cultural Diversity in the Past and the Present', der vom 8. bis 12. August auf dem Campus Westend der Goethe-Universität stattfindet, dies ist gleichzeitig die Jahrestagung der International Research Society for Children's Literature (IRSCL). Organisiert wird die Tagung von Prof. Hans-Heino Ewers, Direktor des Instituts für Jugendbuchforschung an der Goethe-Universität.

Wie thematisieren aktuelle Fantasy-Trilogien den Kampf der Kulturen? Wie geht die arabische Kinderliteratur mit der kulturellen Vielfalt um? Was sagen serbische Kinderromane über den Bosnienkrieg aus?

Schafft die Serie 'Türkisch für Anfänger' mehr Toleranz für den Islam in der Gesellschaft? Wie wird die Auswanderung in die USA in der aktuellen mexikanischen Kinderliteratur dargestellt? In über 300 Vorträgen und 10 Panels untersuchen die ForscherInnen, welchen Beitrag Kinder- und Jugendbücher sowie andere Medien wie Filme, Fernsehformate, Comics, Mangas und Computerspiele zum Verständnis anderer Kulturen und zum Zusammenleben verschiedener Ethnien leisten können. Denn die Rahmenbedingungen der kulturellen Sozialisation sind schwieriger, anfälliger, labiler geworden.

In der globalen Mediengesellschaft sind trotz der Dominanz der anglo-amerikanischen Produktionen fremde Kulturen in einem bislang nicht gekannten Ausmaß tagtäglich präsent. Kinder und Jugendliche können sich der von den elektronischen Medien erzeugten Informations- und Bilderflut kaum erwehren.

Doch "Cultural Diversity" bezieht sich auch auf die Vielfalt der Sprachen - und so wird auf dem Kongress lebhaft darüber diskutiert, wie die Dominanz der anglo-amerikanischen Produktionen die Entwicklung nationaler Kinderliteraturen in nicht-englischsprachigen Ländern beeinträchtigt. In welchem Ausmaß wird Kulturspezifisches beim Übersetzen eliminiert und so eine Begegnung mit dem Fremden verhindert? "Während der Anteil der Übersetzungen bei uns über 30 Prozent der Buchproduktion ausmacht, liegt die Quote in den englischsprachigen Ländern um die 3 Prozent.

Es gelingt nur einem Bruchteil anderssprachiger Kinder- und Jugendliteratur, sich auf dem anglo-amerikanisch-australischen Markt zu etablieren", skizziert Ewers die Tendenz der letzten Jahren, "die nicht dazu beiträgt, das Wissen über andere Kulturen auf allen Seiten zu mehren und eigene kulturelle Identitäten zu stärken." Zahlreiche Vorträge gehen der Frage nach, in welchem Maße durch Übersetzungen ein Verständnis anderer Kulturen gefördert werden kann. Angesprochen wird unter anderem, was bei der Übersetzung von 'teenager fiction' aus dem Englischen ins Französische und umgekehrt geschieht, was mit japanischen Bilderbuchtexten bei der Übersetzung ins Englische und Deutsche passiert oder welche Bedeutung Übersetzungen in der Volksrepublik China haben.

Weltweit wird die Kinder- und Jugendliteratur immer wieder für Zwecke der kulturellen Sozialisation, zur Vermittlung von Wissen über die eigene Kultur wie über andere Kulturen, für die Erzeugung von Einstellungen zur eigenen und zu fremden Kulturen in Anspruch genommen. Dies geschieht in der Kinder- und Jugendliteratur - wie die Kongressbeiträge bei dem Kongress zeigen - im positiven wie im negativen Sinn: zur Förderung von Offenheit und Toleranz, aber auch zur Abgrenzung, Ablehnung, Verachtung und Hass.

Die Kinder- und Jugendliteratur hat darüber hinaus versucht, den Erfahrungen und Gefühlen von Kindern und Jugendlichen, die kulturelle Repressionen erfahren, die ihre Heimat verlassen und sich in einer fremden Umgebung aufs Neue zurecht finden mussten, Ausdruck zu verleihen. Auch darauf gehen die Wissenschaftler in ihren Vorträgen ein: Wie werden beispielsweise die Schicksale von Einwanderern und Flüchtlingen in der südafrikanischen Kinderliteratur dargestellt? Hat sich die schwedische Kinderliteratur mit dem Schicksal jüdischer Flüchtlingskinder in Skandinavien auseinandergesetzt? Wie spiegelt sich die Einwanderung in die USA in der amerikanischen Kinderliteratur des 19. Jahrhunderts, wie die Immigration nach Israel in der hebräischen Kinderliteratur von heute wider?

"Im Zeitalter der Globalisierung gilt es stärker denn je darauf zu beharren, dass Mehrsprachigkeit, zumindest aber die Kenntnis einer Fremdsprache die Voraussetzung für eine interkulturelle Kompetenz darstellt, die ihren Namen verdient", betont Ewers. Dem trägt der Kongress zum Leitthema "Cultural Diversity" auch dadurch Rechnung, als vier Konferenzsprachen zugelassen werden - neben dem Englischen als erster Kongress-Sprache auch Französisch, Spanisch und Deutsch.

Bei der Eröffnung dieser Jahrestagung der International Research Society for Children's Literature (IRSCL) am Samstag (8. August) ab 15 Uhr erinnern die amtierende Präsidentin der Vereinigung, die australische Literaturwissenschaftlerin Prof. Clare Bradford, und der Gründungsdirektor des Frankfurter Instituts für Jugendbuchforschung, Prof. Klaus Doderer, auch an das erste Zusammentreffen in Frankfurt vor 40 Jahren. Damals wurde am Main die Internationale Forschungsgesellschaft für Kinder- und Jugendliteratur gegründet - ohne Beteiligung übrigens von Wissenschaftlern aus englischsprachigen Ländern. Der Jubiläumskongress sollte wieder in der Main-Metropole stattfinden, entschieden die Mitglieder und beauftragten Hans-Heino Ewers mit dessen Ausrichtung. Im internationalen Vergleich gehört das Frankfurter Institut für Jugendbuchforschung seit vielen Jahren zu den führenden Forschungsstätten mit vielfältigen internationalen Kooperationspartnern.

Informationen: Prof. Hans-Heino Ewers, Institut für Jugendbuchforschung,
Campus Westend, Tel: (069) 798-32995, ewers@em.uni-frankfurt.de

Ulrike Jaspers | idw
Weitere Informationen:
http://www.irscl2009.de/jom/index.php

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